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Brotkrümeln nicht ausgesät würden, um wieder Brot zu bekommen." – LENARDO: "Das sieht ihr ganz ähnlich. Nun wurde sie krank; ich verzweifle, hole unsern Kreisdoktor Traupel; der Mann fühlt den Puls, berührt die Haut, verhält den Atem, dass ihm die Backen blau werden und die Augen heraustreten und dann bläst er langsam, als bliese er am Lotrohre, mir entgegen; meine Braut habe die Wassersucht, doch hoffe er sie zu kurieren. Denkt euch meine Wut, ich spare kein Geld, alle zwei Tage lasse ich ihn holen; aber das hilft nicht, die Jungfer Braut wird immer stärker; ich hole ihr alle Tage Gesellschaft, die Prediger in der Nähe, die mir so viel Kaffee und Bier austrinken, dass mir die Haare ausgehen möchten." – Der Graf wollte sich hier fort schleichen, aber Lenardo rief ihm nach: "Wart doch Graf, jetzt kommt das Beste. Wir sitzen einmal, ich, zwei Prediger, ihre Frauen und Traupel in tiefer Meeresstille beisammen; meine Braut schien so beängstiget, als wenn sie jeden Augenblick ersticken müsste. 'Sollte ihr das Punktieren nicht helfen?' fragte ich wieder den verfluchten Traupel; er antwortete mir sehr bedeutsam: 'Sie sprechen vom Helfen, der Arzt ist nur zum erkennen und Erleichtern des Übels gesetzt; erleichtern kann ich sie wohl durch Punktieren, aber nur durch Mazeration der Leber und Desoxidation der Haut kann ihr geholfen werden.' Hört nur, die beiden Ausdrücke brachten mich ganz von Sinnen; ich dachte mir, er würde sie wie einen Handschuh umkehren, um sie in Ordnung zu bringen; vielleicht machten's auch die auf dem Ofen langsam schmorenden Krankensuppen, genug es ging alles mit mir um, und die Tränen stürzten mir aus den Augen." – "Das hätte ich sehen mögen, wie du geweint hast", riefen viele. – LENARDO: "Wahrhaftig, ich weinte, drei Bauerweiber haben's auch noch gesehen, die mit ihren zehnfachen Röcken in die stube wackelten, mir vom Kindtaufschmause etwas zu verehren. Die gaben auch ihren guten Rat, sprachen von einem Scharfrichter, der eine Messerspitze voll Pulver gegen die Wassersucht gebe. Traupel ergrimmte über den Quacksalber, der seine wenigen Mittel ohne richtige Erkenntnis der Krankheit austeile. – Wie er so demonstrierte, wurden wir durch ein ängstliches Geschrei der Kranken erschreckt; ich glaubte, sie ersticke, hielt mir beide Ohren zu, laufe wie ein Unsinniger im Zimmer herum und drücke den Kopf endlich gegen die Wand. Die Zeit wird mir lang in dieser Stellung; ich sehe mich um, denkt euch, da hat sich alles verändert; die Prediger lachen, der Arzt ist ganz still; die Frauen sind alle am Bette beschäftigt: 'Was ist?' fragte ich. In dem Augenblicke hör ich vom Bette her ein kleines Kind schreien; ich springe hin, da liegt das kleine Unwesen, meine Braut war sehr glücklich entbunden." – Alle lachten laut auf. – LENARDO: "Ja ihr habt wohlfeil lachen, mir kostete der Spass meine Pfarre, alle Leute wiesen mit Fingern auf mich, der Skandal war zu gross, auch war ich schon vorher durch mein Trinken und Fluchen in der Gegend verrufen; was half's, dass ich mich für unschuldig erklärte; denkt euch, das Mädchen war so ochsendumm, sie hatte von ihrem Zustande gar keinen Gedanken gehabt, sonst wär es ja leicht zu verheimlichen gewesen, das Kind war vom Herzoge.

In meiner Gutmütigkeit verzeih ich ihr alles; aber nun denkt euch noch den Spektakel in meinem haus. Ich sollte alles tun, das Kind wiegen, die Mutter aufwarten; das war auf Ehre ein Leben, ich wette darauf, ein andrer hätte sich nicht so genommen. An einem schönen Tage, schickte der verteufelte Herzog, an den ich wegen dieses sonderbaren Ereignisses geschrieben, seinen Kammerdiener in einer Kutsche; da wurde Mutter und Kind sauber eingepackt. Nach ihrer Abreise war mir meine Kabache ganz verhasst; ich vermöbelte alles, was ich noch hatte, schrieb ans Konsistorium, dass ich noch studieren müsse, da ich jetzt fühle meine Unwissenheit. Nun bin ich so fidel wie vorher, habe meinen halbjährigen Wechsel, will noch einmal Exegese hören, der Herr Vater wird weiter sorgen, bin ja sein einzig Kind seit meiner lieben Schwester tod." – Der Graf wollte wieder fortgehen. – LENARDO: "Wohin Graf?" – GRAF: "Zum unsichtbaren Mädchen." – LENARDO: "Gut, sag ihr doch, wie es ihrer Schwester ergangen; meine Braut war ihre Schwester, oder sonst so was, ich habe nie recht nachgefragt, sie waren lange zusammen bei den spanischen Reitern." – GRAF: "Ich werde alles bestellen." Er wollte "Prost" sagen, aber der alte Studentenruf blieb ihm auf der Zunge kleben.

Der Graf eilte zu dem unsichtbaren Mädchen und wurde leicht eingelassen; ein schlankes, aber kränklich blasses Mädchen empfing ihn, so dass er erst bei ihrer schönen stimme sie für dieselbe erkannte, die ihn unsichtbar gerührt hatte. Sie war sittsam gekleidet und hatte viele schwarzgebundene Bücher um sich liegen. Der Graf erklärte ihr, sein Besuch sei einzig dem Interesse zuzuschreiben, das ihr wunderbares Schicksal ihm eingeflösst habe; er würde es sich für ein Glück achten, es zu erleichtern. Arnika antwortete, dass er ihr in nichts, in gar nichts helfen könne; sie