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ihn bei allem Heiligen, solche schreckliche Gedanken der Philosophen über die Seele nicht zu glauben, das wären die Vergifter der Jugend. – "Und", fuhr er fort, "was haben sie davon, ist wohl einer reich geworden bei solcher Philosophie; ich kaufe sie noch heute alle zusammen mit dem wenigen baren Gelde aus, was bei mir liegt." – Bei diesen Worten schlug er die tür eines Schrankes auf, hob einen gestrichenen Scheffel voll Gold heraus und liess es daraus in die übrige Menge niederfallen. – Der Graf kam verwundert nach seinem wirtshaus zurück; erst hier entdeckte er, was ihn bei der Arnika Montana so verweilt hatte, es war eine Ähnlichkeit in der stimme mit seiner Dolores, die ihn liebenswürdiger, als je, in der Nacht umschwebte: doch immer in der Gewalt eines schrecklichen Zauberers, der ihm wie der Doktor erschien.

Am andern Morgen hörte er im Wirtszimmer über den Doktor reden, der eine erklärte ihn für einen Narren, für einen Prahlhans, den er auf einem fahlen Pferde attrappiert habe. Er habe ihm nämlich einen Umschlag von einer chinesischen Tusche sauber geplättet, so dass es wie ein Blatt aus einem buch ausgesehen, vorgezeigt, da er nun behaupte alle Sprachen zu verstehen, habe er ihm dies Blatt gezeigt und gefragt, was es besage. Mit grosser Dreistigkeit habe jener ihm versichert, es sei ein Stück aus einem chinesischen Romane und es sogleich übersetzt. Lachend habe er ihm darauf gesagt, es sei aber ein blosser Umschlag vom Tusch. Ohne in Verwirrung zu geraten, versicherte hierauf der Doktor, die Chineser pflegten, um Stellen ihrer guten Schriftsteller zu verbreiten, die gewöhnlichsten Bedürfnisse darin einzuwickeln. – Der andre gestand vieles zu, versicherte aber, dass er dessen ungeachtet einer der wohltätigsten Ärzte sei, ohne Eigennutz, und fast immer glücklich, besonders bei gemeinen Leuten, die alle an ihn glaubten; wahr sei es, dass er zwar mit seinen Kenntnissen seit zwanzig Jahren eben nicht fortgeschritten sei, dass er aber alles bis dahin um so genauer kenne. Der Graf fragte hierauf nach dem unsichtbaren Mädchen, das sich bei ihm hören lasse. – "Ja", sagte einer, "damit hat er unsrer Stadt grosse Freude gemacht; die wurde hier stark besucht und keiner konnte das Wunder begreifen; da kaufte er die ganze geschichte von dem Herzoge, der sie herumführte, niemand weiss für wieviel, und zeigte uns nachher, wie alles durch eine Röhre im Fussboden veranstaltet werde, die aus dem Nebenzimmer, wo das Mädchen verborgen, durch das Gitter in die Trompete blase, dass der Hauch und der Ton aus der letzteren zu kommen scheine. Nun sitzt ihm das Mädchen und ihr Bruder auf dem Halse; vielleicht beerben sie ihn." – "Wird man leicht bei den eingehandelten Geschwistern vorgelassen? Ich wär doch neugierig sie kennen zu lernen", fragte der Graf. – "Sehr leicht", rief einer, "man muss sich nur notleidend anstellen, das Mädchen tut gerne Gutes; schön ist sie aber nicht, wie ich erst dachte. Sie wohnen in einem Hinterhause des Doktors; es ist das einzige Haus in der Gasse mit einer Einfahrt." – Der Graf wollte eben aufstehen und zu der Unbekannten eilen, als ein Fremder ziemlich erhitzt ins Zimmer trat, der einem verwilderten Prediger nach seinem Anzuge glich, und im Hereintreten Hut und Perücke in den Winkel warf. – "Lenardo", riefen ihm alle entgegen, auch der Graf ihn gleich erkannte, "hast du nichts mehr zu trinken auf deiner Pfarre, kommst du wieder Brüderchen?" – Wir erinnern uns seiner aus Hollins geschichte, dessen Untergang er ohne Absicht veranlasset, oder der ihn vielmehr in scherzendem Leichtsinne fand.

"Prost ihr Herren!" sagte Lenardo, "guten Tag lieber Graf, ein andermal umarm ich euch, jetzt bin ich zu heiss; ja mit meiner Pfarre ist es aus; bestellt mir doch meinen Schneider, Herr Wirt, er soll mir einen Burschenrock machen." – "Was heisst denn das", fragte einer, "bringst du deine Frau auch mit auf Universitäten; da werde ich dein Stubenkamerad." – "Sprecht mir nicht von der", sagte Lenardo, "mit der war's nichts, zum Glück waren wir noch nicht verheiratet." – "Erzählt doch Alter", riefen viele. – LENARDO: "Was soll ich erzählen, es ist vorbei; die Divina habt ihr doch noch hier gesehen, ein schönes Weibsbild, das war meine Braut. Ich lernte sie im Städtchen kennen, als ich meinen Hafer verkaufte; der Hafer stach mich, ich verliebte mich, ich überredete sie und entführte sie dem prächtigen Herzoge. Das ging alles gut, ich brachte sie in mein Pfarrhaus, gab sie für eine Verwandte aus, die ich heiraten würde und die ich vorläufig zur Führung meiner Wirtschaft in mein Haus genommen. Ihr habt mich nie verliebt gesehen?" – "O ja alle Tage", sagte einer. – "Diesmal", fuhr er fort, "war ich ganz anders verliebt, ich wagte meine Schöne nicht anders als mit Handschuhen anzufassen; denkt euch, ich machte Verse; es bekam mir nicht sonderlich, sie wurde aber ganz krank dabei. Ihr wisst vielleicht nicht, dass sie ochsendumm war?" – "Wer sollte das nicht wissen", sagte einer, "mich hat sie gefragt, ob die