der Wand hervor und schlug mit seiner harten Hand die siebente Stunde an der klingenden Urne; ein metallener Vogel, der auf der Urne zu schlafen schien, regte seine Flügel und sang ein Abendlied; durch alle Zimmer zuckten Drähte, die von dieser Uhr ausgingen und eine Menge Geklingel, Rauschen und Singen in Bewegung setzten. Nun war es ganz still, aber das Knochengerippe war noch nicht verschwunden; es rückte an einer Rechenmaschine, die neben ihm auf einem Tische stand; die Räder schnarrten ängstlich in dem runden Kasten, endlich wurde es still und das Gerippe verschwand. Der Graf sah jetzt nach der Rechenmaschine und fand darauf die Zahl sechsundzwanzig: es war sein Alter, und er lachte über den Zufall; doch wurde es ihm ängstlich in dem schwarzen Zimmer; es war die Zeit des Zwielichtes, wo die Undeutlichkeit des Sehens sich leicht auch der inneren Empfindung mitteilen kann. Er trat in das nächste Zimmer, da trat er sich selbst tief erschrekkend entgegen; doch er hatte zuviel gelitten, um durch so etwas seine Fassung zu verlieren; er sah bald, dass ein elender Hohlspiegel die ganze Überraschung gemacht hatte. Er fand sich in dem Wohnzimmer des Doktors, voll wunderbaren, aber ganz elenden Gerätes; Kaffee und Zucker stand da unter Töpfen voll brennender Farben, blauen und roten Karmins; statt eines Bettes lag da eine Strohmatte mit einem Bündel wohlriechender Kräuter zum Kopfkissen. Er schritt weiter und kam in die Küche, da stand ein kleines Töpfchen mit einer Milchsuppe, das war übergekocht und halbverbrannt; sonst war der Herd voll Retorten der abenteuerlichsten alten Gestaltung, in denen allerlei Dämpfe, wie Schatten von kleinen Menschen überdampften. Hier wurde ihm sehr öde und einsam, und was alle die künstlichen Maschinen nicht vermocht hatten: er schauderte und eine namenlose Angst ergriff ihn vor dem Leben eines ganz einsamen Menschen, der wie der letzte auf der Erde sich in seinen Träumen verliert und verwildert, an Hölle und Himmel zugleich anstösst und nicht hinein dringen kann. Er wollte ins Freie und trat in den Garten; da sass an der Haustüre ein magerer nackter afrikanischer Hund auf seinen Hinterfüssen und wie er ihn niedersenkte, gleich setzte er sich wieder in die beschwerliche Stellung; zwei ekelhafte Katzen schlichen unter kleinen alten, halbverdorrten halbbeschnittenen Bäumen umher, als gingen sie spazieren; liessen sich auch durch die Ankunft des Grafen nicht irre machen, bis eine riesenhafte Kröte aus einer gemauerten Höhle kam; da setzten sie sich stille um sie her und fingen an zu spinnen. Mit Abscheu sah der Graf dies widrige Abrichten; unglaublich, wozu ein Mensch kommen kann, auch der gelehrteste, in wunderlich eigensinniger Abgeschiedenheit; ihm war es, als sähe er sich schon so getrennt von allem Schönen, wenn er von seiner Dolores getrennt, dem Sonderbaren ganz hingegeben. Er trat aus dem schmalen Garten in ein grosses Gartenhaus, das gegen den Sinn des übrigen Hauses, wo alles über und auf einander gehäuft und gelegt war, mit seinen reinen grüngemalten Wänden abstach; in der Mitte hing über einem eisernen Gitter ein kleiner Glaskasten, aus welchem vier Trompeten von Silber ausliefen. Der Kasten hing an einem dünnen Drahte; auf der einen Seite stand eine lebensgrosse Figur, die eine Flöte in Händen trug, auf der andern Seite schwamm auf einem Quecksilberbecken eine metallene Ente. Noch peinigte ihn das Gefühl, ganz fremde und einsam in der Gewalt fühlloser Maschinen zu sein, die von dem Menschen geschaffen, leicht die Obergewalt über ihn bekommen könnten; er sagte trotzig laut: "Spiel Flötenspieler, wenn du was kannst!" – Der Flötenspieler setzte die Flöte sogleich an und spielte zwar etwas steif und unbequem, aber sehr künstliche Konzerte, wobei die Ente im wasser fröhlich rauschte und von den Körnern, die an der Seite lagen, mit grosser Begierde frass. Der Graf schloss beide Augen mit seinen Händen und rief verwundert: "Wer hört hier, wer lässt sich hören, bin ich närrisch, oder ist alles nicht wahr?" Eine zarte weibliche stimme antwortete ihm: "Närrisch sind wir alle, ich kann dich hören, du kannst mich hören." – Der Graf sah auf: "Wer bist du?" – "Das unsichtbare Mädchen", antwortete jetzt die stimme aus der kleinen Trompete des Glaskastens. – GRAF: "Wie kommst du hierher, die Zeitungen erzählen ja, dass du in London eben viel aufsehen machst." – SIE: "Es gibt der unsichtbaren Mädchen viele, mich hält hier die Liebe fest." – GRAF: "Liebe zu einem Unsichtbaren, oder kannst du sehen?" – SIE: "Ich sehe mehr als ihr alle, und liebe mehr als ihr alle; ich liebe den Flötenspieler." – GRAF: "Liebt er dich wieder?" – SIE: "Ach nein, er liebt mich nicht, seitdem ich verlangte, er solle mich ganz lieben; doch was geht dich das an?" – GRAF: "liebes Kind, es geht mich sehr nahe an, denn ich wollte auch einmal in meinem Leben ganz geliebt sein." – SIE: "Unglücklicher, und der Mond hat doch zwei Seiten und eine, die du nie sehen kannst." – GRAF: "Warum hast du das nicht früher eingesehen?" – SIE: "Weil ich früher nicht unglücklich war." – GRAF: "Seit wann bist du unglücklich?" – SIE: "Seit ich in diese Stadt gekommen und