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, wie kann das taugen dem Betrübten, ihr habt mir Meer und Sturm und Himmel verschlungen und durchdrungen.

8.

Müde sink ich in die Kniee, soll ich beten, weil ich glühe, viele Tropfen fallen kühl, keine Tränen, kein Gefühl! Dieser Schritt ist nun der letzte und ich sink, der Selbstgehetzte, der sich selber hat gejaget, selbst zerrissen, nicht geklaget, und die keusche Jagdgöttin sinkt in Strahlen auf mich hin.

9.

Meine Mütze voll von Trauben, Nüsse, die am Boden rollen, Pfirsichen rötlich, weich in Wolle, frischen meinen schwachen Glauben und ich denke an andre Zonen, wo die dunklen Menschen wohnen, wo ein Goldlack Mädchenblicke, schwarze Locken ohne Tücke. Stille wird's in meinem Herzen und im Hirne wird es wach, Liebe, süsse Liebesschmerzen, lasset ihr doch endlich nach. Und die Fluten, die zerstörten, lassen mich, den Tiefbetörten hier im Grünen einsam stehen. Ach wie ist mir doch geschehn. Ach wo war ich doch so lange; kühlend wehet ein Vergessen und mir wird nun endlich bange, dass ich gar nichts hab besessen. Hab ich einstmals doch gesessen meinem Glücke in dem Schoss und hier sitz ich nackt und bloss. Neun monat lag ich im Mutterschoss und hab ihn mit Weinen verlassen, so liess mich die Liebe nackt und bloss am Berge in Nebelmassen; die Schwalben streifen nur daran, wie um das Grab des Geliebten; sie hören mich singen und wissen nicht wo, und kreuzen durch die Lüfte und verlieren sich im Klaren.

10.

Mögen alle Gläser springen, alle Lippen davor erblassen, ja ich will die Wahrheit singen, muss ich auch die Wahrheit hassen. Warum die Schönheit so flüchtig ist, das will ich euch verkünden, sie ist ein Gift, das um sich frisst, die Augen davon erblinden. Warum die Liebe so töricht ist, das will ich euch verkünden, weil sie mit aller ihrer List, sich selbst nicht kann ergründen; o wohl uns, dass so viel Schönheit tot, dass wir sie nicht brauchen zu lieben, o weh uns, dass in der Tränennot mehr Glück als in der Überlegung. Könnt ich von meinen Augen noch eine Träne erpressen, könnt ich von ihrem Hauche die Seligkeit vergessen! In diesem abwechselnden Kampfe der Liebe mit der Verzweifelung an der Liebe scheint er nach den letzteren Bruchstücken einige fröhlichere Gegenden südlicher durchstrichen, vielleicht auch im unvermeidlichen Umgange mit einigen Menschen neue Überlegung gewonnen zu haben. Gewiss ist es, er erhielt es endlich über sich, mit Klugheit Überzeugung zu suchen; erst jetzt gestand er sich, dass er eigentlich doch nur Verdacht, nicht Gewissheit habe, dass Dolores in irgend einer neuen Neigung von dem Marchese und dem Bedienten belauscht worden sei, und nicht ohne Widerwillen wendete er sich rückwärts.

Neuntes Kapitel

Der wunderbare Doktor, das unsichtbare Mädchen

und der Flötenspieler. Lenardo und Divina

So zweifelnd in sich, obgleich entschlossen zurückzureisen, kam er an dem Abende eines heissen Tages nach H ... Kaum war er ausgestiegen im wirtshaus, so fragte ihn schon ein geschäftiger Lohnbedienter, ob er nicht den berühmten Doktor zu besuchen käme. Erst jetzt erinnerte sich der Graf, dass er unbemerkt in die Atmosphäre eines Wundermannes geraten, der allen Menschen genug auf zu raten gegeben seit beinahe funfzig Jahren, ungeachtet dieses halbe Jahrhundert alle Rätsel und Wunder gänzlich verwirft. – Kann er mir auch nicht helfen, dachte er in sich, so bin ich doch dort ein Rätsel unter Rätseln; er liess sich nach seinem haus führen. Er musste durch viele Gassen gehen; endlich traf er am Zusammenstossen von dreien auf ein schiefwinklig gebautes Haus, worin jedes Fenster aus einer einzigen Scheibe bestand, die aber alle von innen durch Malerei undurchsichtig gemacht waren. Der Bediente klopfte an die tür dreimal, ein Mann in schwarzen feinen Kleidern, in einer wunderlich festen weissen Perücke aus Glas gesponnen, mit breiter Stirn, mit tiefen grauen freundlichen Augen, alle Finger voll prächtiger Ringe, fragte nach dem Anliegen; der Lohnbediente antwortete: "Untertäniger Diener, Herr Doktor, ein fremder vornehmer Herr wünschen Ihnen die Aufwartung zu machen." Bei den Worten zog sich der Bediente mit einer tiefen Verbeugung zurück, der Doktor winkte dem Grafen sehr freundlich hineinzutreten; nachdem dies geschehen, schloss er die tür hinter ihm mit sieben Schlössern. Der Graf war in Verlegenheit, ihm recht eigentlich zu sagen, warum er gekommen; er hatte es aber auch weiter nicht nötig; der Doktor entschuldigte sich, dass er noch einen Augenblick zu einem Kranken gehen müsse, den er wegen eines dringenden Geschäfts, er sei Stadtausrufer, in acht Tagen von der Lungensucht kurieren müsse; er möchte inzwischen wohl genug zu sehen haben an den Merkwürdigkeiten, die im haus ständen, nachher wolle er ihm noch einiges in den verschlossenen Zimmern zeigen, das der Mühe wohl wert sei. Der Doktor wandte sich freundlich von ihm, ging zum haus hinaus und verschloss die Haustüre hinter sich. Der Graf sah um sich in dem farbig erhellten Zimmer; über ihm hingen an der Decke statt der Kronleuchter sehr kunstreiche Planetenuhren, in denen die Sonne mit einem wunderbaren Glanze leuchtete; der ganze Spiegel steckte voll lobpreisender Gedichte und Briefe von Menschen, denen der Doktor geholfen, auf der Seite stand eine Uhr als Urne auf einem Grabmale, und die Stunden drehten sich schön gebildet als Mädchen daran umher. Die Uhr rückte zum Schlagen in sich, da trat ein Knochengerippe aus