; sehen Sie diese Beulen.'
So ruhig er diesen Bericht abstattete, so fielen ihm doch dabei einige Tränen aus den Augen. Der Reisende drückte ihm in stiller Teilnahme vier Louisdor in die Hand, wendete sich dann zu dem Oberhäscher, nahm ihn bei Seite und machte ihm Vorwürfe über seine Fühllosigkeit. Er schien beschämt und sagte verlegen: 'Es ist ja gar nicht darum, dass er nicht mit dem Mädchen sprechen soll, dass wir ihn zurückgestossen, aber er will immer bei ihr sitzen und das ist uns zu lästig; er muss unsre Unbequemlichkeit bezahlen, das ist natürlich.' – 'Wie hoch rechnet Ihr diese?' fragte der Reisende. – 'Zwei Louisdor für die ganze Reise', sagte der Häscher unverschämt. – 'Gut', sagte der Reisende, 'da sind sie; stört Ihr aber die beiden, ich werde es erfahren und werde Euch zu strafen wissen.' – So verliess der Reisende das Zimmer und behielt ein schmerzliches Bild unglücklicher verirrter Liebe; denn, um alles kurz zu überschauen, dieses öffentliche Mädchen, so schön als leichtsinnig, hatte den jungen Mann bei seinem ersten Eintritte in die Welt so ganz gefesselt, ihn zehnfach mit seinem Wissen, doch ohne seinen Willen für Lust und Gewinn verraten, ihn aus einem reichen Wohlstande, herzlicher Frömmigkeit, in Elend, und Laster, und Schande gestürzt; er konnte doch nicht von ihr lassen." – DER GRAF: "Die geschichte ist furchtbar und so wahr, dass mir in tiefster Seele schaudert; welchen Gefahren haben Sie sich in der Welt ausgesetzt; es gehört auch dazu eigne Heldentugend, das alles mit Ihrer Überlegenheit zu bestehen; bei Gott, ich bewundre Sie; ich fühle in mir nicht die Stärke dieses Ungeheuer von Welt zu betrachten; lassen Sie sich nun mit meiner Welt genügen. Hier lieber Marchese, hier, wo alle Wege und Felder ein fröhlicher Ansehen gewinnen, hier wird mir fröhlich ums Herz; werden Sie es auch, geben Sie mir die Hand, Sie sind mein Freund; hier ist die Grenze meiner Besitzung, sei Ihr Eingang ein Glückszeichen." – Der Marchese bewunderte als Kenner die Gartenkunst des Grafen, dieses geniale Benutzen des zufälligen Gegebenen, um grosse landschaftliche Wirkungen mit den leichtesten Kunstmitteln daraus hervorgehen zu lassen; nichts war leerer Zierat in den Gärten, keine Tempel mit Altären, auf denen niemals geopfert wird; das Vergnügen der ganzen Gegend fand in dem Garten seinen Mittelpunkt; jede Laune fand ihren willkommenen gang und Ruheplatz. Zuletzt durchstrichen sie Feld und Wald; der Graf machte den Marchese aufmerksam, welche Menge von Bäumen, Gesträuchen und Blumen fremder Gegend, die sich aber uns klimatisieren, bis in die entferntesten Punkte von ihm gepflanzt und gesäet wären, die nun notwendig ihre Art, wie die Perle, ins Meer fallend, in immer weiteren Kreisen dessen Wellen bewege, bis an die fernsten Küsten fortpflanzen müssten. "Alles andre", sagte er, "kann bei einiger Nachlässigkeit künftiger Besitzer schnell untergehn; dies allein ist nur durch ungeheure Naturrevolutionen zu vernichten, die unser Klima ganz abändern." Voll Bewunderung und wirklicher Teilnahme an diesem schönen Bestreben kehrte der Marchese nach der Stadt; noch von niemand fühlte sich der Graf so ganz verstanden; mit seinem freundschaftlichsten Feuer verschwor er sich ihm zum Abschiede. Er gab ihm einen zärtlichen Brief zur Bestellung an seine Frau, worin er ihr den Marchese als seinen liebsten Freund nochmals empfahl; der ganze übrige Tag blieb ihm trübe.
Achtes Kapitel
Des Grafen schwerer Traum. Warnungsbrief.
Verzweiflung an der Liebe und Flucht
In derselben Nacht träumte dem Grafen ein wunderbarer Traum, der ihm die Gräfin in fürchterlicher Untreue darstellte, dass er beim Erwachen auf sie schimpfte, und sich erst allmählich zu erinnern vermochte, was ihn so gewaltig aufgebracht. Als er zum Fenster hinaussah, am Sonnenscheine die trüben Gedanken aus den Augen zu wischen, da hörte er unten einen kleinen Buben, der ein bekanntes Abschiedslied so hinsang ohne zu wissen, was er gesungen; er sang es so aus Nichtstuerei:
Jetzunder geht mir mein Trauern an,
Die Zeit ist leider kommen;
Die mir vorm Jahr die Liebste war,
Die ist mir jetzt genommen.
Mein Herz ist von lauter Eisen und Stahl,
Dazu von Edelsteinen,
Ach wenn doch das mein Schatzliebchen
erführ,
Es würde trauern und weinen.
Es trauert mit mir die Sonne, der Mond,
Dazu die hellen Sterne,
Die haben den lebenden, schwebenden
Garten an dem Himmel.
Wollte Gott, dass ich gestorben wär
In meinen jungen Jahren,
So wär mir all mein Lebetag
Keine grössere Freude widerfahren.
Es ist nicht hier ein kühler Brunn,
Der mir mein Herz tät laben,
Ein kühler Brunn zu aller stunde,
Der fliesst aus meinem Herzen.
Der Graf musste heftig weinen; zum Weinen war er überhaupt leicht gebracht, wenn er allein oder mit Vertrauten war; vor fremden Menschen fand er sich nie zu Tränen gerührt. nachher fielen ihm einzelne Stücke seines Traumes ein, der ihm bald mit dem lied wunderlich genug zusammenschmolz; er schrieb es zu seiner Zerstreuung auf und diese undeutliche Erzählung wird seinen Zustand deutlicher darstellen, als wir es in unsrer Art zu tun vermöchten.
Der böse Traum
SIE:
Mein Karl, was soll ich heute anziehn,
Dass ich ins Auge dir falle,
Soll ich in schimmerndem Rosa blühn,
Ich ging so gern zum Balle.
ICH:
Es kleidet sich schwarz ein ganzes Jahr,
Die Zeit ist