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Ihr begreift doch, dass man nicht zwei solche Taten auf einmal verrichtet, und mit Marat musste man beginnen.'

Sie empfing ihr Todesurteil vom Richter so heiter, als sie es einen monat früher über sich selber ausgesprochen hatte. Sie dankte ihrem Verteidiger, dem Bürger Chauveau, für seine mutige Verteidigung und sagte, sie könn' ihn nicht belohnen, bitte' ihn aber, als ein Zeichen ihrer achtung den Auftrag anzunehmen, für sie eine kleine Schuld im Gefängnis zu bezahlen.

Abends bestieg sie ihren Leichenwagen, auf dem sie den schleichenden Weg zum Sterbebette zwei lange Stunden machte, angezischt und angeheult vom Volk, für das sie sterben wollte. Sie war bitter-allein, ohne irgendeinen Verwandten ihres Herzens oder ihres Schicksals. Bloss unwissend begegnete sie in der Strasse St. Honoré dem, der das eine war und das andere wurde, dem Adam Lux aus Mainz. O warum musste ihr blick, der die anhöhnende Menge vergeblich nach einem gleichflammenden Herzen durchsuchte, diesen Bruder ihres inneren nicht finden und kennen, warum blieb ihr die letzte Entzückung der Erde verweigert, die Überzeugung oder der Anblick, dass der Glaubensgenosse und Verteidiger ihres Herzens und der künftige Märterer ihrer Tat sie jetzt begleite an ihr Grab, dann in dasselbe, und dass eine edle Seele der ihrigen nachweine und darauf nachziehe? – Und er war ihr so nahe und sah ihre letzte Minute! Aber er hatte das Glück verdient, sie sterben zu sehen. Die ganze Frühlingwelt in des Republikaners Herz blühte wieder auf, da er diese Ruhe der Verklärung auf der jugendlichen Gestalt im roten Sterbekleide65, diese auf dem langen Todeswege unverrückte Unerschrokkenheit in den stolzen und durchdringenden Augen, und wieder diese unter dem ewigen Verhöhnen zärtlichen, mitleidigen und feuchten Blicke sah, deren Engelhuld seinem so männlichen Herzen ebenso bitter war als süss. – Nein, wer ein solches Wesen leben und leiden sah, kann es nicht beweinen, nur nachahmen; das vom Wetterstrahle der Begeisterung getroffne Herz duldet nichts Irdisches mehr an sich; so wie bei den Alten die vom heiligen Blitze des himmels getroffne Stelle nicht mehr betreten und überbaut werden konnte." –

"Wär' es denn Sünde," sagte der Graf, "wenn man nach gewissen Gedanken keine mehr denken wollte? Wenn ich jetzt herzlich wünschte, dass mir gegenüber dem Bilde dieser Uranide der grosse schöne Donner das kahle Leben auslöschte? Wär' dies Sünde? Ach warum muss der arme Erdensohn meistens in Wintern aller Art sterben, selten im Feuer und Frühling?"

"Freundlich und ruhig bestieg Charlotte Corday", fuhr ich fort, "die Trauerbühne, wo sie diesen Erdennamen ablegte, und grüsste die wilden Tiere unter dem Gerüste so sanft, dass sogar diese zahm sich niederlegten. Lasset uns nicht lange auf dieser blutigen Stelle verweilen, wo so viele Seufzer und Schmerzen wohnen und nachtönen; und du selber, Charlotte, hast hier die letzten über dieses Schlachtfeld des würgenden Marats, über dieses Erbbegräbnis freier Herzen empfunden! – Ein Würger nahm ihr die jugendlichen Lokken, entüllte das jungfräuliche Herz, das noch einmal in der blassen Todesstunde das keusche Blut auf die verschämten Wangen triebund legte das blühende Leben unter die aufgespannte Parzenschereund es entflog in die ewige Welt.... O nur nicht mehr als einen Augenblick habe der Erdenschmerz, der Erdentod den hohen Geist verfinstert, wie der Berggipfel die Sonne des längsten Sommertags nur eine Minute verdeckt, zwischen ihrem Unter- und Aufgang! – Du aber, edler Mainzer, gehe nun mit deiner entbrannten Seele heim und sage noch einmal die kühne Wahrheit und kehre dann auf dieses Sterbegerüste zurück! – Und niemand von uns weine über die Hohe, sondern er opfere wie sie, was Gott von ihm begehrt, es sei das Leben oder weniger!" Die Erzählung war geendigt. Ich fasste die Hand des Grafen, der weinend seinen Mund auf Cordays Bild gedrückt. Das Gewitter hing brausend auf uns herein und schien vom unaufhörlichen Blitze wie überschleiert oder verflüchtigt. Auf einmal trat im Westen unten an den Wetterwolken die stille Abendsonne heraus wie ein grosses, aber wolkennasses Auge, und wir sahen die weinende niedergehen; und dachten schweigend länger über Helden und Heldinnen der Freiheit nach.

III.

Polymeter

Das Menschen-Herz

Mir träumte, ich sei unnennbar selig, aber ohne Gestalten und ohne alles und ohne Ich, und die Wonne war selber das Ich. Als ich erwachte, so rauschte und brannte vor mir der Frühling mit seinen Freudengüssen wie ein von der Morgensonne durchstrahlter Wasserfall, die Erde war ein aufgedeckter Göttertisch, und alles war Blüte, Klang und Duft und Lust. Ich schloss froh weinend das Auge und sehnte mich nach meinem Traume wieder.

Der Mensch der Bedürfnisse und der höhere

Mensch

Der Mensch, gepresst wie die gekrümmte Feder in der Uhr, dreht an seiner Kette die Stundenräder, um sich wieder auszudehnen, und hat er sich für einen Tag befreit: so wird die Uhr schnell aufgezogen, und er windet wieder die Kette langsam von neuem ab. Der höhere Mensch geht als eine Welt in dem Himmel und wendet sich täglich um seine Sonne.

Die Menschenfreude

Stets zwischen zwei Disteln reift die Ananas. Aber stets zwischen zwei Ananassen reift unsere stechende Gegenwart, zwischen der Erinnerung und der Hoffnung.

Der Eichenwald

Fälle meinen heiligen Eichenwald nicht, o Fürst, sagte die Dryade, ich strafe dich hart. Er fällte ihn aber. Nach vielen Jahren musste er sein Haupt auf den Richtblock hinstrecken, und