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denn die hohe Seele hoffet länger das Hohe als die niedere, und wenn am Hügel schon der Schatten liegt, so glühet der Berg noch lange der Sonne nach.

Da begegnete dieser feste, von der Zeit umhüllte Geist der geopferten wie opfernden Corday auf ihrer Treppe zur Gruft oder eigentlich bei ihrer Himmelleiter; er sah ihr stilles grosses Untergehen und die Henkers-Enteiligung ihres Hauptes und den alles verdrehenden Wahnsinn. – Nun drückte ihn das Leben und die Zeit zu schwer; – die niedergebogne alte Flamme seiner Seele loderte aufwärts, er schrieb ein sehr gemässigtes Blatt für Corday, ein zweites gegen den letzten oder 31ten Wonnemonat, gegen die Vertreiber der Republikaner.

Er wurde ins Gefängnis la Force geworfen; aber sein Geist und seine Zunge blieben frei. Er empfing darin keinen Schmerz als den von seinem wohlmeinenden Bekannten Wedekind, der ins Journal de la Montagne, um ihn zu retten, die Lüge einschickte, Lux habe nur aus wirklichem Wahnsinn der Liebe für Corday so geschrieben. Aber er foderte kräftig den Widerruf ab und wiederholte damit die deutsche Kaltblütigkeit, womit er in der früheren Schrift für Corday zugleich sie bewundert und getadelt hatte. Man bot ihm für Verstummen leibliche Freiheit an; er verwarf den ekeln Köder und sprach nicht nur fort, sondern drang durch Briefe bei den Wohlfahrt- und SicherheitAusschüssen und bei dem Präsidenten und dem öffentlichen Ankläger des Revolution-Tribunales62 immer wärmer darauf, dass man ihn vor Gericht bescheide. – – Endlich erfüllte man ihm am 10. Okt. morgens seine Foderung; abends um 4 Uhr war er da, wo er hingehörte, im land einer dauerhaften Freiheit bei dem Genius, der ihn mit diesem himmlischen Herzen heruntergeschickt.

Und kein Deutscher vergesse ihn! – Aber wie wird alles im Rauschen der fortziehenden Zeit übertäubt und vergessen! Welche hohe Gestalten stiegen nicht aus dem unreinen Strome und glänzten und sanken; wie Wasserpflanzen in die Höhe gehen, um zu blühen, und dann, mit Früchten beladen, untersinken." – –

Ich fuhr fort "Er starb rein und gross zugleich. Dies war schwer in einer Zeit wie die seinige; denn durch die gewaltsamen einmütigen Bewegungen eines volkes wird leicht das zarte moralische Urteil, wie durch ein Erdbeben die Magnetnadel, entkräftet und verrückt. Der Geist der Zeit, von welchem jeder durch seinen einzelnen sich rein zu halten glaubt, besteht ja aus nichts als vielen einzelnen Geistern; und jeder ist früher der Schüler als der Lehrer des Jahrhunderts, wie früher ein Sohn als ein Vater; nur aber dass, weil wir die Farbe des säkularischen Geistes bloss in grossen massen spüren, jene uns aus den einzelnen Wesen, woraus sie allein zusammenfliesst, verschwindet; wie ein einziges, aus dem grauen Welt-Meer geschöpftes Glas wasser rein und hell zu sein scheint. – Auch über den festen Mainzer, der ungleich dem Revolutionhaufen nicht nur Segel, sondern auch Anker hatte, regierte ein Geist der Zeit oder vielmehr ein Geist des volkeser war ein Deutscher."

"Ich sehne mich wieder", sagte der Graf "nach der grossen Corday; ihr Bild vor mir tut mir so wohl wie der jetzige Donner über uns; es blickt ja so heiterruhig, als wär' es das Urbild, in die Blitze."

"Den dritten Tag der Gefangenschaftden Corday den zweiten nach ihrer tätigen Vorbereitung zur inneren Ruhe nennt schrieb sie die unvergesslichen Briefe an Barbaroux und an ihren Vater. Ihr Urteil darin über den toten Marat hatte noch die alte feste Strenge, von keiner Weichherzigkeit für eine Leiche bestochen. Auf gleiche Weise gab sie dem Revolutiontribunal auf die Frage: wie sie Marat für ein Ungeheuer halten können, da er ihr, nach ihrer schriftlichen Klage über Verfolgung, den Zutritt gestattet, zur Antwort: 'was sei denn das, gegen sie menschenfreundlich und gegen alle Menschen ein Wütrich gewesen zu sein?' – Sie bat in ihrem zweiten Briefe ihren Vater um Verzeihung ihrer Aufopferung und sagte: 'Freuen Sie sich, dass Sie einer Tochter das Leben gaben, die zu sterben weiss. Mich beweine keiner meiner Freunde! Ihre Tränen würden mein Andenken beflecken, und ich sterbe glücklich.'

Den Brief an Barbaroux endigte sie mit den Worten: 'Morgen um 5 Uhr fängt mein Prozess an, und ich hoffe an demselben Tage in Elysium mit Brutus und einigen andern Alten zusammenzukommen; denn die Neuern reizen, da sie so schlecht sind, mich nicht.'

Mittwochs den 17ten stand sie vor dem Revolutiontribunal. Was sie davor und überall bisher sagte, würde aus einem andern mund wie erhabene Sprüche klingen; aber wer im Grossen einmal lebt, der zeigt unbewusst und unangestrengt nichts als seine Erhöhung, und er bewohnt bloss die Ebene auf einem Gebirge. Wenn indes die so sanfte Gestalt dem AlbasBlutrate so schneidend und strafend antwortete: so denke man daran, dass kein edler Mann weniger tun könnte, der nun die aufgeblasenen befleckten Richter so vieler unbefleckten Seelen auf einmal vor sich sähe; Leute, der Königschlange gleich, die sich mit ihren Ringen in Gestalt eines tränkenden Brunnens aufmauert, um die Tiere anzulocken und dann erquetschend zu umwickeln.

Cordays Leben hatte nur noch eine freie Minute, und in dieser gab sie auf lauter schlechte fragen diese Antworten: 'Alle Rechtschaffene sind meine Mitschuldigen. – Die Franzosen haben nicht Kraft genug, um Republikaner zu sein.'63Und nach einer Verwechslung64 ihrer mit einer andern Frau, die den Fleischer Legendre sprechen wollen, versetzte sie: '