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Leib und Seele nüchtern und fest.

Endlich kam der rechtschaffene Düperret zu ihrihr gewünschter Besuch des Ministers war vereiteltsie fand Düperret zwar standhaft für das Rechte, aber verschlossen, und sie riet ihm bloss dringend, aus dem Konvent sich nach Caen, wo er mehr Gutes wirken könne, zu begeben. Als er ihr am Richt- und Todestage Marats den Gegenbesuch machen wollte, wich sie ihm aus, um keinen Menschen in ihren Sturz zu ziehen. Die hohe Alpenrose hatte nur einen stechenden Dorn, bloss gegen einen Menschen.

Noch abends am Freitage schrieb sie an Marat und ersucht' ihn dringender um einen Einlass am Morgen.

Der Sonnabend kam; sie kaufte erst diesen Morgen ihren Dolch im Palais-Royal und verbarg die Parzenschere in ihrem Busen. Darauf begab sie sich zu Marat mit der doppelten Gewissheit, jetzt sterbe er unter ihren Händen und zugleich sie selber unter denen des volkes. Er, obwohl an Sünden krank und im Bade, liess sie vor sich. Sie nannte ihm frei alle Namen der in Caen und Evreux begeisterten Girondisten, die gegen die Bergpartei sich verschworen hätten, d.h. die Namen aller ihrer Lebens- und EwigkeitFreunde. 'Nun, in wenig Tagen', versetzte er, 'werde' ich sie alle in Paris guillotinieren lassen.' – – Da nahm plötzlich die Nemesis Cordays Gestalt an und drehte Marats Schlachtmesser um gegen sein eigenes Herz und endigte so den niedrigen Menschen.... Aber ein gelindes Gericht von Gott und Menschen ergehe über die bisher so unbefleckte Hand, die ein höherer Geist in ein beschmutztes Blut eintauchte."

"Dies Gericht wird ergehen", sagte der Graf "Rein wie die Wetterwolke schlug und zückte sie einmal aus ihrem Himmel auf die kotige Erde und zog darauf in ihm weiter. – Aber wie sonderbar wies mit dem Bade und mit den letzten blutdürstigen Worten das Schicksal dem Racheengel die tödliche Stelle an! Durch ähnliche Verkettungen der Zufälle fielen fast alle Bösewichter; das Verhängnis stehet über der Welt mit seinem Geschoss, unten knien die Verbrecher hinter ihren Augenbinden, und die Brust trägt ein schwarzes Herz; und an diesem zeigen sie ihm das tödliche Ziel!"

"Ruhig und ohne Flucht liess sie sich gefangen nehmen. Als der Postmeister Drouet59 mit ihr zur Abtei fuhr, und er den Pöbel, der sie umbringen wollte, durch die Erinnerung an das Gesetz zum Gehorsam brachte, so fiel sie in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, war sie in Verwunderung, dass der Pöbel sie noch leben lassen, und dass dieser, den sie für eine Zusammensetzung von Kannibalen gehalten, dem Gesetz gehorcht hatte. – Das Weinen der Weiber schmerzte ihre Seele, aber sie sagte: 'Wer sein Vaterland rettet, den kümmert es wenig, was es kostet.'

Die Scheide des Dolchs, einiges Geld, ihr Taufschein und Pass, eine goldene Uhr und eine Adresse ans Volk wurden bei ihr gefunden. Bei dem Eintritt in die Abtei rannte ein Jüngling mit der Bitte herzu, ihm statt ihrer Gefängnis und Tod zu geben; er erhielt beides nur wie sie.60 Wer auf den Toten eine Träne fallen lässt, stirbt ihm nach, sagt der Aberglaube; so tötet in der Despotie die Träne, welche auf das schuldlose Opfer rinnt. – Die ganze Nacht sprach das begeisterte Mädchen von den Rettmitteln der Republik: 'Ich habe das Meinige getan,' sagte es vergnügt (nach Drouets Bericht), 'die andern mögen das übrige tun.'

Um diese Zeit hörte der edle Mainzer, Adam Lux, von ihr sprechen, wiewohl als von einer wahnsinnigen alten Betschwester und aristokratischen Schwärmerin; aber bald darauf schaute ein starkes Herz in ein zweites; er begegnete ihr auf ihrem Sieg- und Leichenwagen zur Guillotine und bestieg ihn bald darauf selber (am 10ten Oktober)61, weil er die Heldin und die Freiheit verteidigt hatte." –

Hier nahm der Präsident, da das Gewitter nicht mehr seitwärts, sondern gerade über ihm spielte, Abschied von uns und entschuldigte sich.

"Nur eine Minute lang will ich", begann der Graf, "unterbrechen, um mit Ihnen an das bedeckte verschattete Grabmahl dieses herrlichen Adam Lux, einer Römer-Seele, einer Hermanns-Eiche, zu treten, um daran ein altdeutsches Leben wieder zu lesen, wie es wenige führen. Lux, ein Landmann und glücklicher Vater, war als ein Mainzer Abgesandter nach Paris gegangen, um (friedlicher, als später geschehen) sein Vaterland an Frankreich anzureihen. Er hatte aber in seiner Katos-Brust mehr mitgebracht als er finden konnte im damaligen Pariser Blut-Sumpf: eine ganze römische und griechische Vergangenheit und Rousseaus eingesognen Geist und die Hoffnung einer steigenden, siegenden Menschheit. Da er nun kam und sah, so gingen ihm die Freuden und Hoffnungen unter, und er behielt nichts als sich, sein deutsches Herz; nur die verjagten, an der Zeit reifenden Girondisten waren mit ihren Wunden Balsam für die seinige. Forster und andere Freunde hielten ihn mühsam ab, dass er sich nicht zum Beweise zugleich seiner Treue und Trostlosigkeit vor dem Konvente den Dolch in die hart ausgeplünderte Brust einstiess. Nun konnte er nichts weiter tun (ehe Corday den ihrigen ergriffen), als still und fest sein und mit der glühenden Brust auf den fressenden Wunden ruhen; ins Holz von Boulogne verbarg er sich und las Brutus' Briefe an Cicero; sein Angesicht blieb faltenlos, sogar heiter;