Staatsfeind, nicht für die Straf-Parze einer obrigkeitlichen person.
Am zweiten Juni erschien ihrem geist der Entschluss, zu sterben, zuerst; wie jener Engel dem Apostel im Kerker. – So viele Jünglinge sah sie um sich her dem Freiheitzuge nach Paris, dem grossen grab, zuströmen: da reichte sie dem Engel die Hand, der sie aus dem Leben führen wollte."
"O wenn man doch", sagte der Graf, "in jene tiefe Stunde tiefer schauen könnte, wo die Heldin zu sich sagte: 'Mein Leben sei vorüber, alle heiteren Aussichten verschlinge die einzige; Verzicht sei getan auf alles Geliebte und Erfreuende, auf Vater, auf Freunde und Kinder, auf irdische Zukunft und auf alles, was um mich her die Menschen beglückt; gebt mir die Todesfackel statt der Brautfackel; und die Todesgöttin drücke als Blumengöttin das feste schwarze Siegel auf mein Rosenleben!' – Es ist bekannt, dass die Heldin darauf einen ganzen monat lang ihren grossen Vorsatz schweigend in der Brust bewahrte. Aber wie leicht und klein mussten ihr in dieser Zeit die Spiele und Plagen des Lebens erscheinen, wie frei ihr Herz, wie rein jede Tugend, wie klar jede Ansicht! Sie stand jetzt auf dem höchsten Gebirge und sah die Wetterwolken nur aus der Tiefe, nicht aus der Höhe kommen und sich von ihnen kaum verhüllt und benetzt, indes die andern, die tiefen Menschen auf dem Boden, ängstlich nach dem Gewölke aufblickten und auf dessen Schlag harrten. – Der edle Krieger, der handelnde Republikaner, der gottbegeisterte Mensch, sie haben diese hohe Stellung, die sie so sehr für alles häusliche Einnisten in bequeme warme Freuden entschädigt und erkältet." –
"Den 7. Juli reisete sie nach Paris ab, nachdem sie ihrem Vater, um Einverwickelung und Vaterängste abzuwenden, geschrieben, dass sie vor dem harten Anblicke des Bürgerkriegs nach England entweiche. Schweigend, ohne einen Ratgeber, ohne eine teilnehmende oder stärkende Seele, schied das 25jährige Mädchen von allen geliebten Wesen und trat in der heissen Jahreszeit die lange Reise zum Altare an, wo es bluten wollte. 'Ich befand mich', schreibt sie an Barbaroux, 'in der Postkutsche in Gesellschaft guter Bergbewohner, die ich ganz nach ihrem Wohlgefallen reden liess; ihr Geschwätz, das so dumm war als ihre Personen unangenehm, diente nicht wenig, mich einzuschläfern. Ich wachte gewissermassen nicht eher auf, als da ich in Paris ankam.' Mit dieser festen Ruhe so wie mit dieser kalt-hellen Ansicht tat sie den ersten wie den letzten Schritt zu ihrem Blutgerüste hinauf. Den Helden begeistert die mitziehende Hilf-Schar; diese Heldin ging einsam nur mit ihrem Herzen und mit dem unsichtbaren Todesschwert zur Richtstätte –"
"– des Opfertiers und der Opferpriesterin zugleich" – unterbrach der Graf. – "Aber es konnte nicht anders sein; sie wusste ja, sie bringe mit ihrem Marats-Dolche den Freiheit-Zepter mit, und sie sei, obwohl unbekannt der blinden Masse, in ihrem Siegwagen nach Paris schon angetan mit den Feierkleidern der glänzenden Zukunft. Ruhe und Stille und Kälte mussten ja der starken Seele kommen durch den festen Glauben, dass sie, sie allein, mit einem einzigen tod ihres Körpers einen Bürgerkrieg und Bürgermord verhüte und dem wunden Vaterland mehr als eine Schlacht gewinne58 und dass sie (dies musste sie sehen) ganz anders mit dem hingegossenen Blute der Jugend, der Schönheit, des Geschlechtes und des Vaterlandes beschäme, befeuere, befruchte als ein sterbender Mann und Greis. O selig, selig ist der, welchem ein Gott eine grosse idee beschert, für die allein er lebt und handelt, die er höher achtet als seine Freuden, die immer jung und wachsend ihm die abmattende Eintönigkeit des Lebens verbirgt! Als Gott (nach der Fabel) die hände auf Muhammed legte, wurde' ihm eiskalt; wenn ein unendlicher Genius die Seele mit dem höchsten Entusiasmus anrührt und begabt, dann wird sie still und kalt, denn nun ist sie auf ewig gewiss."
"Donnerstags (den 11ten Juli) kam Charlotte Corday in Paris als auf dem Richtplatz ihres Vaterlandes und ihres vorigen inneren Lebens und ihres jetzigen äussern an, wiewohl als ein stiller weisser Mond, der da aus dem heissen hohlen Krater aufgehen muss wie vor Neapel der Mond aus dem Vesuv. Sie ging zuerst zum Deputierten Düperret (einem noch nicht vertriebenen, aber schon angeklagten Girondisten, den man erst später hinrichtete), übergab ihm einen Brief von Barbaroux und bat ihn, sie zum Minister des inneren zu begleiten, dem sie Papiere einer Freundin abzufordern habe. Er entschuldigte sich mit seiner Tischgesellschaft und versprach, sie den andern Morgen zu sehen und zu begleiten. Er erzählte darauf seinen Gästen, wie sonderbar und ausserordentlich ihm das ganze Betragen und Sprechen dieser Jungfrau vorgekommen. Am Freitag Morgen bat sie Marat in einem Billet um Zugang, unter dem Vorwand republikanischer Geheimnisse; sie kam nach einer Stunde, aber umsonst. eigentlich war dieses Misslingen schon ein zweites; denn anfangs hatte sie ihn und folglich sich mitten im Konvent opfern wollen. Solche Fehlschlagungen oder Kleinigkeiten, wie zum Beispiel die lange Reise, das heisse Wetter u.s.w., hätten einem entnervten moralischen Kraftgenie, das leicht für einen Abend zu einem ähnlichen Feuer auflodert, sehr bald die Flamme ausgeweht. Denn die meisten jetzigen moralischen Kraftäusserungen sind nur epileptische; geistige und körperliche Nüchternheit sind jetzt nötige Zutaten der Helden wie sonst Abgänge derselben. Corday blieb mit