Vorhimmel vor ihrem tod gewesen. Griechen und Römer und die grossen Schriftsteller der neueren Zeit hatten sie erzogen und sie (nach ihrer Aussage) zu einer Republikanerin vor der Republik gemacht. Sie war kühn bis sogar in die Religion hinüber. Als das Revolution-Tribunal sie fragte: 'Haben Sie einen Beichtvater?', so antwortete sie: 'Keinen.' – Es fragte: 'Halten Sie es mit den vereideten Priestern oder mit den unvereideten?' – Sie antwortete: 'Ich verachte beide.' Folglich kein religiöser Fanatismus reichte oder weihete dem jungfräulichen Würgengel das Schwert. Bei aller Glut ihres inneren Wesens und allem Glanz ihrer Gestalt blieb doch fremde und erwiderte Liebe von ihr abgewiesen; sie achtete die Männer wenig, weil eine weibliche Seele in der Liebe ein höheres Wesen sucht53 und ihre erhabnere nicht einmal das ähnliche fand; daher sie, als der Präsident mit gewöhnlicher Härte gefragt, ob sie schwanger sei, versetzte: 'Ich fand und kannte noch keinen Mann, den ich meiner würdig geachtet hätte, denn Marat lebte noch.' – Die Expeditionstube des weiblichen Lebens kam ihr enge, dumpf und staubig vor. – 'Die republikanischen Franzosen,' (schrieb sie an Barbaroux) 'begreifen es nicht, wie eine Frau ihr Leben, dessen längste Dauer ohnehin nicht viel Gutes erschafft, kaltblütig dem vaterland opfern könne.'" – "Nur die Jungfrau" – unterbrach der Graf – "stirbt für Welt und Vaterland; die Mutter bloss für Kinder und Mann. Jene ist noch eine Alpenpflanze, an welcher die Blume grösser ist als die ganze Pflanze. Du edle Charlotte, du liebtest nicht und warest so gross." –
"Wenn schon gewöhnliche Weiber" – fuhr ich fort – "ihr Leben mehr in Phantasien führen als wir, nämlich insofern sie mehr mit dem Herzen denken, wir aber mehr mit dem kopf, und wenn sie daher oft durch ein grosses Leben um die zugesperrte Wirklichkeit umherirren: so hat dies noch mehr bei genialen Weibern statt, in welchen die höhere Kraft des Kopfes nur mehr der höheren Kraft des Herzens gehorcht (aber nicht wie bei uns befiehlt), und deren Unglück daher häufig so gross wird als ihr Wert.
Charlotte Corday, auf einer Freiheit-Höhe einheimisch und es erlebend, dass sich plötzlich um sie her ihr ganzes Vaterland als eine geistige oder doppelte Schweiz aufrichtet und hohe Alpen voll Äter, Idyllenleben und Heimwehe der Freiheit in den Himmel stellt; – ergriffen und erhitzt vom Frühlingmonat der grossen zurückkehrenden Freiheit und Welt-Wärme; – diese Corday, deren langbedecktes heiliges Feuer auf einmal mit dem allgemeinen Entusiasmus zusammenlodern darf, so, dass nun die alten Ideale ihres Herzens lebendig und rüstig aufstehen und dem Leben die Fahnen hoch vortragen, und dass der ganze Mensch Tat wird, der Kenntnis kaum mehr achtend, so wie das durch die Nacht rennende Ross nicht die Funken achtet und flieht, die es aus seiner schnellen Bahn ausschlägt – – – diese Corday erlebt dennoch die Bergpartei.
Sie erlebt nämlich noch vor dem 31ten Mai den Untergang aller heiligsten Hoffnungen, wo die Freiheit entweder entfliehen oder verbluten muss – wo Revolutionen sich durch die Revolution wälzen, und der Staat ein Meer wird, dessen Bewohner sich bloss fressen und jagen – wo am zerfallenden, verstäubenden Freiheit-Riesen nichts übrig und fest bleibt als die Zähne – wo zuletzt das Vaterland sich in einzelne Glieder zerstücken muss, um mit gesunden die unheilbaren von sich abzulösen, und wo Corday sagen musste: 'Ich bin müde des Lebens unter einem gefallenen niedrigen Volk!'
Sie erlebt einen Marat, das unbedeutende, heuchelnde, rohe, mechanische, auch äusserlich-hässliche, bluttrunkene, aufgeblasene54 Wesen, das mehr als Blutigel denn als Raubtier leckte – das die Septembriseurs bloss mietete, bezahlte und lobte, und das wirklich keinen Menschen mit eigener Hand umbrachte, sondern nur sich55 – das die Mörder des Generals Dillons gern noch zu Mördern seiner Offiziere machen und mit dem Blute von noch 250 000 Köpfen die Weinlese der Freiheit erst recht düngen und begiessen wollte – das am 31ten Mai einen Interimskönig56 begehrte, weil die Extreme sich berühren und der höchsten Freiheit ein unumschränkter Diktator nötiger sei als ein beschränkter – das (nach Cordays Aussage) durch ausgeteiltes Geld zum Bürgerkrieg entflammte – ein Wesen, in welchem sich wieder die Bergpartei abschattet, das, als es zwei Tage vor seinem tod hingerichtet war, im Konvent ein französischer Kato, ein unsterblicher Gesetzgeber und Volkfreund genannt, für dessen Strafgöttin neue Qualen (l'effroi des tourmens) gefodert und das einmütig zu einem Schmuck des Panteons erklärt wurde und in der Todesnacht der Corday unter Kanonenschüssen und Prozessionen verscharrt."57 –
"Lasset uns wegtreten vom modernden Tier", sagte der Graf, "und unser Auge an der glänzenden Göttin erquicken, die das Tier mit dem fuss wegstossen musste, als sie durch die Ehrenpforte der Unsterblichkeit eindrang."
"Jetzt rüsteten sich in Caen, der Freistätte vieler fortgetriebenen Republikaner, 60 000 Mann gegen die anarchische Freistadt. Corday, heilig überzeugt, dass der grosse Hilfzug eigentlich nur gegen einen Menschen, den vierjährigen Meuchelmörder und Mordbrenner Frankreichs, Marat, gelte, dachte freudig in sich (so sagte sie aus) 'Ihr sucht alle nur einen Menschen; ich kann ja euer Blut ersparen, wenn ich bloss meines und seines vergiesse.' Sie sah sich für die Freiwillig-dienende des kriegenden Departements von Calvados an, folglich für eine Kriegerin gegen den