warum die Schimmerfarben eines Vogels nicht auf seinen zum Fluge ausgebreiteten Flügeln erscheinen, sondern auf seinem zur Ruhe zusammengelegten Gefieder."
Ich entdeckte nun dem Grafen, dass ich wirklich für den heutigen Abend eine historische Zusammenstellung der Seelen-Züge Cordays unternommen und mitgebracht hätte. Dies schien ihn herzlich zu erfreuen, wiewohl er neue Züge leichter mitteilen als empfangen konnte. Er schlug sogleich vor, den freien Himmel und einen in zwei Lindenbäume eingebaueten Altar zum Tempel unserer Betrachtung zu wählen, um den Untergang der Heldin und der Sonne vereinigt stärker anzuschauen. Der Präsident versicherte, er höre mit Freuden zu, nur werde man ihm auch den schönsten Eindruck historischer Kunst-Rührung doch für keinen Widerruf seiner Sätze anrechnen. Der Abend war reizend, mit Gesang und Duft gefüllt, nur dass in Süden weisse Wolkenberge aufwuchsen und mit ihren Kratern voll Feuer dem Norden zurückten. "Ich muss aber voraussagen," – sagte jetzt der Präsident, der sehr ernstaft am Himmel über sich herumsah – "dass ich, sollte das Gewitter näherkommen," (denn es donnerte von ferne schon) "mitten im grössten Genusse der geschichte mich davonmachen werde, weil ich gegen meinen Grundsatz, über die moralische Pflicht der Lebens-Schonung, um keinen Preis verstossen will." Der Graf warf ein, wie es nie in seinem Tale eingeschlagen; aber er schüttelte unbekehrt den Kopf.
Im Lindenkabinett empfing uns Corday selber, nämlich das Bildnis ihrer schönen und grossen Gestalt, das der Graf mit Mühe echt erobert hatte.50
Denn noch am erblasseten gesicht, das schon von der Hand des Henkers durch einen Backenstreich verunreinigt worden, nagte die Parteiwut fort und suchte die Schönheit, die sie entseelt hatte, nun auch zu entstellen, so wie die tessalischen Hexen sich in Tiere verwandeln und dann den Toten das Gesicht abfressen.51 Indes musste derselbe Chabot, der im Konvent den getöteten Marat einen zu weichherzigen Mann genannt52, dont le coeur bon et dont l'humanité étoient accoutumés à des sacrifices habituels – die tötende Corday hingegen un des monstres que la nature vomit pour le malheur de l'humanité – dieser musste gleichwohl von ihr sagen: avec de l'esprit, des grâces, une taille et un port superbes elle paroît être d'un délire et d'un courage capables de tout entreprendre.
Ich sah diese zweite Jeanne d'Arc lange an – sooft ich sie auch schon angesehen – und fing ihre kurze Taten- und Leidensgeschichte schüchtern, als sei diese zu kalt gemalt, vorzulesen an.
"Die redlichen und feurigen Deutschen hätten alle die Revolution bei deren Anfange mit keiner aus der geschichte hoffend vergleichen sollen, weil in dieser noch kein zugleich so verfeinerter und moralisch vergifteter Staat – wie sich der gallische in seiner Mutterloge Paris und in den mitregierenden höhern Ständen und Städten aussprach – je sich aus seinen Galeerenringen gezogen hatte; sie hätten alle von einem Erdbeben, das so viele Gefängnisse und Tiergärten aufriss, nicht viel hoffen, noch weniger dabei an Rom und Sparta denken sollen, wo die Freiheit bei einer nicht viel grösseren Verderbnis aufhörte, als die war, bei der sie in Paris anfing. In jedem Jahrhundert wird der Sünder (aber auch der Heilige) in der Brust grösser, bloss weil er besonnener wird. Die Deutschen sahen es endlich, wie die weite elektrische Wolke der Revolution die Kröten und die Frösche und den Staub in die Höhe zog, indes sie die erhabenen Gegenstände umschlug; gleichwohl hielten viele, solange sie konnten, die Hauptsumme für eine zufällige und sogar nötige Partei wider die Gegner, die Vendée-Parzen und die Koblenzer Emigrés.
Es scheint unglaublich ohne die Erfahrung in Bürgerkriegen die Revolution aber war ein geistiger durch ganz Europa –, wie lange der Mensch politische Unveränderlichkeit fort behauptet auf Kosten der moralischen; so wie jeder auch in Familienkriegen gern ein paar Tage länger bei einer Partei, als sie recht hat, beharret, ja hinter der zufällig genommenen Stuhllehne eines Spielers stehen bleibt, mit dem Wunsche, dass er durchaus gewinne.
Der Tornado des Säkulums, der eiskalte Sturm des Terrorismus, fuhr endlich aus der heissen Wolke und schlug das Leben nieder. Nicht die, deren Vermögen oder Leben geopfert wurde, litten am bittersten, sondern die, denen jeder Tag eine grosse Hoffnung der Freiheit nach der andern mordete, die in jedem Opfer von neuem starben, und vor die sich allmählich das weinende Bild eines sterbenden, von Ketten und Vampyren umwickelten Reichs als Preis aller Opfer gekrümmt hinstellte! – Dieses Totenbild rückte, als am 31. Mai die letzten Republikaner, die Girondisten, den leiblichen und geistigen Plebejern das Feld nicht zum Besäen, sondern zum Verheeren räumen mussten, am schmerzlichsten nahe an ein grosses weibliches Herz.
Als Louvet mit andern von der Bergpartei am 31. Mai verjagten Republikanern in Caen bei Barbaroux wohnte: so kam öfters eine schöne stolze Jungfrau, von einem Bedienten begleitet, dahin und wartete im saal auf Barbaroux mit einer scheinbaren Vorbitte für einen ihrer Verwandten, wiewohl in der wahren Absicht, die verjagten Republikaner näher zu prüfen. Die Jungfrau war schon unter die Unsterblichen gegangen, da sich Louvet ihrer wieder erinnerte als einer hohen Gestalt voll jungfräulicher Würde, Milde und Schönheit, sittsam, sanft entschlossen, eine Blume gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blüte der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter sich mit Flammen füllt.
Er hatte Charlotte Corday gesehen.
Ihr Leben war schon früher ein ungewöhnlicher