1809_Jean_Paul_057_91.txt

andere Menschen handeln wollen, ohne uns, obwohl über kleinere Fälle, zu ihren Richtern, zu ihrem Kampfund Friedensrichter, zur ersten Instanz aufzuwerfen und einzusetzen. Und wer darf oder sollte überhaupt richten als der geistige König über geistige Kriegsgefangene? Und musste nicht irgend einmal ein Kühner über eine Menge die Todes-Urteile festsetzen, nach denen wieder jene Kühnen gerichtet werden, die eines über einen einzelnen fallen mit eigner Gefahr?

Sie sprachen, lieber Präsident, von Kabinett-Befehlen eines Einzelnen, der keine Kabinetträte hat. – Aber gäb' es auf der Erde keine anderen oder schlimmeren Eigenmacht-Ukasen als die der von der natur selber zu unsichtbaren Obern der unsichtbaren Untern gekrönten Magnaten oder der sittlichen Heroen: so könnte die sittliche Mittelwelt ruhig schlafen; nur aber die unsittliche Unterwelt, der eben keine Ruhe gebührt, büsste diese ein. Eine Volkmenge von Cordays würde die einzelnen Marats in der Geburt erstikken (wie jetzt die Marats-Menge die einzelnen Cordays), eine Brutus-Menge würde die Cäsars zwar nicht unterdrücken (denn grosse Seelen wissen auf mehr als eine Weise zu regieren, und nur eine schlechte Welt beherrschen sie schlecht), aber wohl lenken und veredeln.

übrigens ist von den einzelnen Cordays so viel für die Menge zu fürchten als von den Steinwürfen der Mond-Vulkane für die Erde.

Sie gedachten noch Ravaillacs. Warum haben noch alle bisherigen Jahrhunderte einen solchen Unterschied zwischen Heinrichs Mörder und Cäsars Töter gemacht, als der zwischen Mord und Tugend ist; – und warum ertrüge kein Herz den Römer auf der Folterbühne ungerührt, hingegen mit Freuden den Königs-Moloch? – Aber allerdings entscheidet eben der gewaltige Unterschied, dass Brutus nicht als Einzelwesen, sondern als kriegerisches Oberhaupt einer angegriffnen Verfassung handelte und daher sich nicht vor Richterstühlen, sondern bloss auf Schlachtfeldern zu rechtfertigen brauchte. Auch Corday bekämpfte und durchbohrte nicht als Bürgerin einen Staatsbürger, sondern als Kriegerin in einem Bürgerkriege einen Staatsfeind, folglich nicht als Einzelne einen Einzelnen, sondern als gesundes Partei-Mitglied ein abtrünniges krebshaftes Glied.49 In jeder weitgreifenden Handlung wagt das Herz, wenn nicht sich, doch sein Glück; nur wenigen Glücklichen hat das Schicksal ein reines Verhältnis zum Tun beschieden, aller guter Wille der Absicht reicht nicht aus, da wir, obwohl nicht für den Erfolg, aber doch für dessen Berechnung, die oft eine des Unendlichen ist, zu stehen haben. Unsere Psyche kann, möchte' ich sagen, gleich den Vögeln nie steilrecht oder gerade auffliegen, sondern nur auf dem schiefen Umweg. Rechnen wir mit zitternder Hand, so gleichen wir den moralischen Schulmeistern, die oben auf dem Ufer einer Sündflut sitzen, und die vor einem gedeckten grünenden Sessiontische voll Zeugenverhöre, Geburtscheinen und Konduitenlisten so lange über die Frage: wer wohl, in Betracht seines besonderen Werts und Alters, zuvörderst aus den schwimmenden Völkern herauszuholen wäre, – abrechnen und abstimmen, bis sämtliche ausgeschätzte Welt ersoffen ist und die Flut vertropft. Ich weiss nicht, was mit einem solchen Kleinmut noch anders auf der Erde zu wagen und durchzusetzen ist als etwa das, was z.B. am heutigen 17. Juli oder Alexius-Tage der Kalender anrät: säet Rüben und raufet den Flachs. Ans Hinwagen irgendeines Lebens wäre dann so wenig zu denken, dass man nicht einmal mit der Auflösung der Frage zu rand käme: ob man nur eines geben dürfe; ob man nicht zu kühn verfahre, wenn man auf die Erde einen ganz neuen unbekannten Menschen einführe, für dessen Anlagen und Einflüsse man gerade so wenig stehen könne als für dessen Schicksale, indem er ja der jährliche Septembriseur jeder zwölf Monate und des Jahrhunderts werden und durch diese in Gift-Gärten des Geistes und in Hungerwüsten des Körpers unheilbar untergehen könne. Ich erstaune dann über einen, der heiratet."

"Aber", versetzte der Präsident, "was geht die reine Absicht der Erfolg an? Die allwissende und allmächtige Vorsehung mag mit sich selber diesen ausmachen; ich bin keine. Gesetzt z.B. eine Frau riefe in der Nacht um hülfe, und ich eilte hinzu und brächte aus meinem Sandwege einige leicht Fünkchen gebende Sandkörnchen mit in die mir unbekannte Pulvermühle, und hundert Menschen flögen in die Luft: was hätt' ich denn verschuldet? Nichts, rein nichts!"

"Gewiss," sagt' ich, "aber eine unbesiegliche Trauer bliebe Ihnen doch zurück. Da überhaupt der Mensch nicht bloss gross wollen (wo ja, ohne Rücksicht auf Aussen und Innen, Mögen und Vermögen ohne Zeit ineinanderfallen), sondern auch gross handeln will: so muss er durchaus noch auf etwas, was jenseits des Reichs der Absicht liegt, hinüberstreben; zwei gleich reine Helden der Menschheit, wovon der eine im Kerker rasten muss, der andere ein weites Leben ausschaffen darf, würden den Unterschied ihrer äusseren Rollen wie einen zwischen Unglück und Glück empfinden. Kurz wir wollen wirklich etwas; wir wollen die Stadt Gottes nicht bloss bewohnen, sondern auch vergrössern. Nur dringen wir vor lauter Verboten selten zu den Geboten selber hindurch und brauchen sechs Wochentage, um auf einem Sonntage anzulanden. O, was zu fliehen ist, weiss sogar der Teufel; aber was zu suchen ist, nur der Engel."

"Wir wollen auf die Corday zurückkommen", sagte der Präsident "es wirft sich sogar über Notwehr, d.h. den Erkauf meines Lebens durch ein fremdes, die Frage der Rechtmässigkeit auf. Warum soll das meinige stets mehr wiegen als das fremde