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Veranlassen des Mordes scheint niedriger zu sein als jedes Begehen desselben, weil es feiger istweil es zwei fremde Leben aussetztund weil es die dingende und die mordende Seele zugleich vergiftet. Und wenn eine öffentliche, uneigennützige, kriegerische, das eigne Leben absichtlich hingebende Hinrichtung ein Meuchelmord ist: wie nennt dann Girtanner einen heimlichen, bezahlten, gefahrlosen Mord?"

Der Präsident fragte lächelnd: "ob man das fremde Leben opfern darf? – Ja ich möchte vorerst wissen, ob nur das eigne wegzugeben ist. Kann die Sittlichkeit ihre eigne Aufhebung durch den Tod gebieten und sich durch eine Handlung das Mittel (was unstreitig das Leben ist) benehmen, sich zu wiederholen? Denn der Glaube an ein zweites Leben kann die unbedingten Moral-Mandata ohne Klausel für das erste nicht leuterieren und reformieren. Wohl ist Wagen des Lebens erlaubt, aber nur bei der Möglichkeit seiner Erhaltung, nicht bei der Gewissheit seines Verlustes."

"Meiner Antwort" – sagt' ich – "tut es vielen Vorschub, dass ich geradezu leugnen kann, es habe noch irgend jemand sein Leben geopfert; denn da die natur es jedem ohnehin abnimmt, so kann er nur Jahre und Tage hingeben, nicht aber das heilige unschätzbare Leben selber; ja er legt auf den Opferaltar eine Gabe von einem ihm unbekannten Gewicht, vielleicht ein Jahrzehend, vielleicht eine Stunde. Und wird denn nicht alles rechte geistige Leben eine vergiftete Hostie für das körperliche? Ist nicht sogar jeder Schacht und jede Handwerkstube ein Welkboden und Darrofen des Körpers, so dass nur das Tier-Leben die rechte und längste Spinnschule für die Parze Lachesis bliebe? – Am Ende hätte man, nach einer solchen philosophischen Heils-Lehre, die hypochondrische Berechnung über die Einbusse einiger Lebensstunden bei jedem einzelnen kleinen Opfer für den andern durchzumachendie Tugend liefe auf Hufelands Rat länger zu leben hinaus, und man müsste Arzneikunde studieren, um nicht verdammt zu werden. – Wenn auch gleich einige Philosophen die Tugend, wie einen Prozess, nicht gern mit der Exekution anfangen, sondern gelassener mit münd- und schriftlichen Verhandlungen: so kenn' ich wieder andere, z.B. Sie und Regulus, welche, wie dieser, in der Wahl zwischen gewissem tod und Meineide, doch lieber die Abkürzung ihres moralischen Spielraumes erwählten. Aber wozu dies alles? Entweder ist von äusserem Erfolge die Redesodann kann die Innerlichkeit (Intension) des Lebens die Ausdehnung (Extension) desselben so freigebig vergüten, dass eine Todesstunde, welche Völker beseelt und begeistert, ein kaltes tatenloses Jahrzehend überwiegt –, oder es wird vom Heiligsten gesprochen: dann setzt die Sittlichkeit, hoff' ich, nicht Vernichtung, nicht einmal Unsterblichkeit voraus, sondern Ewigkeit. Der Engel in der Menschheit kennt wie Gott immer seinen ewigen Wohnhimmel, keine Zeit und Zukunft oder irgendeine Sinnenrechnung; dieser Engel, nicht nach und von Jahren wachsend, da es in der Ewigkeit keine gibt, ist aus Gewohnheit blind gegen die gefärbten Schatten und Nachtschatten der Endlichkeit, weil sein blick sich in der ewigen Sonne verliert."

"Der Krieger," sagte der Graf, "der auf eine Mine beordert wird, damit er den Feind dahin locke und mit ihm zugleich auffliege, hat nur meine Bewunderung, wenn er es weiss und doch stirbt."

"Zu schliessen wäre vielleicht daraus," erwiderte der Präsident, "entweder, dass demnach es ganz und gar keinen Selbmörder mehr gäbe, oder dass jeder einer, nur ein subtiler wäre. Aber eine schwierigere Untersuchung steht uns bevorNämlich, mit welchem Rechte erhebt, frag' ich bei Corday, ein Mensch, der kein vom Ganzen angenommener Richter ist, sein einsames Privaturteil zu einem unerwarteten KabinettBefehle und zu einem Todesurteile, das er noch dazu selber, ohne jemand zu verhören oder zu befolgen, in demselben Nu ausspricht und vollstreckt, wie Corday als Scharfrichterin eines Scharfrichters tat? Welcher Heinrich ist denn vor seinem Ravaillac geschirmt? Ja, wie dieser48 irrte Marats Mörderin und griff zugleich in Zweck und Mittel fehl, wiewohl keiner eines adeln kann. Denn sie nahm Marat für den wichtigen Kopf des staates-Bandwurms, von den Journalen Perlet und Courier français verleitet; aber sie hätte, wie Archenholz meint, besser Robespierre und Danton, d.h. die Instrumentenmacher anstatt des Instruments, zerstört oder am besten (wie Gentz auch glaubt) gar niemand angefallen, weil entweder das Opfer aus der herrschenden Partei zum Blutzeugen, also zum Bluträcher und Verkündiger derselben wurde, oder jede hingerichtete doch nur einer zweiten, ebenso schlimmen zurückte, wie diesmal der Gemeinde-Rat zu Paris. In Ihrer Sprache würden Sie sagen: der am Schwanze angeschnittene Blutigel sog nur durstiger fort; die Ausbrüche auch dieses Vulkans geben nur neue Berge von Bergparteien."

Ich versetzte "Da ich kein Sokrates bin, so behalt' ich lange Reden leicht. Würde Sie, frag' ich von vornen zurück, falls es nur einen All-Mörder gäbe, nicht der Unwille der Retter- und Rächer-Liebe so übermannen, dass Sie seine Rolle an ihm selber wiederholten? – Würden Sie Gewissensbisse haben, wenn Sie als blosser Mensch, nicht als Präsident, ohne alle Kriminal-Akten und Pein-gesetz eigenhändig den Teufel, den Beelzebub, den Obersten der Teufel niedergestossen hätten? – Wenn wir uns so sehr fürchten, die Richter eines Menschen zu sein: so sehe' ich doch nicht ab, wie wir nur einen Tag lang leben und gegen