Auf dem blossen Druckpapier wohnen alle Völker und zeiten mit ihrer toten Unsterblichkeit; hingegen das steinerne Denkmal trägt einen Helden aus dem Heer auf den Sonnentron, der eine Welt auswärmt. Auf dem Papiere bewundert nur der Einsame; hingegen vor dem Denkmale wird die bewundernde Menge von der Menge begeistert; nicht das Licht, sondern die Wärme wächst, unaufhörlich zurückgeworfen, in menschenvollen Sälen, weil das Gewissen die Herzen ähnlicher macht als die Anlagen die Köpfe.
Darum könnte das Schauspielhaus – welches beinahe das einzige Olympia, Forum und Ober- und Unterhaus ist, das uns zu einem volk für eine Flamme sammelt und verdichtet – das schönste deutsche Panteon werden, wo die Nation ihre Unsterblichen tronen und zurückglänzen und ihre Opferflammen zu einem Feuer und in einen Himmel steigen sieht. Darum ist es so erfreulich, dass einem andern Reformator auf der Bühne, die er selber umgeschaffen, die Trauer- und Hochzeitfackeln angezündet werden, dem ewigen Schiller. Nicht er am meisten, der den Mondregenbogen der britischen Reflexionpoesie zu einem Sonnenregenbogen, wenn auch nicht zu einem reinen Phöbus entzündete und den dichterischen Zauberkreis wenigstens durch ein unendliches Zaubervieleck ersetzte, sondern er, welcher, der Kunst den Künstler opfernd, lieber aufflog, als nur fortflog, und untere Ferne und obere Kälte gern mit höherer Bahn bezahlte, so dass sogar seine spätern Irrtümer nur Opfer sind, wie seine früheren Fehltritte nur Fehlflüge. Aber doch wird ein Herz, das Tränen um den hohen Menschen und Gedanken für die Ewigkeit hat, seine Totenfeier am schmerzlichsten und am innigsten begehen müssen, wenn es bedenkt, dass er unter allen deutschen Dichtern gerade mit der Leichenfackel, die nun auf ihm brennt, am weitesten in die andere Welt hineinleuchtete und schon mit seinem jugendlichen Frührot das Schattenreich glänzend färbte. Nun zieht er hinter den Abendwolken des Lebens, worauf er so oft Morgen- und Abendrot (für den Dichter nur ein Rot) geworfen – und das dankbare Auge kann auf nichts sehen als auf seinen Flug und seine Flucht. Die aus verschiedenen Höhen einander entgegenziehenden Wolken der Urteile werden bald verfliegen; und sein Stern wird alsdann, sowohl unbewölkt als unvergoldet, lichtrein am ewigen Himmel gehen.
II.
Über Charlotte Corday47
Ein Halbgespräch am 17. Juli
Der regierende Graf von -ss hegte eine solche Liebhaberei für sittliche Heroen, dass er einen Bildersaal ihrer Gestalten und eine Bibliotek weniger von grossen Schriftstellern als über grosse Menschen unterhielt, und dass ihm ein Messias teuerer war als eine Messiade und Plutarch lieber als Tacitus. Er war und handelte selber in Paris so lange bei dem Niederreissen der Bastille mit, als die Stadt noch nicht in eine grössere durch die Bergpartei verkehrt war. Da ich nun wusste, dass er nach seinem weltlichen Heiligenkalender die Geburt-, Todes- und Taten-Feste grosser Menschen feierte – zu welcher stillen Feier er nichts gebrauchte als ihre geschichte, ihr Bild und sein Herz – und dass er folglich auch das unbewegliche Jubelfest von Cordays Todestag den 17ten Juli begehen würde; – und da mir ferner bekannt war, dass man ihn in seinem unausgesetzten Allerheiligen-Tag doch immer stören würde, man komme, wenn man wolle: so ging ich am 17ten abends zu ihm, wiewohl bloss um meinen in ein historisches Bildnis der Tagheiligen Corday verwandelten Auszug aus dem Moniteur darzubringen und vorzulesen. eigentlich brachte ich ihm weniger eine Gabe als ein Opfer, da ich unter dem Zusammenstellen mich von dem Moniteur 1793 mit unbeschreiblichem Ekel vor der damaligen Bluttrunkenheit der blutdürstigen Bergpartei, vor deren leerem betrunkenen Schwatzen, Poltern und Taumeln musste erfüllen lassen.
Als ich ankam, traf ich schon seinen Regierungpräsidenten bei ihm an; – einen rechtlichen kühlen Mann, der Zeit und Raum gefunden, zwischen seinen Aktenstössen sogar Kants metaphysische Sittenlehre aufzulegen und aufzuschlagen – er schien seinen regierenden Herrn fast nur zu besuchen, um ihn zu bekriegen und abzusetzen in der Philosophie. Indes eben weil nur die poetischen Grundsätze des Grafen, nicht aber dessen befestigt-fortdringenden Handlungen den prosaischen grundsätzen des Präsidenten zuwider liefen: so schloss sich dieser aus Ähnlichkeit und Unähnlichkeit zugleich desto fester an sein (jetzt nicht mehr unmittelbares) Reichsfürstchen an und an den Kampf mit ihm.
Bei meinem Eintritt war das Gemälde der Disputa schon auseinandergerollt "Girtanner schrieb" – so sagte der Präsident – "folgendes mit Recht: 'Maria Anna Charlotte Corday aus Saturnin des Vignaux (in der Nieder-Normandie) ist noch verabscheuungswürdiger als Marat, weil er nur Meuchelmorde veranstaltete, sie aber einen beging, und weil der Zweck kein Mittel heiligt.'"
Etwas widerwärtig trat das Zitat mir und dem Cordays-Tage aus dem Juli- oder Ernte-monat und meiner in der tasche mitgebrachten geschichte derselben entgegen "O Gott!" sagt' ich (mit jener umgestürzten Überfülle von Überzeugung, die eben darum vor Strom es kaum zu Tropfen bringt) "Gerade umgekehrt!"
Da es schon bekannt ist, dass der Präsident nicht nur aus meiner Antwort, sondern auch überhaupt aus mir als Weltweisen nichts machte: so führ' ich gern zu seiner Rechtfertigung an, dass er es mit mir als Poeten gut meinte, da er einen ordentlichen Dichter nicht für unwürdig erklärte, der einkleidende Schneidermeister eines philosophischen Schul- und Lehr-Meisters zu werden und als der wahre Volklehrer dem Haufen manches zu versinnlichen, was der Meister vom stuhl zu sehr vergeistigte, so dass seine Schreibfeder, indes die philosophische als Schwanzfeder hinten den Vogel steuere, als Schwungfeder im Flügelknochen ihn hebe.
Darauf fuhr ich ruhiger fort "Das