1809_Jean_Paul_057_88.txt

das Grosse leichter verkörpern als das Leichte und Kleine, und welche die gegenseitige Nachbarschaft und Vereinigung ihrer wirkung verdienen, wie der Leib und die Seele einander, d.h. die Bildsäule und der Tempeldas rechte Mutterland der Denkmäler. Die Bewunderung, sagt' ich, nicht die Erinnerungwelche ein platter Leichenstein, eine jährlich erneuerte Holzstange mit einem schwarzen Namenbrettchen oben und am Ende eine Schandsäule auch gewährtesei aber darzustellen; dies vermag nur eben die Kunst, indem sie aus ihrem Himmel der Göttergestalten eine sichtbare herunterschickt und jene Gefühle des Grossen in uns entzündet, mit welchen wir die aufgeflogene, den Gegenstand des Denkmals, im göttlichen Rausche der Bewunderung verkörpert sehen. Ich stehe vor der Pyramide, vor dem Obelisk: wie von einem Liebeund Zaubertrank berückt, schaue ich weit in eine kolossale Welt hinein, und darin sehe ich nun eben den Menschen gross und glänzend gehen, dessen blosser Name an dem Denkmale steht. Erhebt einen Säulentempel in die Luft und schreibt darauf: Lutero! so ist es genug und sogar sein Gesicht entbehrlich, das mit etwas fetter Mönchschrift geschrieben ist; die sichtbare Ehrenkirche führt schon den Kraftpriester der unsichtbaren heran vor unser Herz. Die eigne Gestalt des Gedenk-Menschen ist folglich dem Denkmale nicht notwendig, ja – z.B. die von Voltaire durch Pigallesogar schädlich, wenn sie nicht von der Taufe der Kunst die Wiedergeburt empfangen hat; daher die Griechen die Übergrösse der Lebensgrösse für ihre Statuen wählten. Wie wenig man ähnlich oder gar ikonisch abbilden will, sieht man daraus, dass man nicht statt der Bildsäulen, welche durch Nackteit und Marmorglanz stets grösser erscheinen, lieber verjüngte macht, sondern sich der ähnlichern Zwerg-Statuen bei Fürsten und Grossen entält. Man stelle eine Spiegelstatue, nämlich ein Wachsbild, sogar in idealen Gewänderwindeln, in einen Ehrentempel: so ist es so viel, als geriete der lebendige Gegenstand selber als Spaziergänger in seine Vergötterungkirche. Nur die Kunst spricht durch einen äussern Menschen den inneren aus; darum baue sie das Tabor der Himmelfahrt im Prunktempel.

Um desto weniger tue das Denkmal im Feierkleide der Kunst Wochentagdienste des Nutzens, z.B. als Schul- oder Waisenhaus; eine Missheirat der Kunst und des Bedürfnisses, die man bei den Barbaren und auf dem römischen Marsfelde wiederfindet, wo die heiligen Ruinen zu Viehtränken und Wäschstangen niedersinken. Die grössten Prunkzimmer, welche die Erde trägt, sind leer und ohne Stuhl und Tisch, Raffaels Stanzen. Wer wird unter dem Fluge der Bewunderung daran denken, was sie eintrage?

Und was ist aller Vorteil so oder anders ernährter oder unterwiesener Armen gegen die Himmelbeute, wenn an einer kräftigen Jüngling-Seele im Unsterblichkeittempel, wie in einer lauen Frühlingnacht, alle Knospen aufbrechen und duftend auffahren wenn die Statue eines grossen Menschen mit Memnons-Tönen ein grosses Herz anspricht und erweckt und es zurechtweiset für ein langes Lebenund wenn ein Sonntag sechs Wochentage bestimmt und heiligt?

In der geistigen Welt ist die wirkung so oft grösser als die Ursache wie umgekehrt, und eine Maria gebiert einen Gottmenschen; daher gibts in ihr keine andere Elle und Waage als das Höchste, das eben jede verschmäht. Die Erde ist ein Gottesacker voll Scheinleichen; es wehe ein lebendiger Hauch, und eine Welt erwacht. Er weht aber im Kunsttempel eines grossen Mannes.

Wenn in der Zeit eine Religion nach der andern und eine Götterlehre nach der andern untergeht, die die Menschen zu Geistern macht: so bauet wenigstens Menschentempel, worin die geistigen Grossen an das Grösste erinnern und das Bewundern ans Beten. Schlösser in Äter sind besser als die Luftschlösser.

Möge Luterdieser geistige Donnermonatuns auch hierin reformieren und beleben, obwohl nur mit dem Regenbogen seines Denkmals, und die Deutschen den Griechen nacherziehen! Ohne Denkmäler für Unsterblichkeit gibts kein Vaterland, aber freilich auch ohne dieses nicht jene. Soll der gemeinen Vergötterung oder Versteinerung der Fürsten und Reichen nicht die höhere Apoteose regierender und reicher Geister das Gleichgewicht halten? Soll nichts verewigt werden als ein Name, den wir vergessen oder nicht kennen? Wenn man in Griechenland auf allen Wegen und Höhen nur durch stille Sternbilder der entrückten Unsterblichkeit ging, und wenn das Auge und das Herz voll Feuer und manches zu einer Sonne wurde, die der Tod in jene schimmernde Reihen selber einsetzte: so begegnen wir bei uns auf physischen Höhen nur geistiger Erniedrigung, und, wie von Heeren, werden die Galgen-Anhöhen von zerstörten Missetätern besetzt, und der einzige Sokrates-Genius, der Nein zu uns sagt, ist der Nachrichter. Aber nicht die Furcht, nur die Begeisterung tut Wunder, nicht der Brechwein, sondern der Wein berauscht; und welchen der Galgen bessert und hebt, ist fast schon an ihm.

O! Werft lieber, wie der Russe, auf eine Gestalt in Verzuckungen das verhüllende Tuch und nehmt von einem glänzenden Angesicht die Mosisdecke, als dass ihr beides umkehrt und Gebrechen lieber als Kräfte fortpflanzt!

Die reinste Empfindung hienieden, sagt Chateaubriand, ist die Bewunderung; und zugleich, setze ich hinzu, die wirksamste in den edlern Lebensteilen. Ein versinkendes Volk erstickt das heilige Feuer der achtung in Moderasche; je weniger achtung für andere, desto weniger für sich, und umgekehrt. Darum heisst es: ein Volk heiligen, wenn man es achten lehrt; und darum wärmt die Opferflamme auf dem Altar eines Menschen das Leben ganzer zeiten aus. Aber nur auf Stein, es sei der Statue oder des Tempels, brennt dieses Feuer.