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schritt. Dieser nur aus der heiligsten Tiefe eines Gemüts wieder in ein heiligstes Leben aufsteigende Glaube überwindet die Welt, die fremde und die eigne, die Drohung und die Lust, und die ganze gemeinere Menschheit würde zu einer heiligen werden, ginge ihr der Gott voraus, welchen die höhere in sich mitträgt. Luter hatte jenen himmlischen Mut im Herzen, wodurch sogar sein irdischer an Wert verliert, weil dieser dann dem Mute von Homers Göttern oder Miltons Engeln gleicht, die nur den Schmerz, aber nicht den Tod empfangen konnten. – O richtet doch dem Seelenmute Denkmäler auf, nicht bloss weil er das ewig wiederkehrende, mehr auf der Menschheit als auf der Zeit tronende Papsttum erschüttert, sondern weil er allein die schleichenden Jahrhunderte wie mit zornigen Flügeln in die Höhe auftreibt.

Welche reine, widerirdische, höhere Wünsche und Meinungen halten sich nicht Jahrhunderte lange in tausend stillen Herzen aufund nichts geschieht als das Gegenteil –, bis endlich ein Mann zur Keule greift und jede Brust aufspaltet und dem Himmel so viel Luft macht, als die Hölle vorher hatte.

Wir kommen auf das Denkmal endlich. Was will überhaupt irgendeines? Unmöglich Unsterblichkeit gebendenn jedes setzt eine voraus –, und nicht der Tronhimmel trägt den Atlas, sondern der Riese den Himmel. Sind die Taten nicht durch Mund oder Schrift in die Welt übergegangen: so ist die Ehrensäule nur ihre eigne; und der goldne Name oben müsste wie der zufällige Bleifedername unten wirken, den die vorüberlaufende Kleinheit daranschreibt. Luter vollendsdessen Siegzeichen Länder und Jahrhunderte und dreissigjährige Kriege sindbraucht wenig, als ein blitzendes Wagengestirn am deutschen Himmel stehend, ja aus gleichzeitigen Sternen damaliger Zeit als Polarstern übrig geblieben. Es gibt also nur zweierlei Denkmaleda das dritte sich der Taten-Mensch selber aufrichtet auf Jahrhunderten durch ein Jahrhundert –, nämlich nur zwei körperliche. Das erste, in der Erscheinung gemeine trägt der Seelentriumphator oder ein Donnermensch wie Luter selber an sich, den Leib. Das ehrwürdige Streben der Menschen nach Reliquien eines geheiligten Menschen wirft Abendstrahlen auf das erste Denkmal, das einer grossen Seele die natur selber mitgegeben, den Körper, und dieser zieht alles in seine verklärende Nachbarschaft. Wie Heiligenleiber die Andacht fremder Seelen nähren, die sie vielleicht der eignen erschwerten: so umschliesst das Grab eines grossen Mannes die wahre Reliquie, welche, zumal an Jünglingen, die Wunder der Stärkung und Heiligung tut. Wenn die Griechen ihren Temistokles in Magnesia auf dem Markte begruben und den Euchitas zu Platäa im Tempel Dianas; wenn sonst die Christen ihre Kaiser und Bischöfe in die Vorhöfe der Tempel; und wenn ein Heiliger und ein Altar immer zusammenkommen: wär' es nicht ein seelenweckender Gebrauch, wenn Herz- und Kraftmenschen, die gegen die Zeit Sturm gelaufen, die ganzen Ländern und zeiten Angelsterne, Schutzengel oder Huldgötter gewesen, für ihre Überreste in den Kirchen ihre letzte Stätte fänden? – Ja, liesse einmal Deutschland gemeinschaftliche Hauptstädte und darin etwas Höheres als eine Westminsterabteiweil in diese Rang und Reichtum ebensowohl führen als Wert –, nämlich eine Rotunda grosser Toten bauen und einweihen: wohin könnte der Jüngling schöner wallfahrten und sich mit Feuer für das Leben rüsten als zu und in diesen heiligen Gräbern?

Ich hoffe nicht, dass die medizinische Polizei, was das Begraben in Kirchen anlangt, ihre Paragraphen aufschlägt und mir entgegenhält, dass die genialen Leiber ebenso stänken wie dumme Denn falls nicht mehre Menschen in jeder Kirche begraben werden als das Paar Unsterbliche, die ihr ein Jahrhundert ums andere liefert: so halten die Kirchgänger schon die Luft aus, womit jene zurückwehen. Auch hätte weder den Dom, noch die St. Nikolais-Kirche, noch die haberbergische in Königsberg das Selbergebeinhaus, womit der alte Kant sich zuletzt auf der Erde umherschob, bedeutend verpestet, wenn es in einer davon da untergekommen wäre.46 jetzt wird der Zweck eines orientalischen Königs, der sich 12 Gräber machen lässt, um das geheim zu behalten, worin er liegt, bei grossen Menschen noch leichter dadurch erreicht, dass man gar keines weiss; und wenn sich fünf Städte um des Cervantes und nach Suidas neunzehn um Homers Geburtstelle stritten: so können wir uns dadurch auszeichnen' dass sich vierundzwanzig um die Begräbnisstelle eines grossen Mannes zanken.

Das Denkmal der zweiten Gattung, das einzige, das die Zeitgenossen setzen, ist das künstlerische, wovon eigentlich hier für Luters Namen die Rede ist. Was sprach denn bei den Alten die kolossale Statue, der Portikus, die Ehrensäule, der Ehrenbogen, der Ehrentempel aus? Gleich der Schauspielkunst zwei Ideale, ein geistiges durch ein plastisches. Denn ein Denkmal ist etwa nicht der blosse Metall-Dank der Nachweltder besser auf einer Goldstange dem Lebenden oder dessen Nachkommen zu reichen wäre –; es ist auch nicht der blosse Herzerguss der dankbaren Begeisterung, der viel besser mit Worten oder vor dem gegenstand selber strömte; – auch nicht blosse Verewigung für die Nachwelt, für welche teils er selber besser und ein Blatt geschichte länger sorgt; – sondern ein Denkmal ist die Bewunderung, ideal, d.h. durch die Kunst ausgedrückt. Eine jährlich vor dem volk abzulesende Musterrolle grosser Muster wäre noch kein Denkmal, aber wohl wäre eine pindarische Ode eines, in Griechenland abgesungen. Schillers Geburttagtest, das durch Darstellung seiner Götterkinder begangen werden soll, erhebt sich künstlich zu einem Denkmale durch eben diese Kinder, die den Vater vergöttern. Doch ist das Gemälde, am stärksten aber ist die Bildsäule und die Baukunstwelche beide stets