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Ich füge diesen Vorschlag für Luter vergnügt dem Gelde bei, das schon eingekommen. Ein Mann wie Luter, welcher die Steigbügel, die sonst Fürsten dem Papste unterhielten, abschnitt und ihnen reichte, damit sie selber aufstiegen, verdient wohl am ersten zu dem nacherschaffen zu werden, was er selber wieder schufzum Fürsten. Ich erwarte eher alles andere von der Reichshofkanzlei als den Adel nicht ausgenommenWeigerungen, verdrüssliche Mienen, abgeschlagen wie gebeten, Sätze des Widerspruchs, und zwar bloss darüber und darum, weil Luter schon tot sei. Wenn er es ist, wie ich einräumen will, so ist dergleichen seiner Standerhöhung nicht mehr nachteilig als ein ähnlicher Tod den vier bürgerlichen Ahnen, die geadelt einem neuen Edelmann unter der Erde vorausgeschickt und untergebettet werden. Was den Beweis fürstlicher Einkünfte anlangt, den Luter in Wien zu führen hat, so tut der Reformator nur dar, dass er in Eisleben keinen heller Ausgaben hat im Sarge; – wodurch er so ein herrliches Nivellieren zwischen Einnahme und Ausgaben beweiset, dass ihm wohl wenige Fürsten gleichkommen dürften. – Stammbäume werden gewöhnlich mit einer Null von den Wappenkünstlern angefangenwie oft von den Zweigen fortgepflanzt –; bei dem verewigten Luter würde sie ja ebensogut den Ewigkeitzirkel, seinen Ehering und den päpstlichen Fischerring und überhaupt viel bedeuten.

Ich las bisher zu meiner Freude manchen Vorschlag, an Luters Prunktempel etwas Reelles, Nutzenhaftes, irgendein Schul- oder Armenhaus anzuschlingen, damit das dulce sich auf einem utile höbe. Ich glaube darin mein Deutschland wiederzuerkennen, das ich so oft eine lebendige Wirtschaft-Teleologie hiess im besten Sinn. Wenn wir schon in der Poesie, den Bienen gleich die daher auf unsern Krönungmantel zu sticken wären –, auf der Rose der Schönheit nur den Honigtau des Nutzens suchten: so wird uns diese kamerale Kenntnis wohl mit mehr Recht in gemeinern Verhältnissen von jedem zugemutet. Wir dürfen gern den ordentlichen Regen himmlisch-rein, tau-schimmernd und frühling-duftend finden; aber er kann uns nicht gleichgültig statt durstig machen gegen zwei wichtigere Strichregen im Jahre 166545, wovon der eine in Naumburg, nach Happel, in schönblauer Seide, der andere in Norwegen, nach Prätor, in gutem Kammertuch niederfiel, von welchem sich der damalige Dänenkönig zwanzig Ellen kommen lassen. Aber wollte ein solcher Tuch-Landregen einmal eine Armee in der Revue bedecken, o Gott! – Ohnehin gibts mehr unnütze als nütze Sachen in der Welt. Nimmt man es scharf: so möchte man über dergleichen Tränen vergiessenund dabei wünschen, dass letztere gleich den Hirschtränen zu etwas Brauchbarem würden, zum Bezoar; und wenn das wenige Kochsalz (samt dem Natrum, phosphorsaurem Kalke und Kali), was Scheidekünstler aus den Zähren ziehen, in Betracht käme gegen die Meersalzlager an Frankreichs Küsten, so würde mit Vergnügen selber der kalte Holländer sowohl vor Schmerzen über gegebene Temen weinen als vor Lust.

Die deutsche wahre achtung für Nutzen (in Norden besteht er aus Pelz und Frass) verkenne man also auch im Vorschlag nicht, Luters Ehrenkirche noch, wie so immer den Kirchen, ein Schulhaus anzuheften, wenn es geht. Ich glaube indes, man wirdweils nicht geht, wegen Schwäche der Sürplüskassevor der Hand die Kirche weglassen und sich auf das Schulhaus einschränken, dessen Antlitzseite Lutern vorläufig zugeeignet werden kann. Warum wendet man überhaupt nicht die öffentlichen Gebäude, die doch einmal gemauert werden müssen, zu den nötigsten Ehrenpforten grosser Männer an und adressiert bloss das Portal; Die Nation suche doch für ein Spinnhaus, das sie erbauet, einen grossen Teologen und zeige, wie Nationen dankenfür ein Schlacht- oder ein Gebeinhaus einen Generalissimusein Hatzhaus, ein Findelhaus ehre einen grossen Humanisten und der Pranger einen gewöhnlichen Rezensenteneine Irrenanstalt greife nach ihrem Philosophen, und für den seltenen Dichter wird sich immer ein Stockhaus, Hospital und Armenhaus mit einem Eingange finden. Auf diese Weise dürfte vielleicht die Vermählung der Schönheit mit dem Nutzen, der Unsterblichkeit mit der Sterblichkeit wohl so weit fortzutreiben sein, dass wir sogar Götteroder Heroenstatuen als Schnellgalgen für Leute kurzer Statur oder als Pranger für langgewachsene verbrauchen lernten.

Erbärmlich ist es überhaupt, dass man so viel köstliches Geld zu Verewigungen verschwenden muss, z.B. zu teuern Statuen, die man anderswoin Arabien, in Eisländern, in bremischen Blei-Kellern und in den syrakusischen Katakombenumsonst haben könnte, wenn man, da es doch keine ähnlichere Statue von einem Menschen gibt als ihn selber, nämlich seinen Leib, jeden Unsterblichen, wo nicht einbalsamiert aufstellen könnte, doch ausgebälgt. – Warum haben wir Mumien ohne Namen und doch Namen ohne Mumien? –

Ich merke endlich an, dass für Luter zu viel Krönmünzen ausgeworfen daliegen. Ein Knoten ins Schnupftuch für 6 000 Rtlr., um jenen nicht zu vergessen; eine Denkmünze, aus 6 000 eingeschmolzen, ist viel. Warum denket überhaupt der Deutsche in und ausser Mansfeld auf einmal so hoch hinaus und schleudert sechstausend Taler für einen Lorbeerkranz eines Kopfes hin, wofür die Lorbeerwälder ganzer rezensierender Redaktionen feilstehen? –

Ist denn Luter nicht ohnehin schon im grössten Tempel aufgestellt, den jemand verlangen kannda Gott selber keinen grösseren kennt –, im Tempel der natur? Wie sticht nicht jedes Mansfelder Gebäude ab gegen das Weltgebäude! – Aber zweitens, ist nicht jede Unsterblichkeit für den, der das savoir vivre (das Lebendigbleiben) versteht, fast um nichts zu haben?

Ein Schneider in Rom scherzt nach gelegenheiteine alte unkenntliche Bildsäule steht