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ersten leichten Liebe-probe; – was hätt' ich mir vollends von einem so wankelmütigen Freunde zu versprechen gehabt, hätt' ich ihn noch ganz anders und schärfer auf die Kapelle gebracht, z.B. um Haus und Hof oder gar ums Leben? Anders sollen, hoff' ich, unsere Freundschaft-Proben ablaufen. Mich meinerseits erschlagen Sie, wenn Sie wollen; ich umhalse Sie stets sogleich in der frohen Ewigkeit und sage: willkommen, mein Stryk, mein heraufführender Franziskaner-Strick und Galgen- und Treppen-StrickDoch dies sind Wortspiele und elend genug."

Der Brunnenarzt hatte bisher, zumal vor mehren Maus-Ohren an der Tafel, den bedächtigen Mann gespielt und sich wenig anders gegen den Trunk-Sprecher ausgelassen als mit leichtem Nein, Ja und Wink. Nur Neugier nach dem Ausgange, Scheu vor dem wild-begeisterten Doktor, mehr Hoffnung, ihn vor der Welt zuletzt beschämend zu verwickeln, und sogar einiger angetrunkener Mut pichten ihn auf dem Folterstuhle fest. Nüchtern erhielt er sich übrigens durch Meid-Künsteja mehr als der Doktor selber, der sich zuletzt doch durch Reden betrank.

Erst bei der vierten Flasche überzeugte jener sich, dass im Weine oder im Doktor wirklich Wahrheit sei; mehre versprochne Rausch-Nachwehen und Feuermäler waren schon da, nur das geweissagte Verschenken wollte sich nicht einstellen. Der Doktor warf allerlei seltsame Winke hin, dass er sehr gern wolle, der Fürst wäre nicht da, aber wohl dafür ein anderer Mann für einen dritten, der prügelt "Kennst du seinen Leibmedikus Semmelmann recht?" sagt' er. – "Längst als den gelehrtesten Arzt und feinsten Mann und meinen Freund", versetzt' er etwas laut, um von fürstlichen Spionen, die den Geblendeten der Tafellichter rings im Blätter-Dunkel ungesehen belauschen konnten, besser vernommen zu werden "Nun so sag' ich dir, ich bin noch schwankend, ob ich gegen Taganbruch diesen deinen Freund ganz totschlage oder nur halb. Weisst du," (fing er leise an und fuhr sogleich laut fort) "wer dieser Semmelmann im innersten ist, Stryk? Der Fallstrick, der Galgenstrick, der Ehrenkronenräuber, kurz der Rezensent meiner Werke." – "Wie? – Herr Kollege!" sagte Strykius. – "Kein Wort weiter, er wird totgemacht! – Flex, heda! mein Kerl fährt augenblicklich vor bei Herrn Brunnenarzt Strykius, meine Tochter wird nicht gewecktsie soll nichts wissen, bis ich wiederkomme, und das ohne alle Umstände."

Wenn wirklich, wie schon Swift nach Rochefoucault sagt, wir in jedes Freundes Unglück etwas weniges finden, was uns heimlich erlabt: so musste allerdings der Brunnenarzt in der Aussicht auf die Ausprügelung seines Freundes Semmelmann etwas Behagliches finden, da er so lange diese sich selber zugedacht geglaubt; auch wurde diese Behaglichkeit durch die Betrachtung eher vermehrt als vermindert, dass der Leibmedikus, sein Nebenbuhler, der als Weg-Aufseher der ersten und zweiten Wege des Fürsten mehre Wege Rechtens und Himmelfahrten und bedeckte Wege und enge Pässe des Landes besetzte, vom berühmten Katzenberger vielleicht durch Prügel könnte um einigen Kredit, wenn nicht um Glieder und mehr gebracht werden. Dies hielt ihn aber nicht ab, vielmehr spornte es ihn an, sich nicht nur unter vier Ohren, sondern vielleicht vor mehr als zehn Hörmaschinen des Hofs im Finstern entschieden des Leibmedikus oder der Semmelmannschen Unschuld anzunehmen, und zwar mit um so grösserer Wärme der Überzeugung, je gewisser er wusste, dass er selber die Rezension gemacht.

"Mein bester Kollege", begann er, "möge mich nur hören! Wie stark der Argwohn gegen den Herrn Leibmedikus gegründet, entscheid' ich am wenigsten, da ich Journale, worin etwas stehen soll, als z.B. die Gotaischen Anzeigen, die Oberdeutsche Literatur-Zeitung, die neue allg. deutsche Bibliotek und dergleichen Unrat, mehr mitalte als mitlese. Aber trefflicher kühner Amt- und Waffenbruder! Lassen Sie mich doch auch reden! kennen Sie die Misslichkeit solcher Namen-Ablauschungen wie die Ihres Herrn Richters? Ich halte Semmelmann, soweit ich ihn kenne, durchaus für unschuldig; doch gesetzt, aber nicht zugegeben, Sie hätten recht; aber Freund, wie kann ein Gelehrter mit einem andern Gelehrten (zur Abwägung zwei solcher hab' ich keine Gewichte) den geistigen Zwist mit Waffen ausfechten wollen, die nichts treffen als Leiber? – Bei Gott, ich bin hier nicht bestochen, und die fremde Sache nehm' ich kühn für eigne.."

"Ich habe dich Spitzbuben wirklich ruhig ausgehört, bloss nur um dir vorläufig darzutun, dass ich, bei Gott! bei Verstand bin wie einer und nach niemand frageWas verschlagen alle Flaschen im Magen gegen das wenige, was aus ihm davon in den Kopf steigt? Aber, wie gesagt, das ist mein Satz, oder ich weiss nicht, was wir sagen. Und doch ein Spitzbube bist du selber, so gross wie Semmelmann, weil du ihm ähnelst und beistehst. Denn du bist, nimm mir es nicht übel, lieber Stryk, – von haus ausein milder Mann mit einem weichen Herzen im Brustkästchen, und es ist dir nachzusehen, wenn du aus verdammter verhasster Liebe Schubjacke und Stricke (ich rede gesetzt) verfichst; denn dein Angesicht ist ein sanfter Ölgarten, wo man Blut schwitzt, und du bist am ganzen leib mit Selber-Dämpfern wie mit Blutigeln besetzt. Du weisst nur zu gut