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Strykius konnte nicht anders, als er musste stutzen. Bei der dritten Flasche oder Station hielt es der Doktor für seinen Schein zuträglich, ein wenig mit seinem Verständigsein nachzulassen und mehr ins Auffallende zu fallen; überhaupt mehr den Mann zu zeigen, der nicht weiss, was er will. "Noch gehts gut, Herr Kollege," sagt' er, "doch sieht man, was der Mensch verträgt. Ich wäre jetzt imstande, jedem, der wollte, unangenehme Dinge mit einer solchen juristischen Kautelarjurisprudenz zu sagen, dass der Mann an keine Injurienklage denken dürfte. – Es böte mir z.B. eine vornehme ResidenzFrau ihr Herz und Hand, so könnt' ich, da es nach Quistorp41 für Kleinigkeiten einen recht hämischen Dank zu sagen, keinen Animus injuriandi, Schimpfoder Schmäh-Willen verrät, der trefflichen Dame ins Gesicht versichern: gut! Ich nehme noch dies an; aber nun beschämen Sie mich mit keinen grösseren Geschenken, da ich noch nicht einmal Ihre Kleinigkeiten zu vergelten vermocht. – Dies könnt' ich.

So weiss ich aus demselben Quistorp die andere Einschränkung, dass man nie beschimpfe, wenn man bloss die Sachen seines Neben- und Mit-Menschen (nicht ihn) verächtlich heruntersetzt, als etwa seinen Anzug, seine Gastmähler u.s.w. Ich würde also mit Vorbedacht, da doch am Menschen alles nur fremde Sache ist, ausser seiner Moralität, die er sich, wie der preussische Soldat die Knöpfe, auf eigne Kosten anschaffen muss, ohne Ehrenklage im höchsten Grade anzüglich und geringschätzig z.B. von den schwachen Talenten oder Gesichtzügen eines Rezensenten sprechen, beides Sachen, die der Tropf sich nicht geben kann; ebenso wollt' ich auf viele deutsche Kronen und Tronen (ein schöner weiblicher Reim) losziehen, ohne die Besitzer, die ja beides teils halb auf, teils unter sich haben, im geringsten zu meinen. Doch ich kehre zu meinem Satze zurückbeiläufig ein ganz gutes Zeichen, denn Trunkne können, wie Verrückte, nie dieselbe Sache unverändert wiederholen und stehen hier tief unter Autoren und Advokaten. – Und Rechtswissenschaft ist nicht einmal mein Fach – (doch trinken wir recht auf sie!); aber Heilkunde bleibt es stets. Wie gesagt, ich sagte vorhin von Injurien und dergleichen. Wo finden Sie hier, Herr Doktor, den Vollzapf?"

Strykius beschwor nach allen Seiten hin das Widerspiel "Dies sag' ich, beim Teufel, ja selber," versetzte der Doktor – "und wozu denn Ihr Fluchen? Ich denke, ich kenne mich und viele. Manches bringt mich auf, darüber ist keine Frage. Nur wünscht' ich zu wissen, ob jemand von der trefflichen, nie hoch genug zu achtenden Gesellschaft um uns her etwas an mir merke; aber freilich Fox und Pitt konnten nur halb so viel vertragen.

Mein lieber Herr Brunnenarzt, Sie brauchen, bei Gott, nicht zu lächeln, als läg' ich schon in den Lagen, für welche ich Ihre Vormundschaft bestellte. Sie sehen, ich weiss noch alles. Hab' ich aber ein Geheimnis verraten? sehe' ich irgendeinen Kopf doppelt? Kaum einfach. – Verschenk' ich schon ausser dem Einschenken? Und wo stehen mir dumme Tränen der Liebe und Trunkenheit im Auge? Im Gegenteil verspür' ich eher harten Humor zum Totschlagen, besonders schlüg' ich gern einem mann aus Ihrer Residenzstadt, der mir mit seinen Augen- und Weisheitzähnen ins Bein gefahren, diese auf der Stelle aus. Die Bestie kommt aber erst, wie Sie sagten, künftige Woche."

"Sie erhitzen sich, Guter", sagte Strykius. – "Aber für das Recht und für jeden Rechtschaffnen, der es mit mir so redlich meint als du, Stryk! – Herr Brunnenarzt, ich sage du zu Ihnen, wie der Russe zu seinem Kaiser. Einen Kuss, aber einen Judas den zweiten! Denn du weisst aus dem Neuen Testament, wo der Brief des zweiten Judas steht. Der erste Judas war nie mein Mann." –

Strykius gab Katzenbergern einen Bühnen-Kuss "Trinke zu, heize ein, zünd an, mein Zünd-Stryk! Ohne Wein war dem Urdeutschen kein Vertrag heilig. – O, wenn ich daran denke! Ein Freund ist es Höchste. Ich sage dir, Stryk, einst hatte' ich einen, und wir herzten einander und er michalles tat ich für ihn und machte meinen Schnitt für ihnich hätt' in seinem Namen gestohlen. Halt, dachte ich, hältst du auch stich? Ich wollte ja in der Eile etwas Ihnen darstellen; sage mir es, Bruder!" – "Das Bewähren Ihres mir unbekannten Freundes", versetzte der Brunnendoktor. "Und dies willst du besser wissen als ich? Stich, sagt' ich ja vorhin, hält er, wenn er sich bewährt und seinem Freunde zu verzeihen weiss. Der nur ist mein Freund. Deshalb macht' ich mir eine leichte Streitsache mit ihm zunutz und schleuderte diesem Freund, um recht zu wissen, woran ich mit ihm wäre, eigentlich um seine Liebe gegen mich zu erproben, einen vollen Bumper oder Willkommen mit allen Kräften an den Kopf; darauf beobachtete ich scharf und kalt, wie er bei dieser ersten Freundschaft-Anker-probe standhalte und sich betrage. – Aber wir prügelten sogleich uns mit vier Händen durch, und der Treulose hasste mich hinterher wie einen Hund. Dies hatte' ich von meiner