." – Strykius, der sie kannte, nahm eiligst das Wort für die stumm-Entrüstete und sagte hastig: er sei im vollständigsten Irrtum über das fräulein "Nu, nu, mein Freund," erwiderte der Doktor, "unter die Saugtiere gehören wir doch alle, wenn sich auch gleich nur die schönere Hälfte unter die Säugtiere zählen darf. – – Aber unser Herr Brunnenarzt" – fuhr er gegen die beiden fräulein fort – "lag von jeher gern vor Damen auf den Knien und dies, glaube ich, mit' Recht; denn er weiss als Arzt, der Schelm, recht gut, dass die Knie, wie stark er sie auch beuge, den feurigsten Blutumlauf nicht im geringsten einhemmen. Wenn ein unmedizinischer Liebhaber vielleicht dächte, die grossen Aderstämme der Beine liefen an den Kniescheiben hinauf und würden also durch das Drücken der Scheiben auf den Boden so gut wie unterbunden: so weiss dagegen unser Arzt aus seinem Sömmering, dass es anders ist und dass die grossen Adern unten um die Kniekehle liegen und nicht leiden und stocken durch Biegen...."
Da war des Bleibens nicht mehr für das Landfräulein, das unter die feinern Dorfdamen gehörte, welche vor einer Hofdame nie Füsse, Strümpfe, Knie, Beine anbehalten, sondern sie zu haus ablegen, um nicht am hof damit anzustossen; zarte Wesen, welche wie Sirenen nur ihre Hälfte zur Sprache bringen und aus Anstand sich nur als Büsten geben. – Zögernd und mit einer freundlichen Abschieds-Verbeugung an den Doktor zog das Hoffräulein dem aufbrechenden Landfräulein nach, das sich die grösste Mühe gab, bloss von Strykius den Abschied zu nehmen durch Knicks und blick und gute Nacht. –
Endlich sass Katzenberger ohne Scheidewand und Ofenschirm neben seinem Strykius. Er liess sogleich viel Achtundvierziger bringen und verrichtete vor der Welt das Wunderwerk, dass er den Brunnenarzt mitzutrinken bat.
"Längst schon hab' er sich verwundert," – hob er an – "dass die Ärzte ungeachtet des Sprichwortes (experimentum fiat in corp. vil.) so wenig Versuche an ihrem eignen Körper machten und nicht die verschiedenen Arten wenigstens der angenehmen Unmässigkeiten durchgingen, um nachher besser zu verordnen. Ob sich nicht ein ganzes Collegium medicum so in die verschiedenen Unmässigkeiten teilen könnte, dass z.B. das eine Mitglied sich aufs Saufen, das andere aufs Essen, das dritte aufs Denken legte, das vierte aufs sechste Gebot, davon oder von der Unnützlichkeit wünsche er doch einen Beweis zu vernehmen, und zwar um so mehr, da z.B. so viele glückliche Kuren der Aphroditen- oder Cypris-Seuche durch junge Ärzte in Residenzstädten bewiesen, dass ein solches Vorarbeiten und solche sich gelesene Selber-Privatissima der Praxis gar nicht schaden – Er wolle nicht hoffen, dass man sich dabei ans Laster stosse, das hier als ein Pestimpfstoff der Arzt ja nur so wie der Schauspieler oder Dichter an sich selber darstelle, um zu lehren und zu heilen."
"Ich weiss fast," – versetzte Strykius, der dasass mit dem Ölblatt im Schnabel und wie Buridans Esel zwischen Ernst und Lächeln – "wohinaus Sie damit wollen." – "Hinein will ich damit, mit dem Weine nämlich", sagte der Doktor und eröffnete ihm ganz frei, er sei gesonnen, sich gegenwärtig vor seinen Augen zu betrinken, um den Effekt mit wissenschaftlichen Augen zu beobachten und jede Tatsache rein ausgespelzt zurückzulegen für die Wissenschaft "Es wird" – fuhr er fort – "meinen Handel gewiss nicht schlechter machen, dass ein Mann vom Fache, wie Sie, dabeisitzt, den ich bitten kann, von seiner Seite mehr die nüchternen Beobachtungen über mich anzustellen und deshalb langsamer als ich zu trinken, da es genug ist, wenn einer sich opfert. Spätere Folgen am nüchternen Morgen beobacht' ich allein." – "Wie gebeten, zugesagt!" versetzte der Arzt.
Darauf rückte der Doktor noch mit einer Bitte ganz leise heraus, Strykius möge, da seinen schwachen Kopf der Wein leicht so zurichte wie der verschluckte Traubenkern den Anakreon, in diesem Falle sein Leib- und Seelenhirt, seinen Gesundheit- und Gewissens-Rat machen und besonders dann, wenn er wie alle Trinker am Ende anfangen sollte zu weinen, zu umhalsen, zu verschenken, ja die grössten Geheimnisse auszuplaudern, ihn warnen und lenken und notfalls mit Gewalt nach haus ziehen; er geb' ihm Vollmacht zu jeder Massregel, mög' er selber betrunken dagegen ausschlagen, wie er wolle.
Der Brunnenarzt sagte lächelnd, er versprech' es für den undenklichen Fall, erwarte aber denselben LiebeDienst, falls er selber hineingeriete.
In der Tat ging bisher der Doktor mit Anschein genug zu Werke – und Strykius fing an, aus den geleerten Flaschen schöne Hoffnung Katzenbergerischer Ehrlichkeit zu schöpfen; doch war es mehr Trug; denn jenem, der sich längst als einen ehemaligen (wie Pitt in London) sogenannten sechs-Flaschen-Mann gekannt, blieb das schöne Bewusstsein, dass er bei allem Trinken nicht aus den Fussstapfen der Griechen wanke, welche bekanntlich den Rachegöttinnen nur nüchtern opferten und deshalb keinen Wein vor ihnen libierten oder weggossen.
jetzt berührt' er wieder von weitem den Rezensenten und sagte, er sei im Badmonat bloss nach Maulbronn wie die Juden zum Ostermonat nach Jerusalem gegangen, um das kritische Passahlamm oder den Passahsündenbock zu schlachten und zu geniessen; noch aber fehle der Bock, und käm' er an, so sei doch manches anders, als er es haben möchte.