der Fürstin-Mutter, die ihr Sohn dicht neben ihrem grab aufgestellt. Teoda eilte zu dem blassen Marmor, wie zu einer stillen Geistergestalt, und setzte sich auf das Grab daneben. Sie durfte jetzt alles vergessen und nur an ihre Mutter denken und sogar weinen; wer konnte' es im Dunkel bemerken?
Teudobach kam aus Felsengängen gegen sie daher, dessen schöne Gestalt ihr durch den Zauber des Helldunkels noch höher aufwuchs. Sie erschrak nicht, sondern sah liebreich zu seiner entblössten Stirn empor, auf der das Licht einer unbefleckten Jugend blühte; "er habe sie heute", fing er an, "lange gesucht, weil er diesen Abend noch über Pira nach haus abreise; denn er könne nicht gehen, bevor er noch einmal sein Betragen entschuldigt und ihre Verzeihung mitgenommen."
"Recht gut!" sagte sie "Morgen hätten Sie mich ohnehin umsonst gesucht; ich geh' ebenfalls ab; und was das Übrige anbetrifft: ich vergebe Ihnen herzlich; Sie vergeben mir; und wir wissen beide nicht recht was: so ist alles vorbei." Dieses brachte sie in einem Tone vor, der sehr leicht und scherzend sein sollte, eben weil ihre Augen noch in der Wehmut der vorigen Rührung schwammen. Auf einmal tönte von einem blasenden Musikchore auf einem fernen Felsen das Lied herüber: Wie sie so sanft ruhn! Heftig fuhr sie vom grab auf und sagte, unbekümmert, dass ihre Tränen nicht mehr zu halten waren, mit angestrengtem Lächeln: "Eine Abschied-gefälligkeit könnten Sie mir wohl erweisen – einen Freund meines Vaters in Ihrem Wagen mitzunehmen bis Pira." – "Mit Freuden!" sagt' er. "So hol' ich ihn her", versetzte sie und wollte davoneilen; er hielt sie an der Hand fest, blickte sie an, wollte etwas sagen, liess aber die Hand fahren und rief: "Ach Gott, ich kann Sie nur nicht weinen sehen." Sie eilte in einen Felsen-Talweg hinein, er folgte ihr unwillkürlich nach – da fand er sie mit dem kopf an eine Felsenzacke gelehnt; sie winkte ihn weg und sagte leise: "O lasst mich weinen, es fehlt mir nichts, es ist nur die dumme Musik." – "Ich höre keine" (sagte der Krieger ausser sich und riss sie vom Felsen an sein Herz) – "O du himmlisches, gutes Wesen, bleib' an meiner Brust – ich meine es redlich, muss ich von dir lassen, so muss ich zugrunde gehen." Sie schauerte in seinen Armen, das weinende Angesicht hing wie aufgelöset seitwärts herab, die Töne drangen zu heftig ins gespaltene Herz, und seine Worte noch heftiger. "Teoda, so sagst du nichts zu mir?" – "Ach," antwortete sie, "was hab' ich denn zu sagen?" und bedeckte das errötende Gesicht mit seiner Brust. – Da war der ewige Bund des Lebens zwischen zwei festen und reinen Herzen geschlossen.
Aber sie fasste sich in ihrer Trunkenheit zuerst und nahm seine Hand, um wieder in die weite Mitte des schimmernden Himmelgewölbes vor die Zuschauer zu gehen. – Als jetzt dem Musikchore ein zweites, in tiefe Ferne gelegt, antwortete als ein Echo: – so hielten beide glückliche das leisere Tönen noch für das alte laute, weil die saiten ihres Herzens darein mitklangen. Und als Teoda heraustrat vor den Glanz des brennenden Gewölbes, wie anders erschien es ihr nun! Eine Unterwelt lag vor ihr, aber eine elysische; unter der weiten Beleuchtung flimmerten selber die Wasserfälle in den Grotten und die Wassersprünge in den Seen – überall auf den Hügeln, in den Gängen wandelten selige Schatten, und auf den fernen Widerklängen schienen die fernen Gestalten zu schweben – alle Menschen schienen einander wiederzufinden, und die Töne sprachen das aus, was sie entzückte – das Leben hatte ein weisses Brautkleid angezogen – wie in einem vom Mondschein glimmenden Abendtau und in Lindenduft und Sonnen-Nachröte schienen der seligen Teoda die weissgekleideten Mädchen zu gehen, und sie liebte sie alle von Herzen – und sie hielt alle Zuschauer für so gut und warm, dass sie öffentlich wie vor einem Altare hätte dem Geliebten die Hand geben können. –
In dieser Minute liess der Fürst eine heimliche, nach dem Abendhimmel gerichtete Eichenpforte des Höhlen-Bergs aufreissen und liess die Abendsonne wie einen goldnen Blitz durch die ganze Unterwelt schlagen und mit einer Feuersäule durch sie lodern "Ach Gott, ist denn dies wahr, sehen Sie es auch?" sagte Teoda zu ihm, welche glaubte, sie erblicke nur ihr innres Entzücken in das äussere Glänzen ausgebrochen und ihr gesicht vorspielend, da gleichsam die goldne Achse des Sonnenwagens in der Nachtwelt ruhte und mit dem Glanz-Morgen, den er ewig mitbringt, die Lichter auslöschte und die Höhen und die wasser übergoldete – da der ferne Mond-Tempel wie ein Sonnen-Tempel glühte – da die bleiche Bildsäule am See sich in lebendigem Rosenlichte badete und auseinanderblühte – da das angezündete Frührot des Lebens an der einsamen Abend-Welt plötzlich einen bevölkerten Lustgarten voll wandelnder Menschen aufdeckte. –
Und doch, Teoda, ist dein Irrtum keiner! Was sind denn Berge und Lichter und Fluren ohne ein liebendes Herz und ein geliebtes? Nur wir beseelen und entseelen den Leib der Welt. Ist ein Garten eine engere Landschaft, so ist die Liebe nur ein verkleinertes All; in jeder Freudenträne wohnt die grosse Sonne rund und licht und in Farben eingefasst.
Lange noch