1809_Jean_Paul_057_7.txt

Lust bewirtet.

6. Summula

Fortsetzung der Abreise durch Fortsetzung des

Abschieds

Am Morgen tat oder war Teoda in der weiblichen Weltgeschichte nicht nur das achte Wunder der Weltsie war nämlich so früh fertig als die Männer –, sondern auch das neunte, sie war noch eher fertig. Gleichwohl musste man auf sie wartenwie auf jede. Es war ihr nämlich die ganze Nacht vorgekommen, dass sie gestern sich durch ihren Freudenungestüm und ihre reisetrunkne Eilfertigkeit bei einem Abschiede von einer Freundin vollends versündigt, deren helle ungetrübte Besonnenheit bisher die Leiterin ihres Brauseherzens gewesenso wie wieder die Leiterin des zu überwölkten Gattenkopfsund welche ihre versteckte Wärme immer bloss in ein kaltes Lichtgeben eingekleidet; – und von dieser Freundin so nahe an der Klippe des weiblichen Lebens eilig und freudig geschieden zu seindieser Gedanke trieb Teoda gewaltsam noch einmal in der Morgendämmerung zu ihr. Sie fand das Haus offen (Mehlhorn war früh verreiset), und sie kam ungehindert in Bonas Schlafgemach. Blass wie eine von der Nacht geschlossene Lilie ruhte ihr stilles Gesicht im altväterischen stuhl umgesunken angelehnt. Teoda küsste eine Lockedann leise die Stirndann, als sie zu schnarchen anfing, gar den Mund.

Aber plötzlich hob die Verstellte die arme auf und umschlang die Freundin: "Bist du denn schon wieder zurück, Liebe," – sagte wie traumtrunken Bona –, "und bloss wohl, weil du deinen Dichter nicht da gefunden?"

"O, spotte viel stärker über die Sünderin, tue mir recht innig weh, denn ich verdiene es wohl von gestern her!" antwortete sie und nannte ihr alles, was ihr feuriges Herz drückte. Bona legte die Wange an ihre und konnte, vom vorfrühen Aufstehen ohnehin sehr aufgelöset, nichts sagen, bis Teoda heftig sagte ":Schilt oder vergib!", so dass jener die heissen Tränen aus den Augen schossen, und nun beide sich in einer Entzückung verstanden. "O jetzt möchte ich", sagte Teoda, "mein Blut, wie dieses Morgenrot, vertropfen lassen für dich. Ach, ich bin eigentlich so sanft; warum bin ich denn so wild, Bona?" – "Gegen mich bist du gerade recht," erwiderte sie; "nur einmal das beste Wesen kann dein wildes verdienen. Bloss gegen andere sei anders!" – "Ich vergesse", sagte Teoda, "bloss immer alles, was ich sagen will oder leider gesagt habe; nur ein Ding wie ich konnte es gestern zu sagen vergessen, dass ich mich am innigsten nach der erleuchteten Höhle in Maulbronn wie nach dem Sternenhimmel meiner Kindheit sehne, meiner guten Mutter halber." Ihr war nämlich ein unauslöschliches Bild von der Stunde geblieben, wo ihre Mutter sie als Kind in einer grossen, mit Lampen erhellten Zauberhöhle des Ortsähnlich der Höhle im Bade Liebensteinumhergetragen hatte.

Beide waren nun ein ruhiges Herz. Bona hiess sie zum Vater eilenwiederholte ihren Rat der Vorsicht mit aller ihr möglichen Ruhe (ist sie fort, dachte sie, so kann ich gerührt sein, wie ich will), vergass sich aber selber, als Teoda weinend mit gesenktem kopf langsam von ihr ging, dass sie nachrief: "Mein Herz, ich kann nur nicht aufstehen vor besonderer Mattigkeit und dich begleiten; aber kehre ja deshalb nicht wieder um zu mir!" Aber sie war schon umgekehrt und nahm, obwohl stumm, den dritten Abschiedkuss; und so kam sie mit der Augenröte des Abschiedes und mit der Wangen- und Morgenröte des tages laufend bei den Abreisenden an.

7. Summula

Fortgesetzte Fortsetzung der Abreise

Da der Doktor neben dem Edelmanne auf ihre Ankunft wartete: so liess er noch ein Werk der Liebe durch Flex ausüben, seinen Bedienten. Er griff nämlich unter seine Weste hinein und zog einen mit Branntwein getränkten Pfefferkuchen hervor, den er bisher als ein Magen-Schild zum bessern Verdauen auf der Herzgrube getragen: "Flex," sagte er, "hier bringe mein Stärkmittel drüben den untern Gerberskindern; sie sollen sich aber redlich darein teilen." – Der Edelmann stutzte.

"Meiner Tochter, Herr von Niess," sagte er, "dürfen Sie nichts sagen; – sie hat ordentlich Ekel vor dem Ekelwiewohl ich, für meine person, finde hierin weder einfachen noch doppelten nötig. Alles ist Haut am Menschen, und meine am Bauche ist nur die fortgesetzte von der an den Wangen, die ja alle Welt küsst. Vor den Augen der Vernunft ist das Pflaster ein Pfefferkuchen wie jeder andere im Herzogtume, ja mir ein noch geistigerer."

"Ich gestehe," – versetzte der sich leicht ekelnde Dichter schnell, um nur dem bösen Bilde zu entspringen – "dass mich Ihr Bedienter mit seinem langen Schlepp-Rocke fast komisch interessiert. Wie ich ihm nachsah, schien er mir ordentlich auf Knien zu gehen, wie sonst ein Sieger zum Tempel des Jupiter capitolinus, oder aus der Erde zu wachsen."

Freundlich antwortete Katzenberger: "Ich habe es gern, wenn meine Leute mir oder andern lächerlich vorkommen, weil man doch etwas hat alsdann. Mein Flex trägt nun von Geburt an glücklicherweise kurze Dachs-Beine, und auch diese sogar äusserst zirkumflektiert, dass, wenn sein Rock lang genug ist, sein Steiss und sein Weg, ohne dass er nur sitzt, halb beisammen bleiben. Diesen komischen Schein seiner Trauerschleppe nütz' ich ökonomisch. Ich habe nämlich einen und denselben längsten Lakaienrock,