1809_Jean_Paul_057_69.txt

Unsinn, so wär's auch keiner, sondern vernünftig, wenn ich meinen trefflichen Herrn Kollegen Strykius verabscheute aus Ekel, bloss weil er, obwohl mir in Wissenschaft und Streben so verwandt und durch Freundschaft gewissermassen ein teil meines inneren, ausser mir stände neben meinem stuhl."

Daneben war wirklich der Brunnenarzt Strykius im Mute des Wein-Nachtisches getreten. Über des Doktors Mut und Glück bei dem Fürsten und besonders über das Armwerfen des einen und über das Anlächeln des andern konnte' er kaum zu sich kommen; denn er selber lag, kaum von einem Fürstenfinger berührt, wie manche Raupen gebogen und steif da oder fiel wie eine Hangspinne am Faden nieder auf den Boden; und er würde als Geburtelfer eines Kronprinzen unter den fürstlichen Wehen höchstens gesagt haben: wollen Ihre Durchlaucht nicht die hohe Gnade haben, einzutreten in die Geburt und das Licht der Welt erblicken? Auch wollte er seinem Landesherrn von weitem seine innigen Verständnisse mit einem so gelehrten mann vorzeigen. Aber Katzenberger liess ihn seinen Schein und sein Annähern ziemlich bezahlen; denn er kam auf einem schwachen, nicht sehr maskierten Umweg auf seinen Rezensenten zurück. – (Der Umweg war bloss die Einschränkung des vorigen Satzes über den Abscheu, nämlich die Bemerkung, dass ihn allerdings sein Kunstrichter, obwohl Handwerk, genoss, anekle.) – Er sprach davon, was wir leider so oft in diesem Werkchen gelesen, von der Sünde, eine stimme für mehre, für drei Instanzen zu verkaufen, einen geschwornen Meineidigen für eine Jury, einen Judas für elf Apostel. Er brachte dann wiederwas wir alle leider so oft von ihm gehört, so dass ich die Leser fast noch mehr bedaure als mich die alten kalten Einkleidungen seines künftigen Ausprügelns zu Markte und äusserte (denn ich führe nicht alles an), ihn quäle sehr die Wahl, wie er es zu halten habe, da er von der einen Seite recht gut dem Kunstrichter bloss die Haare ausziehen könne, weil nach Aretäus schon blosses Abscheren Wahnsinn heile (wie an den Titusköpfen der Revolution noch zu sehen), aber da er auch von der andern Seite noch stärker zu Werke gehen und den Kerl, wie Bierflaschen, durch Schrot reinigen könne, welcher Schrot, freilich anders als bei der Flasche, bloss durch einen Schuss in ihn zu bringen wäre, wiewohl man bei Blei des Feindes Gesundheit stets riskiere, weil dasselbe stets vergifte, es fliesse nun langsam und süss in Wein aufgelöst in den Magen, oder es fahre im ganzen roh durch Magen und Leib.

"Bon!" versetzte Strykius und verstand Spass. – "Wer Leben wiedergibt, kann es auch zurücknehmen, und Sie können ermorden, weil Sie oft genug geheilet haben. Doch Scherz beiseite! Ich habe, guter Katzenberger, Ihre köstlichen Werke erst nach den Rezensionen gelesen- –"

– "Ganz natürlich!" unterbrach der Doktor.. "Und ich habe etwas darin gefunden, was ich noch von niemand gehört, dass Sie nämlich einem berühmten Engländer aufs Haar gleichen", fuhr Strykius fort.

"Wem aufs Haar?" fragt' er.

"Dem wackern Doktor und Romancier Smollet in London. Weniger in Wissenschaftdenn hier weiss ich nicht genau, ob Smollet besondere Vorzüge besessenals im Humor; wie, Herr Doktor?"

"Prügelszenen", versetzte er, "hat er allerdings einladend dargestellt, und insofern dürft' ich etwas von ihm haben, wiewohl nicht in teoretischer Darstellung, sondern etwa in praktischer; denn ich frage Sie als Unbefangenen ernstlich, ob es eine grössere Halunkerei gibt, als mit sieben Stimmen aus drei Zerberus-Kehl-Köpfen – –"

"Wir kennen dies, Freund. Vielleicht haben wir beide etwas getrunken! wenigstens ich", sagte Stryk; "Sie bleiben Smolletus secundus. Aber zum Zeichen, wie mich auch das Kleinste an Ihnen interessiert, sag' ich Ihnen ganz leise ins Ohr: Ihre linke Beinkleiderschnalle ist eine stählerne, und die rechte ist bronzen. Sie verzeihen doch, mein Trefflicher, einem Kollegen, der sich gleichfalls nicht von gelehrten Zerstreuungen für frei erklärt, diese freimütige Bemerkung, die ich wahrhaftig bloss wegen einiger Augen und Blicke der erbärmlichsten Gemeinheit gemacht." – "Schon vor Jahren," versetzte der Doktor, "seitdem ich von jedem Paare eine Schnalle verloren, hab' ich meine Knie ganz absichtlich so eingeschnallt, weil ich mir immer sagte: da jeder nur eine Schnalle auf einmal bemerken kann und dann eine gleiche voraussetzt: was müsste dies für ein Narr sein, der auf beide Schnallen Jagd machte und so ihren Unterschied sich recht einkeilte? hatte' ich aber wohl unrecht, mein Freund?" – Katzenberger war mit einem unüberwindlichen Hass gegen das Aufwallen knechtischer Herzlichkeit, gegen jenes ekle Überfliessen der Liebedienerei da geplagt, wo er gerade Gallergiessungen vorgereizt und erwartet hatte; und hier war er leichter von fremder Süsslichkeit zu erbittern als von Bitterkeiten selber.

Da er nun das Seinige getan, nämlich gesagt, so richtete er die Frage: "kommt der Leibmedikus Semmelmann doch dem Fürsten nach?" mit einer seltsamen Miene an Strykius, welche fast tun sollte, als wolle sie Erbitterung und Hinterlist verbergen. Strykius starrte plötzlich in eine ganz neue, aber hübsche Perspektive hineinglaubte zu wittern, dass der Doktor den Leibmedikus Semmelmann für den prügelbaren Rezensenten halte und versetzte: "Künftige Woche!"

39. Summula

Doktors Höhlen-Besuch

Eine Stunde vor Sonnenuntergang war die Höhle mit Lampen erleuchtet