man sie allein in Bewegung und Reizung setzt; und dann sei für den ganzen übrigen Venenblutumlauf nur schlecht gesorgt.40 Daher müssen durchaus die Oberfüsse oder arme als Mitarbeiter – wenigstens von hohen Personen, die mit ihnen nicht am Sägebocke oder hinter dem Garnweberstuhl oder auf der Drechselbank hantieren wollen – gleich stark mit den Unterfüssen auf- und abgeschleudert werden, zumal da schon nach Haller in seiner Physiologie das einfache Aufheben eines Armes den Puls um viele Schläge verstärke." – Und hier machte der Doktor dem Fürsten den offizinellen gang mit gehenden Perpendikelarmen so geschickt vor, dass er, wie ein trabendes Pferd, Ober- und Unterbeine in entgegengesetzter Richtung vorwärts und hinterwärts schlug; – und die ganze Badgesellschaft sah von fernen den unbegreiflichen und unehrerbietigen Schwenkungen des Doktors vor dem Fürsten zu. "In der Tat," sagte der Fürst lächelnd, "dies muss man versuchen, wenn auch nicht in grosser Gesellschaft." – "Dann", fuhr der Doktor fort, "kann man noch mehr tun. Da eigentlich das Säuern oder Entkohlen des Blutes das Ziel alles Lustwandelns ist: so halt' ich auf Spaziergängen meinen Mund ausserordentlich weit aufgesperrt, um so die Luft stromweise in meine Lungen einzuschütten zum Oxydieren. Ja, ich darf Ihrer Durchlaucht vorschlagen, dass Sie in zeiten, wo das Wetter nicht zum Gehen ist, dafür recht gut das Reden wählen können, weil dieses das Blut herrlich säuert durch das schnellere Einatmen der Lebensluft und das Ausatmen der Stickluft. Daher erkranken wir Professoren häufig in den Ferien durch Aussetzen der Vorlesungen, mit welchen wir uns zu säuern und zu entkohlen pflegen. Auch der treffliche, in unsern zeiten zu wenig erwähnte Unzer, ihr Durchlaucht, bemerkt im achtzigsten Stücke seines Arztes ganz wahr, dass den Verrückten das unaufhörliche Sprechen und Singen die Motion ersetze." – Da nahm endlich der Fürst von dem berühmten Gelehrten- der seinen Bückling mehr nur mit dem inneren Menschen machen konnte, obwohl nur vor einem van Swieten, Sydenham, Haller, Swift – mit grösserer Höflichkeit Abschied, als Katzenberger verhältnismässig erwiderte, ja mit zu grosser fast. Warum aber? vielleicht weil überhaupt Fürsten gern dem fremden Gelehrten am höflichsten begegnen – weil ihre Höflichkeit sie noch nichts kostet – weil sie ihn erst angeln wollen – weil ein von innen aus Freigemachter bei ihnen unter die Freiherrn und Freifrauen tritt, d.h. unter ihresgleichen – weil die Sache ohne Folgen (gute ausgenommen) ist – weil die Fürsten gern alles tun, aber nur einmal, auch das Beste – weil die ganze Sache kurz abgetan, und lang abgesprochen wird – weil sie einmal in Erstaunen ihrer Herablassung setzen wollen, welches bei Untertanen sie zu viel kosten würde – weil sie vom mann später an der Tafel etwas sagen wollen und ihn also vorher etwas sagen lassen müssen – und weil sie eben dasselbe ohne alle Gründe täten, um so mehr da sie den besagten Mann schon halb vergessen, wenn er noch dasteht, und sich nach Jahren nicht gut mehr erinnern, wer der Mensch gewesen – und endlich, weil es doch beim Himmel auch Fürsten gibt, welche, wie Friedrich II., die schönste Ausnahme machen und einen Gelehrten noch höher würdigen als ein Gelehrter.
Indes auch einheimische Schriftsteller könnten die Sache benützen und sich vor solchen von ihren Fürsten, die auf ihnen wie Sultane auf verschnittenen niedergebückten Zwergen sich in den Sattel schwingen wollen, geradezu als Tanzbären aufrichten und auf die Hinterfüsse treten. Um so unbegreiflicher bleibt es darum, dass bisher die Ärzte und die Rechtsgelehrten gegen die höhern Stände nicht zehnmal gröber ausfallen, als sie tun, und nicht so grob, als die Virtuosen der Zeichen-, der Ton-, der Schau- und der Tanzkunst längst getan; denn ohne jene, die ja erst Lang-Leben und Wohlleben verschaffen, sind alle Springer und Geiger unbrauchbar, indem alle Philosophen darüber einig sind, dass man, um wohl zu leben, zuvörderst leben müsse. Doch sprech' ich jenen nicht alle Grobheit ab, sondern nur den grössten Grad. Etwas anders sind Dichter, Weltweise und Moralisten, ja Prediger (in unsern Tagen); diese können nie höflich genug sein, weil sie nie unentbehrlich genug sind.
Endlich setzte sich der Doktor mit dem Glanze, den er als ein Lichtmagnet an sich gezogen vom FürstenSterne, kalt zu seinem Mehlhorn und seiner Tochter. Der Umgelder hätte beinahe den Hunger verloren vor Anbetung des Fürsten und vor Bewunderung Katzenbergers, der so leicht mit jenem diskuriert hatte. Unter dem Essen lenkte der Doktor die Rede aufs Essen und merkte an, er wundre sich über nichts mehr, als dass man, bei der Seltenheit von Kadavern und vollends von lebendigen Zergliederungen, so wenig den für die Wissenschaft benutze, in dem man selber stecke, besonders im Sommer, wo tote faulen. "Wär' es Ihnen zuwider, Herr Mehlhorn, wenn ich jetzt z.B. den Genuss der speisen zugleich mit einem Genusse von anatomischen Wahrheiten oder Seelenspeisen begleitete?" – "Mit tausend Wohlgefallen, teuerster Herr Doktor," sagt' er, "sobald ich nur kapabel bin, Ihrer gelehrten Zunge zu folgen." – "Sie brauchen bloss zu meinem Sprechen zu käuen; nämlich bloss von der Käufunktion will ich Ihnen einen kleinen wissenschaftlichen Abriss geben, den Sie auf der Stelle gegen Ihre eigne, als gegen lebendiges Urbild, halten sollen. – Nun gut! – Sie käuen jetzt; wissen Sie aber, dass die Hebelgattung, nach