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Menschen waren, die gestorben sind.

Der Sterbliche blickte, schneller auf die Erde zufallend, mit erhobenen betenden Händen nach der Stelle im Himmelblau empor, wo der Unendliche seinem Herzen erschienen warund ein stiller Glanz hing unverrückt an der hohen Stelle. Und als er noch schwerer den erleuchteten weichenden Dunst unserer Kugel betrat und zerteilte: stand noch immer der Glanz im Äter fest, nur tiefer an der umrollenden Erde....

Und da er unsern kalten Boden berührte, erwachte er; aber der feste Glanz stand im blauen Osten noch und war dieSonne.

Der Kranke stand unten im Garten, der erste herbe giftige Traum hatte ihn hinabgedrängtdie Morgenluft wehtedas Feuer war gelöschtsein Fieber war geheilt und sein Herz in Seelenruhe.

Und wie die Qual des Fiebers den höllischen, und der Sieg der natur den himmlischen Traum geboren; und wie wieder der folternde Traum den Scheidepunkt, und der labende die Genesung beschleunigt hatte: so werden auch unsere geistigen Träume unsere Seelenfieber nicht bloss entzünden, sondern auch kühlen und heilen, und die Gespenster unseres Herzens werden verschwinden, wenn wir von seinen Gebrechen genesen.

Drittes Bändchen

Dritte Abteilung

38. Summula

Wie Katzenberger seinen Gevatter und andere

traktiert

Auch Teoda begab sich wieder an die öffentliche Tafel, nämlich zum letzten Male und an dem arme des Zollers, der, ganz stolz auf die Ehre einer so vornehmen Nachbarschaft und auf den Schein, weniger der Gast des Vaters als der Wirt der Tochter zu sein, sie an ihren Sessel geleitete. Es ist zweifelhaft, ob ihr Entschluss der öffentlichen Erscheinung bloss von ihrer Gevatter-Freude herkam oder von ihrer achtung gegen Mehlhorn, der ohne ihre Nachbarschaft nur eine sehr kalte an der väterlichen finden konnte; – oder vom Gedanken der Abreise und vom Aufwachen ihres alten Stolzes oder (wer könnt' es wissen) vom Wunsche, an der Tafel einen Fürsten zum ersten Male zu erblicken, oder gar den Hauptmann Teudobach zum letzten Male, oder von der Aussicht in die abends aufleuchtende Eden-Grotte; – oder aus unbekannten Ursachen; sehr zweifelhaft, sag' ich, ist es, aus welcher von so vielen Ursachen ihre Umänderung entsprang, und mein Beweis ist der, dass es wahrscheinlich ist, alle diese Gründe zusammensamt allen unbekanntenhaben mitgewirkt.

Teoda sollte diesmal immer froher werden; noch vor dem Essen sah sie ihren Vater über 100 Vaterunser lang vom Fürsten gehalten und gehört. Der Fürst hörte, wie andere Fürsten, Gelehrte aller Art fast noch lieber und noch länger, als er sie las; vollends einen, der wie Katzenberger nicht sein Landeskind, seine Landesplage oder sonst von ihm abhängig war; er befragte ihn besonders über die Heilkräfte des Brunnens. Der Doktor setzte sie sehr hoch hinauf und sagte, er habe ein kleines chemisches Traktätchen in der tasche, worin er dargetan, der Maulbronner Brunnen vereinige als Schwefel-wasser alle Kräfte des Aachner, des Zaysenhauser im Württembergischen und des Wildbads zu Abach, wie schon das hässliche Stinken nach faulen Eiern verspreche. Hier wollt' er das Traktätchen aus der tasche ziehen, brachte aber dafür einen langen Bärenkinnbacken mit Zähnen halb heraus, den er in der Bärenhöhle schon ohne hülfe der Illumination aufgefunden und zu sich gesteckt. "Ei, wie böse!" sagt' er, "hab' ich die Untersuchung doch zu haus gelassen. Aber ich habe immer die Taschen voll anatomischer Präparate!" – Der Fürst, leicht den verpönten Knochendiebstahl und willkürlichen Knochenfrass wahrnehmend, ging lächelnd darüber mit der Bitte hinweg, ihm den Traktat zu senden; und tat die Frage, ob es ihm im Bade gefalle. – "Ungemein," versetzte er, "ob ich es gleich nicht selber gebrauche; aber für einen Arzt ist schon der Anblick so vieler Presshaften mit ihrer unterhaltenden Mannigfaltigkeit von Beschwerden, die alle ihre eigne Diagnose verlangen und alle verschieden zu heben sind, eine Art Brunnenbelustigung, gleichsam eine volle Flora von Welkenden. Der ordentliche Brunnenarzt freut sich hier wie ein Lumpensammler, wenn recht viel zerrissen ist; es gibt dann unter dem Lumpenhakker viel verklärtes feines Postpapier in die andere Welt zu liefern, und der Badort ist ein schöner Vorhof zum Kirchhofe." Den Fürsten wunderte und erfreute am arzt sehr die Satire auf den eignen Stand, und er lächelte; allein er bedachte nicht, dass eigentlich jeder am meisten über seinen als den ihm bekanntesten, der Hofmann über den Hof, der Autor über das Schriftstellerwesen, ja der Fürst über Seinesgleichen Spott ausgiesst, nur ihn aber andern nicht gern erlaubt. – "Raten Sie mir doch, Herr Professor," fragte der Fürst, "welche Motion ist die beste?" – "Gehen, Durchlaucht, als die rechte Mitte zwischen Reiten und zwischen Fahren", antwortete Katzenberger. "Aber ich gehe täglich, und es hilft mir wenig", versetzte der dickleibige Regent. "Wahrscheinlich darum," sagte der Doktor, "weil Höchstderoselben vielleicht nur mit den Füssen gehen; was zum teil seine Nachteile hat –" (der Fürst sah ihn fragend an) "denn auch mit den Händen muss zu selber Zeit gegangen und sich bewegt werden, da wir Säugtiere in Rücksicht des Körpers ja Vierfüsser sind, wie Moscati sehr gut, nur mit Übertreibungen, bewiesen." – Er setzte nun die Sache mehr ins Licht und zeigte "das Venenblut steige ohnehin schwer die Füsse herauf, häufe sich aber noch mehr in ihnen an, wenn