1809_Jean_Paul_057_65.txt

Glatze oder auf die warme Rosenwange. Aber die Menschen hatten ihren sanften Trost; die sterbenden Geliebten, die begrabenden und die weinenden Augen hingen leicht an den brechenden, Freund an Freund, Eltern an Kindern, und sie sagten "So zieht nur hin, wir kommen ja wieder zusammen hinter dem tod! und scheiden nicht mehr."

"Ich will dir zeigen," sagte die Gestalt, "wie ich sie vernichte." Ein Sarg wurde durchsichtigim weichen Gehirn des darin zusammenfallenden Menschen blickte noch das lichte Ich, vom Moder überbauet, von einem kalten finstern Schlaf umwickelt und vom zersprungenen Herzen abgeschnitten. Ottomar rief: "Lügende Gestalt, das Ich glimmt nochwer zertritt den Funken?" – Sie antwortete "Das Entsetzen! – Sieh hin!" Eine Dorfkirche hatte sich gespaltet: ein bleierner Sarg sprang auf, und Ottomar sah seinen Körper darin abbröckeln und das Gehirn bersten; aber kein lichter Punkt war im offenen haupt. Nun machte die Gestalt ihn starr und sagte "Ich habe dich aus dem Gehirn herausgezogendu bist schon lange gestorben" – und umgriff ihn schnell und schneidend mit den kalten metallenen Fühlhörnern und lispelte: "Entsetze dich und stirb, ich bin Gott"...

Da stürzte eine Sonne herein, die den weiten Himmel einnahm, zerschmelzte die Eiswüste und das Larvenreich und flog ihren unendlichen Bogen brausend weiter und liess eine Flut von Licht zurück, und der durchschnittne Äter klang mit unermesslichen saiten lange nach. Ottomar schwamm im Äter, rings mit einem undurchsichtigen Schneegestöber aus Lichtkügelchen übergossen; zuweilen schnitt der Blitz einer fliegenden Sonne durch die weisse Nacht hinab, und eine sanfte Glut wehte dann vorüber. Der dichte weite Lichtnebel wallete auf den Tönen des Äters, und seine Wogen bewegten den Schwebenden. Endlich sank der weite Nebel in Lichtflocken niederund Ottomar sah die ewige Schöpfung rings um sich liegen, über ihm und unter ihm zogen Sonnen, und jede führte ihre blumigen Erdenfrühlinge an sanften Strahlen durch den Himmel.

Der zusammengesunkene Sonnenduft wallete schon weit im Äter als eine blitzende Schneewolke hinab, aber den Sterblichen hielt noch im Himmelblau ein langer Lautenton auf seinen Wellen empor: da hallete es plötzlich durch den ganzen grenzenlosen Äter hindurch, als liefe die allmächtige Hand über das Saitenspiel der Schöpfung hinüber. In allen Welten war ein Nachklang wie Jauchzen; unsichtbare Frühlinge flogen mit strömenden Düften vorüber; selige Welten gingen ungesehen mit dem Lispeln einer übervollen Wonne nahe vorbei; neue Flammen flatterten in die Sonnen; das Meer des Lebens schwankte, als höbe sich sein unermesslicher Boden; ein warmer Sturm wühlte Sonnenstrahlen und Regenbogen und Freudenklänge und Wolken aus Rosenkelchen untereinander. – Auf einmal wurde' es in der Unermesslichkeit still, als stürbe die natur an einem Entzückenein weiter Glanz, als wenn der Unendliche durch die Schöpfung ginge, lief über die Sonnen, über die Abgründe, über den bleichen Regenbogen der Milchstrasse und über die Unermesslichkeitund die ganze natur bewegte sich in einem sanften Wallen, wie sich ein Menschenherz bewegt und hebt, wenn es verzeihen will – -Da tat sich vor dem Sterblichen sein Innerstes wie ein hoher Tempel auf, und im Tempel war ein Himmel, und im Himmel eine Menschengestalt, die ihn anblickte mit einem Sonnenauge voll unermesslicher Liebe. Sie erschien ihm und sagte: "Ich bin die ewige Liebe, du kannst nicht vergehen"; und sie stärkte das zitternde Kind, das vor Wonne sterben wollte. Der Sterbliche sah durch heisse Freudentränen dunkel die unnennbare Gestaltein nahes warmes Wehen schmelzte sein Herz, dass es zerfloss in lauter Liebe, in grenzenlose Liebedie Schöpfung drang erblassend, aber nah an seine Brust- und sein Wesen und alle Wesen wurden eine einzige Liebeund durch die Liebetränen schimmerte die natur als eine blühende Aue herein, und die Meere lagen darauf wie dunkelgrüner Regen, und die Sonnen wie feuriger Tauvor dem Sonnenfeuer des Allmächtigen stand die Geisterwelt als Regenbogen, und die Seelen brachen, von einem Jahrtausend ins andere tropfend, sein Licht in alle Farben, und der Regenbogen wankte nie und wechselte nur die Tropfen, nicht die Farben. –

Der Alliebende schaute an seine volle Schöpfung und sagte: "Ich lieb' euch alle von Ewigkeitich liebe den Wurm im Meer und das Kind auf der Erde und den Engel auf der Sonne. – Warum hast du gezagt? Hab' ich dir nicht das erste Leben schon gereicht und die Liebe und die Freude und die Wahrheit? Bin ich nicht in deinem Herzen?" – – Da zogen die Welten mit ihren Totenglocken vorüber, aber wie mit einem Kirchengeläute von Harmonikaglocken zu einem höheren Tempel, und alle Klüfte waren mit Kräften und jeder Tod mit Schlaf gefüllt.

Nun dachte der Überglückliche, sein dunkles Erdenleben sei auch geschlossen; aber tief unten stieg die in Gewölk gekleidete Erde herauf und zog den Menschen aus Erde wieder in ihre Wolken hinein. Der Alliebende hüllte sich wieder in das All. Aber ein Schimmer lag noch auf einem langen Eisgebirge weit hinter den Sonnen. Die hohen Eisberge flossen am Schimmer strahlend auseinander, gebückte Blumen flatterten angeweht über die zerschmolzene Mauer auf, ein unabsehliches Land lag aufgedeckt im Mondlicht weit ins Meer der Ewigkeit hinein, und er sah nichts darin als unzählige Augen, die herüberblickten und seligweinend glänzten, wie ein Frühling voll warmen Regens unter der Sonne funkelt, und er fühlte am Sehnen und am Ziehen seines Herzens, dass es alle seine, dass es alle unsere