nicht, wie Muscheln, die besten Perlen erst durch langes Modern aufdecken und hergeben –
Und so weiter; denn jeder Deutsche klagt hauptsächlich, dass der andere gesellig lieber Erzählungen mache als Bemerkungen – lieber fremde Einfälle als eigne – lieber die längsten Erzählungen als schöne – lieber Berichte als contes – lieber Stichworte des Spiels als sonst ein gutes Wort –
Wird gar von Amt-, Huldigung-, Kanzelrednern oder von dem Bruder Redner (einem sehr ernsten frère terrible) gesprochen, so sind die Klagen wirklich herb – –
Aber hier liegt nun die Schuld (darauf sollte die lange Periode wo möglich führen) viel weniger an den Sprechern als an den Hörern selber, welche, anstatt wie gute Barometer nur eine Öffnung zu haben, zwei Ohren öffnen und folglich Luft einlassen. Ein Mann aber mit einhörigem Ohr – das er so leicht zumacht als ein dummes Buch – schätzt geselligen Verkehr. Kann er denn nicht – dies weiss er – mitten unter gedachten Reden wie zufällig ans Hör-Ohr den Stockknopf legen – oder den Kopf auf die Hand oder es sonst verschliessen – oder, ohne es zu tun, sich umdrehen und jedem sein geschlossnes Ohr zuwenden und dadurch so glücklich werden als wenige? – Wie selig war ich oft in den vornehmsten Männerzirkeln, wo, als in Epikurs- und Augias-Ställen, die kotigsten Anekdoten aller Art umliefen, wenn ich, nichts als mein blindes Ohrtor zeigend, in meinem zugemauerten Konklave mitten unter moralischen Sterkoranisten die köstlichsten biographischen Madonnen erzeugte und anbetete! – Ähnlicherweise durften sonst in Jülich und Berg (einige Dörfer ausgenommen) Protestanten an katolischen Heiligen-Tagen, nach Reichgesetzen, nur arbeiten, wenn sie Türen und Fenster verschlossen. – Wie wurde' ich oft von mancher Erzählung gelabt, wenn sie lang und langweilig genug war, dass ich während ihres Verlaufs, mit offenem Gesicht am verschlossnen Kopf, heiter am neuesten Druckbogen fortarbeiten konnte, z.B. an diesem! wurde' ich dann wieder, wie ein Siebenschläfer und Epimenides, wach, so umzog mich eine verjüngte Welt, und frische gespräche versuchten ihr Heil.
– – Hier komme ich leider scheinbar in den Fall der Buchhändler und Fürsten, welche das Allgemeinste oft als Herold dem Bestimmtesten vorausschicken, die Ewigkeit dem Markttage, wenn ich auf die Partie Ohren-Körke oder Hörschirme aufmerksam und begierig mache, welche mir ein abgedankter Vielkünstler, der lange auf Bühnen, Flöten, Karten und Weiberherzen gespielt, als Faustpfänder einer kleinen Schuld auf dem Halse gelassen. Die Schirme (dem Anfühlen nach von Resina mit etwas Baumwolle) sind gut und geschmackvoll genug. – Meine Adresse ist: J. P. F. Richter, Legationrat, in Herrn Registrator Schramms haus in Baireut.38 Als mir der Tonkünstler dieser geselligen Still-Leben die mündlichen Empfehlungen derselben vormachte, versucht' ich einige von den Schirmen dem Ohre ein und fand sie bewährt. Der Künstler erzählte noch zu ihrem Vorteil, er habe, da er leider alles leichter bei sich behalte als ein Geheimnis, zwei seiner Sperröhren, als er in die Loge zum ∧ | – aufgenommen worden, aus Meineidangst zu − sich gesteckt und damit kurz vor dem Vortragen der Geheimnisse sich die Ohren, gleich Zähnen, so wohl plombiert, dass er kein einziges vernommen, sondern noch bis diese Stunde seinen Schwur spielend erfülle; ja er stehe, setzt' er hinzu, jedem kühn zur Rede, der ihn probieren wolle, ob er etwas wisse. So viel ist gewiss, dass man mit dieser Ohrklausur – oder diesem Ton-Ableiter und Ohr-Portier – jedem, welchen hohen Standes er auch sei, auf der Stelle Schweigen auferlegen kann, er mag noch so laut fortreden; der Mann ist ein e-muet (stummes E) für mich und kann nicht einlaufen in den gesperrten Hafen der Gesellschaftinsel. – – – Jetzt aber zum Wichtigern zurück!
Da wohl der Vorteil kein Publikum in der Welt interessiert, dass ich schon von natur zur Höflichkeit geschaffen bin, nämlich als Linkstauber jeden an meiner Rechten, als der Hör- und Windseite, gehen zu lassen, um doch in Diskurse zu geraten: so bitte ich die Welt, sofort den vierten Nutzen der Einhörigkeit zu betrachten und mit mir an mein Bette zu treten, wo ich liege – aber eben auf dem Hör-Ohr – und folglich nicht einmal merke, wie viel eintreten.
Je näher man dem längsten Schlafe kommt, desto mehr achtet man das Vorschlafen. Einem alten mann wäre daher mein linker Vorzug mehr zu gönnen; seinen Regenschirm muss er ja zugleich gegen Schnee und Hagel tragen. Es sei nun, weil der Schlaf ein Vorspiel und Vorzimmer des Todes ist, welcher alle Sinne früher schliesst als das Ohr, oder weil man in jenem (wie in diesem) die Augen zumacht, auf Augenschluss aber (nach Eschkes Bemerkung) leiseres hören folgt, oder weil der scheue Greis mehr befürchtet und mitin behorcht, genug er kann wenig schlafen vor Lärm. So bedeutet es nasses Wetter, wenn Türen und Fenster nicht zugehen. Hunde – Mäuse – Wirtausgäste – Redoutenwagen – der eigne Atem, der zu laut wird – alles weckt den Mann und wacht um ihn; die Frühlingstürme, die ihm nicht viel Blumenstaub ins welke Leben wehen, samt den Passatstürmen der Nachtwächter brechen in seine Ohren ein und stehlen den Schlaf. Ich hingegen, mit der Gabe, ein Ohr weniger zu haben, lege mich (ausser in verdächtigen zeiten und Orten) auf