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zu geniessen bekommt, vielleicht so schätzbar als starkes Gähnen. Nach Haller ist man so lange taub, als man gähnt, und die gütige natur schreibt also selber das Gähnen als das nächste Schirmmittel gegen langweilige Einwirkungen vor. Ein Einhöriger aber erreicht denselben Zweck, nur viel höflicher, wenn er die Hand, anstatt vor den Mund, unter leichtem Vorwand vor das HörOhr hält, wie ich, und so lange aufmerksam ausruht, als das Zerrtonstück dauert. Goete wünscht den Zuhörern Unsichtbarkeit der Spieler, nämlich ihrer Gebärdungen; wer nun noch Unhörbarkeit künstlich dazusetzen kann, hat, glaube' ich, alle Vorteile verknüpft, die von schlechten Konzerten zu ziehen sind. In guten gewinnt ein Mann, der steht und geht, noch grössere durch Einhörigkeit; denn er kann, sooft neben seinem gesunden Ohre Lob- und andere Sprüche wie Prosa die zarte Poesie des Tönens stören und quälen, sich leicht so gut wegstellen, dass er der rohen Klapperjagd neben sich geradehin das tote Ohr zukehrt.

Im Schauspielhause ist Einhörigkeit noch nötiger, ja unschätzbar; nicht nur, weil sich oft das Tonspiel mit dem Schauspiel vereinigtfolglich der vorige Vorteil mit dem folgendennoch auch bloss, weil beide Künste die Einzigkeit haben (welche die Tanzkunst durch Figuranten vermeidet), dass Meister und Schüler zugleich (es müssten denn jene fehlen) ein Kunstwerk verknüpft gebärennoch etwa, weil es hundert Gründe dafür gibtsondern hauptsächlich, weil unzählige dafür da sind, indes einer hinreiche für alle. Es haben nämlich nicht nur mehre Personen, welche ihre Logen auf ganze Jahre mieteten, die gute Bemerkung gemacht, dass es bei den meisten Traueroder gar Schau- oder vollends Lustspielen wenig mehr zu gewinnen gebe als im Grec-Spiel, im Pochspiel und im Sticheln, sondern auch ich, aber ohne über Nachteil zu klagen. Denn mit einem Finger, der sich ans rechte Ohr anlehnt, halt' ich mir den Poeten und seine agierenden Truppen so gut vom leib, als ob ich warm zu haus sässe in der Vorstadt, ungemein heiter aussehend und wohl verschanzt. – Sooft vollends in der Oper die Musik aufhört, so eilt niemand mehr als ich mit der Rechtenwomit die anderen klatschenans gute Ohr und mauert die heilige Jubelpforte der Töne, z.B. eines Mozarts, so lange damit zu, bis das Sprechen etwas nachgelassen; – aber eben dieser herrliche Wechsel zwischen zwei Ohren macht mich vielleicht zu einem leidenschaftlichern Operfreunde, als ich öffentlich gestehen darf. Le Sage, ein Liebhaber der Pariser Bühne, setzte, als er ganz taub geworden, die Besuche derselben fort und schöpfte den alten Genuss daraus, zum Erstaunen vieler; ich aber erkläre mir es ohne Mühe aus dem Vorigen. Ich habe sogar einen wackern Geschäftmann gekannt, welcher, um kein Schauspiel zu versäumen, in jedes mit seinem Aktenpack unter dem arme kam, sich ins Punschzimmer setzte und da so lange neben seinem Glase seine Akten durchging, bis das Stück geendet war und er sich erfrischt und neu belebt mit andern Zuschauern nach haus begab. Ja wäre bei der jetzigen Bühnenverbesserung nichtnach dem Muster der Orientfürsten, welche ihrem Weiberrate der fünfhundert jungen nur Männer zu Vorstehern geben, die keine sind, sondern stumme, taube und beinahe (als Zwerge) unsichtbareeine Bühne zu erbauen möglich, welche die Spieler durch perspektivische Künste in eine so abgemessne Entfernung von den Zuhörern stellte, dass diese sich wirklich täuschten und nichts zu hören und zu sehen glaubten?

Nirgend ist aber wohl partielle Taubheit von grösserem Nutzen als da, wo sie am häufigsten anzuwenden ist, im Sprech– oder Hörzimmer, das grösste auf der Erde, wenn diese es nicht selber ist. Da es auf der einen Seite so unschicklich ist, einen Nebenmenschen mitten in seiner Rede stehen zu lassen und davonzugehenoder auch ihm ganz lass und abgespannt zuzuhörenoder vollends vor seiner Unterhaltung beide Ohren zuzuhaltenund da doch auf der andern Seite in mehren deutschen Reichkreisen und Zirkeln und cercles fast an jedem Abend Dinge gesagt werden, an welche man sich den Morgen darauf mit der grössten Langweile erinnert: so kenn' ich kein grösseres Glück, ich meine keine schönere Ausgleichung zwischen Selber- und Menschen-Liebe, als linke Taubheit; vergnügt und munter ruh' ich vor meinem gesprächigen Nachbar auf der Hand mit dem rechten Ohre, um es zu decken, und betreibe ohne Händel und Skandal (das Vexierohr halt' ich ihm offen hin) meine inneren Angelegenheiten während der auswärtigen.

Dies alles muss jetzt viel weitläuftiger gesagt und dann wiederholt werden.

Jeder hat Stunden, wo er klagt, dass sie ihm langweilig hinflössen, weniger wegen Mangel an Gesellschaft als wegen Dasein derselben. –

Jeder hat gesellige Tage, die er Novemberhefte des Lebens nennt, um figürlich und beissend zu seiner will nämlich damit entweder sagen, jede Sache werde in Gesellschaften zweimal gesagt, gleichsam von Doppelspaten gezeigt, oder sonst etwas

Jeder Deutsche hat Jahre, wo er über neue Auflagen des Vademekums in Gesellschaften ergrimmtüber die mündlichen Geschäftbriefe der Geschäftmännerüber die langweilige Teaterjournalistik des Kriegteaters

Jeder Deutsche hat seine Zeit, wo er wünscht, die übrigen Deutschen möchten sich mehr aufs Reden legen, da sie, ungleich den Kindern, früher schreiben als sprechen gelernt, und wo er auf Sprechklubs in London und auf bureaux d'esprit in Paris für sie dringt, damit sie, sagt er, eine lebendige Sprache mehr lebendig als zu tot reden und