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wie ein Schriftgiesser zu eilen, der einen schon in die Patrize oder Schriftbunze eingeschnittenen Buchstaben in der kupfernen Matrize einschlagend ausprägt, vielmehr meinen Buchstaben, es sei Spasses halber z.B. das O im Worte Österreichisches, Punkt nach Punkt oder punktatim durch gelbe Messingnägelköpfe ausfertige, die ich, wie man sonst gepflegt, so lange hintereinander auf einen Kutschenschlag einschlage, bis das O als Zirkel dasteht und ich zum E übergehen müsstewohin es aber eben nie kommt, weil ich über dem O als Zyklus und Zirkel, den ich mit meinen Nägelköpfen, wie ich will, erweitere, längst in Schlaf gefallen bin, – von welchem schon jetzt ich und wohl die Leser selber durch das blosse langweilige Darstellen auf dem Papier angefallen werden. Nein, kein Argus behielt von allen seinen Augen nicht zwei im Bette offen, zumal da er die Flöte zum Einschläfern selber bläst.

13) Das dreizehnte Seelen- und Bett-Laudanum kann jeder gebrauchen, er habe so viele Ideen, als er will, oder so wenige oder gar keine. Ich schäme mich, es aber anzugeben, da es in nichts Geistigerem besteht als darin, dass man die fünf Finger, einen nach dem andern, langsam auf oder unter dem Deckbette auf- und niederbewegt und fortfährt und daran so lange denkt, bis man, ohne daran zu denken, an kein Aufheben oder Achtgeben mehr denkt, sondern schnarcht. Es ist erbärmlich, dass unser Geist so oft der Mitbelehnte des Leibes ist und besonders hier das Faustrecht der toten Hand und deren Fingersetzung hat, und dass sein geistiger oder geistlicher Arm in der Armröhre des weltlichen steckt. Schlafdurstige, also Schlaftrunkene, z.B. Soldaten, Postillione, schlummern im Reiten und Marschieren halb ein, bloss weil gleiche Bewegungen des Körpers dieselben langweilig-geistigen, die das Gehirn wenig mehr reizen, in sich schliessen. Lässt man aber den schlafenden Postillion die Pferde abspannen, einziehen, abschirren und füttern: so wird und bleibt der Mann ganz wach; bloss weil seine (körperlichen und geistigen) Bewegungen jetzt immer etwas anderes anzufangen und abzusetzen haben. Der Grund ist: die Einförmigkeit fehlt. Wenn man in Tangotaboo (nach Forster) die Grossen dadurch einschläfert, dass man lange und linde auf ihrem leib trommelt: so ist der Grund gar nicht von diesem vorletzten Mittel verschieden. Denn das

14) ist das letzte. Da die Kunst, einzuschlafen, nichts ist als die Kunst, sich selber auf die angenehmste Weise Langweile zu machendenn im Bette oder leib findet man doch keinen andern Gesellschafter als sich –, so taugt alles dazu, was nicht aufhört und ohne Absätze wiederkehrt. Der eine stellt sich auf einen Stern und wirft aus einem Korbe voll Blumen eine nach der andern in den Weltabgrund, um ihn (hofft er) zu füllen; er entschläft aber vorher. Ein anderer stellt sich an eine Kirchentüre und zählt und sieht die Menge ohne Ende, die herauszieht. Ein dritter, z.B. ich selber, reitet um die Erde, eigentlich auf der Wolkenbergstrasse des Dunstkreises, auf der wahren, um uns hängenden Bergkette von Riesengebirgen, und reitet (indem er unaufhörlich selber das Ross bewegt) von Wolke zu Wolke und zu Pol-Scheinen und Nebelfeldern, und dann schwimmt er durch langes Blau und durch Äquator-Güsse, und endlich sprengt er zum andern Pole wieder zu uns herauf. – Ein vierter Schlaflustiger setzt irgendeinen Genius bis an den halben Leib in eine lichte Wolke und will ihn mit Rosen rund umlegen und überdecken, die aber alle in die weiche Wolke untersinken; der Mann lässt indes nicht ab und umblümet weiterin die Rundeund immer fortund die Blumen weichenund der Genius ragtwahrhaftig ich schliefe hier, hielte mich nicht das Schreiben munter, unter demselben selber ein. So wird uns nun der Schlaf- dieses schöne Stilleben des Lebens- von allem zugeführt, was einförmig so fortgeht. So schlafen Menschen über dem Leben selber ein, wenn es kaum acht oder neun Jahrzehende gedauert hat. So könnte sogar dieser muntere Aufsatz den Lesern die Kunst, einzuschlafen, mitteilen, wenn er ganz und gar nicht aufhörte.

II.

Das Glück, auf dem linken Ohre taub zu sein

Der Verfasser dieses Aufsatzes, der das oben gedachte Glück schon von Kindheit auf genossen, wird sich für belohnt ansehen, wenn er durch ihn einige Leser der Zeitung für die elegante Welt, die vielleicht jahrelang einhörig, wie Kant einäugig, gewesen, ohne es zu wissen, anreizt, dass sie ein Ohr um das andere zuhalten, um zu erforschen, ob etwa eines davon die Gaben seines linken hat.

Ausser der Wasserspitzmausdie bekanntlich im wasser die Ohren mit Klappen schliessen kannund ausser den Fledermäusen mit Ohrdeckeln wüsst' ich niemand, am wenigsten Menschen, welche ähnliche, den Augenlidern gleiche Ohrenlider hätten; fast jeder hört, und zwar selten die angenehmsten Sachen. Ist man hingegen mit einseitiger Taubheit versehen, so wird leichtmit einem Fingerzweiseitige auf so lange, als man braucht, zusammengebracht; besonders sieht der Einhörige vier Plätzegleichsam vier Freudenweltteilevor sich aufgetan, den Musiksaal, das Schauspielhaus, das Gesellschaftzimmer und das Bette.

Ich will, wenn es verziehen wird, die Leser in die vier Pfähle meines himmels hineinführen; mögen auch sie einige taube Blüten der Freude pflücken.

Einseitige Taubheit ist in einem Musiksaale, wo man weniger Ton- als Misstonkünstler