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; aber Niess hatte dieses Gefühl noch stärker und feiner als einer. – Er konnte sein Haar nicht auskämmen, ohne daran zu denken, welchen feurigen Kopf der Kamm (seinen Anbeterinnen vielleicht so kostbar als ein Gold-Kamm) regle, lichte, egge und beherrsche, und wie ebenso manches Gold-Haar, um welches sich die Anbeterinnen für Haar-Ringe raufen würden, ganz gleichgültig dem Kamm in Zähnen stecken bleibe als sonst dem Mexiko das Gold. – Er konnte durch kein Stadttor einfahren, ohne es heimlich zu einem Triumphtor seiner selber und der Einwohner unter dem Schwibbogen auszubauen, weil er aus eigner jugendlicher Erfahrung noch gut wusste, wie sehr ein grosser Mann labeund sah daher zuweilen dem Namen Registrator des Tors stark ins Gesicht, wenn er gesagt: Teudobach, um zu merken, ob der Tropf jetzt ausser sich komme oder nicht. – Ja er konnte zuletzt in Hotels voll Gäste schwer auf einem gewissen einsitzigen Orte sitzen, ohne zu bedenken, welches Eden vielleicht mancher mit ihm zugleich im Gastofe übernachtenden Jünglingseele, die noch jugendlich die Autor-achtung übertreibt, zuzuwenden wäre, wenn sie sich daraufsetzte und erführe, wer früher dagewesen. "O, so gern will ich jeden Winkel heiligen zum gelobten land für Seelen, die etwas aus meiner machenund mit jedem Stiefelabsatze auf dem schlimmsten Wege wie ein Heiliger verehrte Fussstapfen ausprägen auf meiner Lebensbahn, sobald ich nur weiss, dass ich Freude errege."

Sobald Niess Teodas Brief erhaltenworin die zufällige Hochzeit der Namen Teoda und Teudobach ihm auf beiden Fusssohlen kitzelte –, so nahm er ohne weiteres mit einer Hand voll Extrapostgeld den Umweg über Pira, um der Anbeterin, wie ein homerischer Gott, in der anonymen Wolke zu erscheinen; und sobald er vollends in der vorletzten Station im Piraner Wochenblatte die Anzeige des Doktors gelesen: so war er noch mehr entschieden; dazu nämlich, dass sein Bedienter reiten und sein Wagen heimlich nachkommen sollte.

In diesen weniger geld- als abgabenreichen zeiten mag es vielleicht Niessen empfehlen, wenn ich drukken lasse, dass er Geld hatte und darnach nichts fragte, und dass er für seinen Kopf und für seine Köpfe ein Herz suchte, das durch Liebe und Wert ihn für alle jene bezahlte und belohnte.

Mit dem ersten blick hatte er den ganzen Doktor ausgegründet, der mit schlauen grauen Blitz-Augen vor ihn trat, den Säbelschnäbler streichelnd; Niess legtenach einer kurzen Anzeige seiner person und seines Gesuchsein Röllchen Gold auf den Nähtisch mit dem Schwure: "nur unter dieser Bedingung aller Auslagen nehm' er das Glück an, einem der grössten Zergliederer gegenüber zu sein." – "Fiat! Es gefällt mir ganz, dass Sie rückwärts fahren, ohne zu vomieren; dazu bin ich verdorben durch die Jahre." Der Doktor fügte noch bei, dass er sich freue, mit dem Freunde eines berühmten Dichters zu fahren, da er von jeher Dichter fleissig gelesen, obwohl mehr für physiologische und anatomische Zwecke und oft fast bloss zum Spasse über sie. "Es soll mir überhaupt lieb sein," fuhr er fort, "wenn wir uns gegenseitig fassen und wie Salze einander neutralisieren. Leider hab' ich das Unglück, dass ich, wenn ich im Wagen oder sonst jemand etwas sogenanntes Unangenehmes sage, für satirisch verschrien werde, als ob man nicht jedem ohne alle Satire das ins Gesicht sagen könnte, was er aus Dummheit ist. Indes gefällt Ihnen der Vater nicht, so sitzt doch die Tochter da, nämlich meine, die nach keinem mann fragt, nicht einmal nach dem Vater; misslingt der Winterbau, sagen die Wetterkundigen, so gerät der Sommerbau. Ich fands oft."

Dem Dichter Niess gefiel dieses akademische Petrefakt unendlich, und er wünschte nur, der Mann trieb' es noch ärger, damit er ihn gar studieren und vermauern könnte in ein Possenspiel als komische Maske und Karyatide. "Vielleicht ist auch die Tochter zu verbrauchen in einem Trauerspiele", dachte' er, als Teoda eintrat, die von nachweinender Liebe und von Jugendfrische glänzte, und die durch die frohe Nachricht seiner Mitfahrt neue Strahlen bekam. jetzt wollte er sich in ein interessantes Gespräch mit ihr verwikkeln; aber der Doktor, dem die Aussicht auf einen Abendgast nicht heiter vorkam, schnitt es ab durch den Befehl, sie solle sein Kästchen mit Pockengift, Fleischbrühtafeln und Zergliederungzeuge packen. "Wir brechen mit dem Tage auf," sagte er, "und ich lege mich nach wenigen Stunden nieder. Sic vale!"

Der Menschenkenner Niess entfernte sich mit dem eiligsten Gehorsam; er hatte sogleich heraus, dass er für den Doktor keine Gesellschaft seileichter dieser für ihn. Allerdings äusserte Katzenberger gern einige Grobheit gegen Gäste, bei denen nichts Gelehrtes zu holen war, und er gab sogar den Tisch lieber her als die Zeit. Es war für jeden angenehm zu sehen, was er bei einem Fremden, der, weder besonders ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit noch durch Krankheit, gar nicht abgehen wollte, für Seitensprünge machte, um ihn zum Lebewohl und Abscheiden zu bringen; wie er die Uhr aufzog, in Schweigen einsank oder in ein Horchen nach einem nahen lautlosen Zimmer, oder wie er die unschuldigste Bewegung des Fremden auf dem Kanapée sogleich zu einem Vorläufer des Aufbruchs verdrehte und scheidend selber in die Höhe sprang, mit der Frage, warum er denn so eile. Beide Meckel hingegen, die Anatomen, Vater und Sohn zugleich, hätte der Doktor tagelang mit