1809_Jean_Paul_057_59.txt

de justice. Euere Vergangenheit könnt ihr daherzu grosse Tiefen und Höhen darin ausgenommenmit Vorteil vor dem Einschlafen durchlaufen; aber nicht an den kleinsten Plan und Brief und Aufsatz des nächsten Morgens denken.

8) Für manche geübte gewandte Geister im kopf mag das wildeste Springen von Gegen- zu Gegenstandaber ohne Vergleichungzweck –, mit welchem der Verfasser sich sonst einschläferte, von einiger Brauchbarkeit sein. eigentlich ist dieses Springenlassen nichts anders, wenn es gut sein will, als das obige Gehenlassen des Gehirns; der Geist lässt das Organ auszucken in Bildern.

9) Seelenlehrer und deren Seelenschüler schläfern sich einfalls sie wollen –, wenn sie geradezu jede Gedankenreihe ganz vorn abbrechen, die neue wieder und so fort, indem sie sich fragen bei jedem Mächtigen, was sie ausdenken und vollenden möchten "Kann ich denn nicht morgen eine Stunde länger wach liegen und meine Kopfarbeit auf dem Kopfkissen verrichten? Und warum denn nicht?" – Wer aber so wenig Denkkraft hat, dass er sie damit nicht einmal hemmen kann, wo er will, der höre hier wieder ein Ausmittel; nämlich er horche sich innen zu, wie ihm ohne sein Schaffen ein Substantivum nach dem andern zutönt und zufliegt, z.B. mir gestern: "KaiserRotmantelPurpurschneckeStadtrechtDonnersteineHundeBlutscheuatque panispisciscrinisKarol magnusPartebonaet so weiter."

10) Niemand merkte noch scharf genug darauf, dass er zwei der besten Säemaschinen der Schlummerkörner an seinem eignen kopf herumtrage, nämlich seine beiden Gehörgänge, nach aussenhin Ohren genannt. Höchstens nahm vielleicht einer und der andere wahr, dass ihm Einschläferndes zufliesse durch die Gehörgänge in Hofkirchen, in Redesälen akademischer Mitglieder, in Freimäurerlogen und in Teaterlogen, wiewohl er am hellen Tage wenig Gebrauch davon zu machen wusste; aber ich darf wohl mich als den Erfinder ansehen, welcher die eignen Gehörwerkzeuge, auch ohne alle Unterstützung fremder Sprachwerkzeuge und folglich in der Einsamkeit der Nacht und der Bettstelle, als die besten Schlaftrunkzubringer zuerst beobachtet hat. Wie nämlich Mäzen sich durch Wasserfälle einschläferte, oder wie in den achtziger Jahren der Wunderdoktor Schlippach in der Schweiz ein besonderes Schlafzimmer hatte, worin alle Kranke entschliefen an den um dasselbe niederrauschenden Strömen: so tragen wir alle ja ähnliche Wasserfälle in uns, ich meine die Pulsadern Springbrunnen und Blutadern-Wasserfälle, welche unaufhörlich dicht neben unsern Ohrnerven rauschen, und die jedersogar am Tage mit einiger Aufmerksamkeit nach Innen, aber noch lauter in der Nacht auf dem Kopfkissenvernehmen kann. Nun auf dieses innere Rauschen richte ein Beflissner des Wiedereinschlafens recht bestimmt sein Seelenohr; – und er wird mir danken, wenn er erwacht, und es rühmen, dass er durch mich früher eingeschlafen. Noch trefflicher wirkt dieses zehnte Mittel ein, wenn man ihm noch das sechste als ein adjuvans beimischt, was ich in meiner nächtlichen Praxis selten vergesse.

11) Das eilfte Einschlafmittel ist irgendeine Historie, die man sich metrisch in den freiesten Silbenmassen vorerzählt. gewöhnlich nehm' ich des biblischen Josephs geschichte dazu und halte damit gut sieben, ja bis zwölf Nächte Haus; ich weiss jedoch jedesmalwas mich wundert, ich mir aber nächstens völlig erklären werde –, wo ich im Erzählen stehen geblieben. Dabei hat der Schlaflustige nun zum Glück auf Numerusder ohnehin schon als Zahl im ersten Schlafmitteloder auf Wohlklang der im zweiten unter den Tönen vorkommtnicht die geringste Rücksicht zu nehmen nötig, ebensowenig als auf falsches Verkürzen oder Verlängern der Füsseda nur das Aufziehen und Ausstrecken der leiblichen von Wichtigkeit ist –; kurz der Schlaflustige pfeife auf dem Haberstroh sein Haberrohr, wie er nur mag, und zwar je falscher, je besser; ja wenn er sogar mit allen möglichen unpoetischen Freiheiten jetziger Versübersetzer und Versund Sonettenschmiede sich handhabt: so wird er immer noch finden, dass man dichtend leichter hundert Menschen einschläfert als einen einzigen, nämlich sich. Um desto mehr ahme er die gedachten Dichter nach, damit er Schönheiten, die im Bett nur Anstösse wären, möglichst vermeide. So sing' ich wenigstens meine epische Josephiade ab und fange sie jambisch an "Der träum'r'sche Joseph kame einst zu seinen Brüdern, erzählte voller Stolze ihnen seine folg'nden Träume" etc. – so dass ich mich um kein Rezensieren kümmere, sondern mich frage "Stecken denn der Doktor Merkel aus Riga und der Hofrat Müllner aus Weissenfels mit dir unter einer Decke und liegen mit ihren Schlafmützen neben deinem kopf rechts und links auf einem Kopfkissen? – Mitin, so dichte nur zu!"

12) Kein gemeines Einschlafmittelsondern vielmehr ein neues und das zwölfteist Buchstabieren unendlich langgestreckter Wörter, wie sie die Kanzleien des Reichstags, des Bundtags, die wienerischen sämtlich, ja die meisten deutschen als höhere bureaux des longitudes uns hinlänglich zulangen und schenken. Einen solchen Kanzlei-Molossus-Koloss nun erstlich sich langsam vorzubuchstabierenja zweitens vorher sich ihn gliederweise hinzuschreiben, wäre wohl das Höchste, was ein Schlaflustiger von sich fodern könnte zum Denkpausieren, wenn ich es nicht drittens darüber hinaus zu treiben wüsste durch meinen neuern Kunstgriff, dass ich, ob ich gleich das innere Aussprechen des unabsehlichen Lang-Wortes durch Zerstücken in Silben noch mehr verlängere und diese Silben wieder durch Hinschreiben von neuem auseinanderziehe, mich doch nicht damit begnüge, sondern, wie gesagt, drittens gleich anfangs jeden Buchstaben einer Buchstabiersilbe selber vornehme und ihn geduldig fertig mache und deswegen, anstatt