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ohne philosophische Übung wohl wenigen gelingen wird; nur der Philosoph kann sagen: ich will jetzt bloss mein Gehirn walten lassen ohne Ich. Dieses Vermögen, nicht zu denken, kann also nicht überall bei der eleganten und denkenden Welt vorausgesetzt werden. Die Juden haben unter ihren hundert Danksagungen an jedem Tage auch eine bei dem Krähen des Hahns, worin sie Gott preisen, dass er den Menschen hohl erschaffen, desgleichen löcherig. Jeder elegante Welt-Mensch wird bis zu einem gewissen Gradebis zum kopfin das Dankgebet einfallen, weil er in der Tat keine Lücken in der Welt lieber auszufüllen sucht als seine eignen.

Allein nicht jeder hat abends das Glück, hohl zu sein und also, da die Leerheit des Magens nicht halb so sehr als die des Kopfes das Einschlafen begünstigt, letztes zu erringen. Es müssen folglich brauchbarere Anleitungen, den Kopf wie einen Barometer luftleer zu machen, damit darin das zarte elektrische Licht der Träume in seinem Äter schimmere, von mir angegeben werden.

Wenn alle Einschlafmittel, nach den vorigen Absätzen, d.h. grundsätzen, in solchen bestehen müssen, die den Geist vom Gehirne scheiden und dieses seiner eignen Schwere überlassen: so muss man, da doch die wenigsten Menschen verstehen, nicht zu denken, solche Mittel wählen, die zwar etwas, aber immer dasselbe Etwas zu denken zwingen.

Da ich wohl ein guter Einschläfer und Schläfer, aber einer der mittelmässigsten Wiedereinschläfer bin: so geben mir meine Nacht- und Bett-Lukubrationen vielleicht ein Recht, über die Selbeinschläferkunst hier der Welt nach eignen Diktaten zu lesen.

Ich müsste von mir selber sprechen und mich über mich ausbreiten, wenn ich die Leser an mein Bette führen wollte, um sie von diesem Heidenvorhof aus weiter zu geleiten zum Kateder.

Nur dies kann ich vielleicht sagen, dass ich ganz andere Anstalten als die meisten Leser treffe, um nicht aufzuwachen. Wenn z.B. so mancher Leser bei dem Einschlafen eine Hand aus Unvorsicht auf die Stirn oder an den Leib oder nur ein Bein aufs andere legt: so kann das geringste, dem Schlafe gewöhnliche Zukken der vier Glieder sämtlichen Rumpf aufwecken und aufkratzen; – und dann ist die Nacht ruiniert, und er mag zusehen. Dagegen man sehe mich im Bett! – Nie berühre doch jemand im Schlaf ein lebendiges Wesen, welches ja er selber ist. Der kleinlichern Vorsichtregeln gedenk' ich gar nicht, z.B. gegen den Hund, der auf der Stubendiele mit dem Ellenbogen hämmert oder auf einem wankenden Stuhl mit zwei Stuhlbeinen auf- und abklappert, wenn er sich kratzt. Und doch leidet der unvorsichtige Leser so viel im Bette als ich, weil wir beide nie schärfer denken und reicher empfinden als in der Nacht, diese Mutter der Götter und mitin Grossmutter der Musen; und ginge am Morgen nicht der Körper mit Nachwehen herum, es gäbe kein besseres Braut- und Kindbett geistiger Sonntaggeburten als das Bette, ordentlich als wenn die Schlaffedern zu Schreibfedern auswüchsen.

Eh' ich endlich meine elf Mittel, einzuschlafen, folgen lasse, merk' ich ganz kurz an, dass sie sämtlich nichts helfen; – denn man strengt sich sehr dabei an, und mich hat jedes Schlaf genug gekostet; – aber dies gilt nur für das erstemal. – Eben hat mir mein scharfsinniger Freund E. noch ein zwölftes entdeckt, nämlich gar nicht einschlafen zu wollen.

Aber seitdem, d.h. seit andertalb Jahrzehenden, hab' ich noch drei neue Selberwiegen im Bette zur Welt gebracht, so dass es künftig eines jeden eigne Schuld bleibt, wenn er, mit meinen vierzehn Handgriffen zum Einwiegen seines Kopfs in Händen, gleichwohl seine Augen noch so offen behält wie ein Hase, der indessen darüber gar nicht zu tadeln ist, da er es eben im Schlafe tut.

Nach langem Überlegen, wie ich meine drei neuen Schlafmittel in dieser dritten Auflage unter die elf alten einschalten könnte mit Beibehaltung alles Spasses der frühern Rangordnung, fand ichs endlich als zweckdienlichst, sofort nach dem neunten Einschlafmittel die drei neuen einzuschieben und darauf mit den alten bis zum vierzehnten ordentlich fortzufahren; anders wüsst' ich nicht einzuflechten ohne namhaften Verlust meiner und der Leser.

1) Das erste Mittel, das schon Leibniz als ein gutes vorschlug, ist Zählen. Denn die ganze Philosophie, ja die Matematik hat keine abstrakte Grösse, die uns so wenig interessiert als die Zahl; wer nichts zählt als Zahlen, hat nichts Neues und nichts Altes, indessen doch eine geistige Tätigkeit, obwohl die leichte der Gewohnheit, so wie ein Virtuose ohne grosse geistige Anstrengung nach dem Generalbasse phantasiert, den er doch mit grosser erlernte. Buxton, der eine Zahl von 39 Ziffern im kopf mit ihr selber multiplizierte, sank nach tiefen Rechnungen in tiefen Schlaf. Die Alten hatten an den Bettstellen das Bildnis Merkurs, dieses Rechners und Kaufmanus, und taten an ihn das letzte Gebet. Es lässt sich wetten, dass niemand leichter einschläft als ein Matematiker, so wie niemand schlechter als ein Verse- und Staatmann.

Allein dieses Leibnizische Zählen wird an schwachen Schläfern unsers Jahrhunderts nur mittelmässige Wunder tun, wenn man entweder schnell oder über hundert (wodurch es schwerer wird) oder mit einiger Aufmerksamkeit zählt. Ebenso muss man, wie höhere Rechenkammern, nichts darnach fragen, dass man sich verzählt. Unglaublichen Vorschub tut aber dem Schlafe ein kleiner, meines Wissens noch unbekannter Handgriff, nämlich der, dass man im kopf die Zahlen, welche andere Schläfer schon fertig ausgeschrieben anschauen,