von dem Übermächtigen geachtet worden. –
Katzenbergers Herz war in dieser Rücksicht vielleicht das Herz manches Genies; wenigstens so etwas von moralischem Leerdarm. Bekanntlich wird dieser immer in Leichen leer gefunden – nicht weil er weniger voll wird, sondern weil er schneller verdaut und fortschafft; – und so gibts Leer-Herzen, welche nichts haben, bloss weil sie nichts behalten, sondern alles zersetzt weitertreiben.
Aber schnell nach der Einwilligung des Doktors erkannte die vorher freudenberauschte Teoda die nähern Umstände der Zeit. Hier fiel ihr Licht auf ihren unbesonnenen Antrag, den Gevatter totzugehen. Sie nahm ihn erschrocken zurück und schlug ihm sofort den schönern und hellern gang vor, den in die abends erleuchtete Höhle.
Aber um sich für ihr Entsagen zu belohnen, las sie den folgenden Brief der Kindbetterin wieder und ruhiger:
"Herz! Ich darf dir nicht viel antworten auf alle deine gelehrten Briefe. Ich bin diese Nacht niedergekommen, und zwar mit einem herrlichen, grossen Jungen, der wie das Leben selber aussieht; und ich ärgere mich nur, dass ich ihn nicht gleich an die Brust legen darf, meinen schreienden Amandus; auch ich bin nicht sonderlich schwach, ob mir gleich der Physikus Briefschreiben und Aufstehen bei Seligkeit verboten. Du hast, du Leichte, dein dickes Halstuch, das du durchaus in der Abendkälte nicht entraten kannst, bei mir liegen lassen, du Leichtsinnige, und mein einfältiger Mehlhorn konnte es in allen Kommoden nicht herausfinden, bis ich endlich selber aufstand und es erst nach einer Stunde ausstöberte, weil der Mensch den Schal für einen Mantel oder so etwas angesehen und ihn unter die andern Sachen hineingewühlt hatte. Zur Strafe muss er dir in der Rocktasche das bauschende Ding hintragen. Aber wie ich lese, bist du ja um und um mit lauter Fallgruben von Mannsleuten umgeben. O, komme doch recht bald nach Pira und pflege mich, und wir wollen darüber recht ordentlich reden, denn ich kann die Feder nicht führen, wie etwa du. Deinen Niess könnt' ich keine Stunde leiden; der Hauptmann wäre mehr mein Mann. So einen musst du einmal haben, einen Vernünftigen und Gesetzten, keinen Phantasten, denn ich wundere mich oft, wie du bei deinem verstand und Witze, wo wir Weiber alle dumm vor dir stehen, doch so närrisch und unüberlegt handeln und dir oft gar nicht sogleich helfen kannst, aber doch andern die herrlichsten Ratschläge erteilst. Hätte ich deine Feder und wäre so vif wie du, ich wollte mich in der Welt ganz anders stehen. Jedoch bin ich herzlich zufrieden mit meinem Mehlhorn, da er es mit mir auch ist in unserer ganzen Ehe, weil er einsieht, dass ich die Haussachen und Weltsachen so gut verstehe wie er sein Zollwesen. Nur bitte ich dich inständig, mein Herz, lasse ja niemal zu, dass ihm dein Herr Vater etwa aus Höflichkeit viel mit Wein zuspricht; Mehlhorns schwacher Kopf verträgt auch den allerschlechtesten Krätzer nicht, den ihm etwa dein Herr Vater vorsetzen möchte; sondern er spricht darauf ordentlich kurios-stolz und sogar, so sehr er mich auch lieb hat, gegen mein Hausregiment, was dir gewiss nicht lieb über deine alte Freundin zu hören wäre. – Und dich wilde Fliege selber beschwör' ich hier ordentlich, giesse im Bade vor so vielen Leuten nicht dein altes Teelöffelchen voll Arrak in deinen Tee; denn du hältst immer den Löffel zu lange über der Tasse und giessest fort, wenn es schon überläuft, und dann überläuft es bei dir auch, wenn du diese Wirtschaft trinkst. Tu es ja nur bei mir, nur nicht dort. – Nun so komme nur recht schleunig zu
deiner
Bona.
Schreibe mir es wenigstens, im Falle du nicht kannst. Deine Tanzschuhe hast du auch stehen lassen, und er hat sie mit eingesteckt." – So weit der Brief. Was nun den zu Gevatter gebetenen Katzenberger anlangt, so besass er zu viel Ehrgefühl und Geld, als dass er sich nicht hätte verpflichtet fühlen sollen, seinen Gevatter an der öffentlichen Wirttafel mit schlechtem Tisch-Krätzer zu erfreuen und ihn eine glänzende Tafel voll Blasmusik abgrasen zu lassen, wo ausser Grafen und Herren der Völkerhirt selber sass; so wurde denn ein erster Tisch- oder Fechter-gang verabredet und angetreten, wohin, denke' ich, alles, was in der künftigen Nachwelt Anspruch auf höhere Bildung macht, uns ohne weiteres, wenn auch in bedeutender Ferne (nämlich von Zeit) ohnehin nachfolgen wird.
(Der Schluss folgt im dritten Bändchen.)
Werkchen
I.
Die Kunst, einzuschlafen
(Aus der Zeitung für die elegante Welt)
Für die jetzigen langen Nächte und für die elegante Welt zugleich, die sie noch länger macht, ist eine Kunst, einzuschlafen, vielleicht erwünscht, ja für jeden, der nur einigermassen ausgebildet ist. Es gibt jetzt wenige Personen von Stand und Jahren, die, das Glück ihrer höhern Feinde ausgenommen, irgendein anderes so sehr beneideten als das einer Haselmaus oder auch eines nordischen Bären, dessen Nachtschlummer bekanntlich gerade so lange als seine Nordnacht währt, nämlich fünf Monate. Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den wärmern Zonen an und zu, und folglich auch darin, dass man wenig und nur in Morgen- und Mittagstunden schläft; so dass wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzweilig vertanzen, in nichts unterscheiden als in der Länge unserer Weile und unserer Nacht. Hoch oben wird immer mehr die eigne Menschheit – nicht wie von Alexander aus dem Schlafe