unentschlossen zur Reise: als der Landesherr des Badeorts ankam und mit ihm die Aussicht auf neue scènes à tiroir, auf neue Spektakelstücke und Szenenmaler für diese kleine Bühne; besonders die Aussicht auf die Erleuchtung der Höhle. "Wird die Höhle erleuchtet," dachte der Doktor, "so find' ich vielleicht einen entlegenen finstern Winkel darin, worin ich den Höhlen-Aufseher (Strykius) vor der Hand mit einem Imbiss der zugedachten Henkermahlzeit bewirte; oder mit einem Vorsabbat seines Hexensabbats – dergleichen wäre eben wahre Kriegbefestigung im juridischen Sinne – ja ein blosser im Finstern recht geworfner Stein wäre wenigstens eine Ouvertüre für seinen nicht offnen Kopf. In jedem Falle kann ich bei der Erleuchtung die Knochen der Höhlenbären, die darin liegen sollen, besser suchen und holen; der Kerl bleibt mir ja immer." Wirklich wurde die Erleuchtung der Höhle, gleichsam die einer unterirdischen Peterskuppel, auf den nächsten Sonntag angekündigt. Für Teoda nahte das mütterliche Totenfest "Weiter wollt' ich ja hier nichts mehr", sagte sie.
Vormittags am sehnlich erwarteten Sonntag langte aus Pira zu fuss der schweiss-bleiche Zoller und Umgelder Mehlhorn mit einem Gevatter-Brief an den Doktor an. Glaubwürdige Zeugnisse hat man zwar nicht in Händen, womit unumstösslich zu beweisen wäre, dass Katzenberger auf seinem gesicht über diese Freudenbotschaft besonderen jubel, ausserordentliche Erntetänze oder Freudenfeuer, mit Freudentränen vermischt, habe sehen lassen; aber so viel weiss man zu seiner Ehre desto gewisser, dass er sich im höchsten Grade anstrengte (er beruft sich auf jeden, der ihn gesehen), starke Freude zu äussern, nur dass es ihm so leicht nicht wurde, auf die Schwefelpaste seines Gesichts die leichten Rötelzeichnungen eines matten Freudenrots hinzuwerfen; besonders wenn man bedenkt, dass er auf seinem Janus-Gesicht zwei einander deckende Gefühle zu beherbergen hatte, Lust und Unlust. Kurz er bracht' es bald dahin, dass er, da er anfangs so verblüfft umhersah wie ein Hamster, den ein schwüler Hornung vorzeitig aus dem Winterschlaf reisst, dann lebendig aufblickte und aufsprang. Gegen den gutmütigen Mehlhorn war aber auch Härte so leicht nicht anwendbar; er stand da mit dem weissen Vollgesicht, so lauter Nachgeben, lauter Hochachten und Hoffen und Vaterfrohlocken! Wenigstens der Teufel hätte ihn geschont.
Da ohnehin an kein Abschrecken vom Gevatterbitten mehr zu denken war: so überschüttete ihn der Doktor mit allem, was er Bestes, nämlich Geistiges hatte, mit Herzens-Liebe, Hochachtung, inneren Freudenregungen und dergleichen verschwenderisch, gleichsam mit einem Patengeschenk edlerer Art, um nur an schlechte massive Gaben gar nicht zu denken. Sein Herz fühlte sich weit seliger dabei, wenn er eine geliebte Hand recht herzlich drücken und schütteln durfte, als sie füllen musste.
Da ihm bei jeder Geburt Missgeburten in den Kopf kamen – solche hätt' er mit jubel aus der Taufe gehoben und beschenkt mit seinem Namen Amandus –, so warf er bei der Möglichkeit wenigstens einiger wissenschaftlichen Missbildung nur wie verloren die Frage hin: "Der Junge ist wohl höchst regelmässig gebaut?" – "Herr Doktor," versetzte der Zoller, " wahrlich wir alle können Gott nicht genug dafür danken; er ist aber, wie die Wehmutter sagt, wie aus dem Ei geschält für sein Alter."
"Aus dem Leuwenhoekischen Ei für sein Alter von neun Monaten," versetzte er etwas verdriesslich, "was? – Versteigen Sie sich doch um Gottes Willen nicht mit einem Anachronismus in die Physiologie!" – "Gott, nein" fuhr Mehlhorn fort, "und die Wöchnerin ist gottlob so frisch wie ich selber." – "Ja, das ist sie, Gott sei Dank!" rief Teoda, nach der Lesung des Briefchens von Bona, in das wir alle auch hineinsehen wollen, und stürzte vor Freude dem Zoller an den Hals, der mühsam einen dicken Schal unter der Umhalsung aus der tasche herausarbeitete, um ihn zu übergeben. "Noch heute", sagte sie, "geh' ich zu fuss mit Ihnen und laufe die ganze Nacht durch, denn sie verlangt mich, und nichts soll mich abhalten." Bona hatte sie allerdings zum Schutzengel weniger ihrer person als des Haushaltens angerufen, aber eigentlich nur, um selber Teodas Engel zu sein, deren unglückliche Lage, wo nicht gar unglückliche Liebe, sie nach ihren letzten Tageblättern zu kennen glaubte und zu mildern vorhatte.
Allein Mehlhorn konnte sein Ja und seine Freude über die schnelle Abreise nicht stark genug ausdrükken, sondern bloss zu schwach; denn da der Mann einen Tag und eine Nacht lang mit seinem GevatterEvangelium auf den Beinen gewesen: so sehnte er sich herzlich, in der nächsten statt auf den Beinen nur halb so lange auf dem rücken zu sein im Bette. Der Vater sagte, er stemme sich nicht dagegen, gegen Teodas Abreise; überall lass' er ihr Freiheit. Er sah zwar leicht voraus, dass sie der Umgelder als galanter Herr unterwegs kostfrei halten würde; aber solchen elenden Geld-Rücksichten hätt' er um keinen Preis die Freiheit und die Freilassung einer volljährigen Tochter geopfert. Dazu kam, dass er sich öffentlich seines Gevatters schämte; der Zoller war nämlich in der gelehrten Welt weder als grosser Arzt noch sonst als grosser Mann bekannt. Was er wirklich verstand – das Zollwesen –, hatte Katzenberger ihm längst abgehört; aber der Doktor gehörte eben unter die Menschen, welche so lange lieben, als sie lernen – was die armen Opfer so wenig begreifen, welche nie vergessen können, dass sie einmal