Augen sah und dachte: wie gar zu selig wird dich vollends dein beglückender Mond machen, wenn er dich so findet.... Er fand mich nicht mehr so – er fand mich voll Scham und Gram, ich sah ihn an – dein stillendes Auge wäre mir heilsamer gewesen – ich grub meines ordentlich ein in seinen Glanz und dachte dann nach: wie anders, anders es gewesen wäre, wäre alles so geblieben, welch eine unvergessliche Paradieses-Nacht, die noch in keinem Traume gewohnt, ich hätte durchleben und ewig im Herzen halten dürfen! – Es sollte nicht sein, das zu grosse Glück. Indes, glaube' ich, durchquellt keine Träne so heissschmelzend den ganzen Menschen als die, die er fallen lassen muss, wenn er, ebenso heiter wie andere, in einem weiten, duftenden, wehenden Arkadien angelangt und stehend, plötzlich von irgendeinem einsamen Unglück umgriffen wird und nun mitten unter dem allgemeinen Gesange: 'Freut euch des Lebens', den er mitsingt, leise sagt: freuet euch des Lebens, meines ist anders.
Ach wozu dies alles? Aber eine wichtige Regel macht' ich mir; und ich wollte, besonders die Männer hielten sie heilig: schone, o schone jede Seele bei einem Lustfeste, weil es ihr viel zu wehe tut, mitten in der allgemeinen Freuden-Ernte ganz allein gar nichts zu haben, und doch noch bei dem Zentner-Ach in der Brust mit einem leichten Lächel-Gesicht dazustehen; daher sollten besonders die Liebhaber und die Eltern uns arme Mädchen mit Qualen verschonen auf Bällen, Hochzeitfesten, Maienfesten, Weinlesen. Ach wir leiden nie mehr als in Gesellschaft; die Männer vielleicht in der Einsamkeit! Ich weiss es nicht.
jetzt sah ich nicht mehr ab, warum ich Umstände mit der Tafel machen sollte; unglücklich konnte' ich ja in der Einsamkeit so gut sein als in der Gesellschaft. Ich ging davon; und sagt' es dem Vater. Das AllerDümmste (dachte' ich) denken doch die Bade-Gästinnen ohnehin von mir; also ist nichts zu verderben an den Dummheiten.
Ich konnte aber unmöglich schon nach Haus und unter die Dach-Enge; ich musste ins Weiteste; ich wollte die Sterne bei mir behalten. Da senkte mein ganzes Herz sich plötzlich auf die unsichtbare Brust meiner toten Mutter. Ich dachte an die Zauberhöhle, durch deren wunderbare Lichter sie einst die auf ihren Armen aufhüpfende Tochter durchgetragen; und ich erfragte unten im dorf den Höhlen-Eingang. Der Mond schien an die Pforte; die Kinder hatten davor gespielt und Ketten von Dotterblumen und ein kleines Gärtchen von eingesteckten Weiden zurückgelassen. Ich öffnete die tür, um vor die weite, wie ein Leichnam in die Höhle begrabne Finsternis zu treten; aber als der Mond seinen Schimmer lang hineinwarf und ich meinen Schatten drinnen in der Höhle liegen sah: so schauderte michs; ich sah die Schattengestalt meiner Mutter in ihrem grab schlafen; da eilt' ich davon und dachte mir dich und dein Wohl, um mein Herz zu wärmen. O lebe wohl!
Spätere N. S. Sein Herz ist sein Gesicht; ich rede vom Hauptmann. Aus Zarteit wich er mir bisher aus; aber er schickte mir durch meinen Vater ein Blättchen, worin er alle Schuld des öffentlichen Missverständnisses auf sich nimmt und durch seine Zurückziehung, um es nicht zu bestätigen, dafür zu büssen gesteht. Du wirst es lesen. Es gehe dem braven Jüngling wohl!
Aber unendlich sehne ich mich aus diesem Gottesacker voll blühender Nesseln und begrabner Schönheiten hinweg an deine treue Brust hinan; dennoch muss ich ausharren, weil mein Vater nicht eher reisen will, als bis er, wie er fast so ernstaft versichert, dass man bange wird, seinen Rezensenten abgestraft. Erfahr' ich indes deine Niederkunft: so bin ich ohne weiteres – ohne Vater und ohne Wagen – zu fuss bei dir, bei meiner alten schönern Zeit. sonderbar ist es, dass hier so manche noch ausser uns weilen, die alle nicht baden und nicht trinken, nämlich Niess und sogar der Hauptmann."
36. Summula
Herzens-Interim
Nun liefen vier Menschen wie vier Akte immer näher in dem Brennpunkt eines fünften zusammen. Aber Niess gehörte nicht unter die Strahlen. Nachdem er lange und vergeblich bei Teoda auf den Tron des Autors sich als Mensch hinzusetzen versucht; – nachdem er den vielschneidigen Schmerz empfunden, dass ein blosses Mädchen und ein begeistertes für ihn dazu und eine Reisegefährtin obendrein den Dichtergeist nur als zufällige Flamme wie das S. Elms-Feuer an seinen Masten gefunden oder nur wie Blumen auf rohem Stamm: so war er seiner Sache gewiss und Teodas ledig und der Brunnenbelustigungen froh, nämlich des allgemeinen Lobes. Die Trompete der Fama bläset am leichtesten die Mädchen aus dem männlichen Herzen. Er war jetzt imstande, sich selber zu leben und seine Unsterblichkeit einzukassieren – ganz Maulbronn schwamm ihm zu – er konnte (er tats auch) seinen Stock aus Vergessenheit liegen lassen, damit ihn am Bade-Morgen die schöneren hände herumtrugen und die Herzen dabei glossierten. – Er konnte mit wahrem dichterischen Tiefsinn überall lustwandeln und keinen Menschen bemerken, da es ihm genug war, wenn er bemerkt wurde in seinen Schöpfungen mitten am hellen Tage. Er konnte sich hundertmal öffentlich vergessen, um ebensooft an sich zu erinnern. – Ohnehin konnte (und musste) er den Maulbronner Schauspielern als flügelmännischer Vor-Souffleur vorsitzen und sich in der umherstehenden Lern-truppe wie in einem Spiegelzimmer vervielfachen