: ich bin der Meinung, dass ich mehr Recht habe, wenn ich behaupte, dass sie Herrn von Niess weniger liebt als den Hauptmann. Ich berufe mich hier auf nichts als auf die Summeln, die noch kommen.
Ihre Brunnenbelustigungen bestanden jetzt – ausser einigen hinter Schnupftuch und Bett- und Fenstervorhang versteckten Tränen – darin, dass sie zuweilen mit ihrem Vater ausging, der etwas an sich hatte, um damit Jünglinge leicht wegzuscheuchen, oder dass sie einsam die Berge der Blumen-Ebene bestieg, wenn eben Ball, Schauspiel oder Essen war – oder dass sie in das Tagebuch an ihre Freundin flüchtete, wie an eine nah herübergeflogne Brust. Dieses erzähle sich denn selber.
35. Summula
Teodas Brief an Bona
"Bona! Ich war dir nie ernst genug, jetzt dächt' ich, wär' ichs. Doch kann ich mich irren, und ich bin vielleicht nur wund. Herzen und Glocken bekommen so leicht Sprünge bei starkem Bewegen. Wär' ich nur mit meinem an deinem schneeweissen Halse: es sollte bald heil sein. Gräme dich nicht voraus, ich habe nichts verloren, nicht einmal ein Stückchen Liebe, bloss ein paar Dummheiten. Nur der Mond, der mir beim Aufgang die Augen wässerte, steigt jetzt immer höher und zieht mit Gewalt blutwarme Tropfen aus der Brust herauf; so zieh' er denn fort.
Ach Bona, ich weine! Denn ich habe dumm gefehlt; und du sollst heute alles wissen. Nur wird es mir sauer, dir das lange historische Zeug auszubreiten, da ich dessen so satt und genug habe. Wir brauchen einen ganzen Herbst dazu, eh' wir beide fertig sind mit der Sache.
Herr von Niess ist ein Spitzbube: er ist eben der Dichter Teudobach eigenhändig, zu dem er mich geleiten wollen. So also ist eine heutige Manns- und Schreibperson! Wenn nun, sage mir, die bessern Schauspiel-Dichter nicht redlicher sind als ihre Schauspieler oder irgendein feinster Dieb: auf was hat sich eine gute Seele zu verlassen? Auf Gott und eine Freundin, wahrlich auf sonst nichts. Wär' ich nur über deine sorge und Bürde hinweg und wäre dein Kind an deiner Brust: so fragte ich keinen Deut nach begebenheiten, sondern sässe bei dir und erzählte sie.
Kurz das geschmeidige gewundene Schlangenwesen der Männer, das sich bis sogar in den Sonnentempel der Kunst einschlängelt, legte sich auch an mich und meinen Vater und kroch ein, unter dem Namen von Teudobachs Freund. Er konnte mitin jedes Wort hören, was ich von ihm dachte: es war so gut, als war er mit meiner Seele in mein Gehirn eingesperrt.
Um uns alle recht in seinem blauen Dunste herumzuführen, sprengt' er aus, der Poet komme erst abends, wenn er seinen Ritter vorläse. Vermutlich war sein Plan, wenn wir so alle mitten im Jubilieren über seinen Ritter und im Vormusizieren des Ständchens sässen, vom Sessel aufzustehen und zu sagen: ich bin der Mann selber. Zum Unglück für ihn und für mich versalzte ihm ein Namenvetter das ganze Te deum. Es tritt nämlich gerade, als uns Frauen die Herzen steilrecht himmelan brennen, ein edler junger Mann herein, den alle Mädchen für den Maler und für das Urbild des Ritters zugleich ansehen müssen, nicht etwa ich allein. In einem Traum küsst' ich einmal einer hohen himmlischen und doch sanften Gestalt des noch ungesehenen Dichters die Hand; gerade so sah der Fremde aus. Da sein Name wirklich Teudobach war und er auch allerlei geschrieben, wiewohl nur über Matematik: so war er neugierig und zornig hieher gereiset, um zu sehen, wer ihm hier seine Rolle nachspiele. Kurz in der Minute, da Niess sich als den Teudobach demaskierte, steht der zweite bessere da, der ihn in die alte Niessische Chauve-souris-Maske zurücksteckt. Und wahrlich, wer nur beide nebeneinander stehen sah, den Hauptmann Teudobach in einer Gestalt, seines riesenmässigen Urahns nicht unwürdig, und das feine Schachfigürchen Niess, an ihm hinauf sturmlaufend, der musste es machen wie ich und an alle deine vernünftige Ratschläge nicht denken. Ich ging nämlich öffentlich zum Hauptmann und erklärte ihn für den Dichter. Mir glüht hier schmerzlich das Gesicht, und ich denke an meines Vaters Wort: 'Durch Eiligkeit entstehe oft Feuer, und durch Langsamkeit werde' es stärker; weil die Leute die Sachen gerade umkehrten.' Indes war jeder meiner Meinung – auch noch unter dem Abendessen – gleichwohl lauf' ich jetzt als das Maulbronner SündenBöckchen herum und werde von den andern SündenZicklein meines Geschlechts heimlich angemeckert. Denn Niess schickte mir unter dem Essen meinen Brief an ihn und seinen Kupferstich; kurz der Star wurde mir mit der Starnadel gestochen und ein bisschen das Herzchen dabei.
O, wie war ich hinter meiner Augenbinde, als hätte ich sie mir vom Amor geborgt, so ruhig-froh! Wenn ich dir erst künftig einmal male, wie himmlisch der Sternen-Abend war, solange mir ihn nicht mein Schmerz umzog – wie rein-heiter ich an der Seite des guten Menschen sass, den ich noch für den poetischen Traumgott meiner Jugendträume ansah, und wie froh ich mein Auge auf alles um mich warf, auf die erleuchteten Bäume, auf jeden Gast am Tisch, wie auf die Sterne über mir – wie immer das freudige Herz überkochen wollte – und wie ich gern die armen Nachtschmetterlinge verscheucht hätte, die sich an den Lichtern zerstörten – und wie ich in die aufdämmernden Wolken in Osten mit feuchten