einem Hopstanz oder im Fandango.
"Also hätt' ich", beschloss er, "die entkräftende Empfindsamkeit, die man uns auf den Tränenwegen der Meibomischen Drüsen, der Tränenkarunkel u.s.w. hereinschiessen lässt, leicht durch Possen gedämmt."
Hier konnte ein winddürres Landfräulein aus dem Vordorf und der Vorstadt der Hauptstadt, das sich längst auf Rührung gelegt, sich nicht länger halten: "Dies kann er Narren weismachen", sagte sie leise vor seinen Katzenohren zu ihrer Mutter. "Närrinnen allerdings nicht", sagte er noch leiser zu obigem Postalter im ersten Bande. Das hagere fräulein fuhr leise gegen die Mutter fort: "Freilich rohe Kerls rührt nichts; eine Seele aber, die zarte gespannte Nerven hat, fühlt allein, was weiche Nerven heissen, und fragt nach nichts bei der Rührung. Ach wie weit sind noch alte Personen hinter den jüngsten oft zurück!"
Auch der Doktor versetzte wieder leise: "Mangel an Fett, Herr Postalter, können Sie im ersten Bande von Walters köstlicher Physiologie gefunden haben – der sich vom Berliner Zergliederer Walter so unterscheidet wie beider Wissenschaften, also wie Geist von Körper – Fett-Mangel macht zu empfindsam; denn die Nerven liegen halb nackt da und stossen sich an alles. Ein Fetter hingegen führt sie, wie Eier, unter diesem Überguss gut bewahrt bei sich; Speck schützt gegen geistige Hitze und gegen äusserliche Kälte."
Giftig redete den dicken Doktor selber das fräulein an und sagte: "Ich kenne doch manche beleibte Personen von Empfindung." –
"Von diesem Schlage" versetzte er, "dürfte ich selber sein, meine reizende Grauaugige! Im Vorbeigehen bei Ihren himmelgrauen Augen will ich doch anmerken, dass es gar keine blauen und keine schwarzen Augen unter den Menschen gibt (grüne und gelbe jedoch), sondern was sie so nennen, sind nur graue und braune, weil die Iris nie blau und schwarz aussieht. – Aber zurück! Ob ich nun gleich als ein Mann von Talg hier am Tafel-Ende den Fettschweif vorstelle, den sich das kirgisische Schaf nachfährt auf einem Wägelchen: so hab' ich doch auch zwei Augen und ein Schnupftuch; wie oft hab' ich nicht unter dem heftigsten lachen Tränen vergossen! Desgleichen bei Kälte von aussen im Schlitten. Überhaupt wie könnte man als gefrorne Winterbutter erscheinen, wäre man nicht äusserst weich? Nur das Weiche kann gefrieren, Gnädige, nicht das Harte."
Zum Glück für einen Waffenstillstand unterbrach eben den Doktor der oben toastende Strykius mit seinen Neuigkeiten. Schwer ging jenem die unbegreifliche Verwandlung der beiden Edelmänner in ihr Widerspiel ein. Als er aber endlich das Wahre begriff und erhörte, und dass Niess bisher wie die alten Manuskripte ohne Titelblatt gewesen und endlich sich eines vorgebunden, sein Namens-Pergament, und dass er bloss nach Autor-Sitte sich den Namen Teudobach geborgt und eingeätzt: so konnte sich der Doktor einiger Bemerkungen und Verwunderungen nicht entalten, sondern gestand: "ein anderer als er hätte dies ebensogut erraten können – die Namen-Rasur und Tonsur durch Rezensenten gebe leicht Namen-Alibi und Namen-Nachdrucke der Autoren." Ja er fand hierin Ähnlichkeit zwischen grossen Autoren und grossen Spitzbuben, dass beide bei ihrem Geschäfte fremde Namen annehmen, und führte aus des badischen Hofrats Rot Jauner-Liste von 1800 mehre zweite AutorNamen an, wie sonst französische Prinzen zweimal getauft wurden, z.B. den grossen Allgeier – den dürren Herrgott – den kleinen Pappenheimer – den reichen Bettler oder Spatzendarm – den grossen Sauschneider – den Hennenfanger – den welschen Matteis – kurz lauter Namen, worüber die Gauner-Bande die wahren so vergisst wie das Publikum bei Autoren.
34. Summula
Brunnen-Beängstigungen
Nach dem Entwickelungabende erschien Teoda nie an der öffentlichen Tafel mehr; weder väterlicher Spott noch Zank bezwangen sie. Hinter ihrer jungfräulichen Scherzhaftigkeit und Entschlossenheit, das Rechte sogar auf Kosten der Form und Gewohnheit zu ergreifen, lag ein empfindliches, lange nachfühlendes Herz verborgen; leider hielt dieses jetzt die Dornen der Übereilung in seinen Wunden fester. Wie sollte sie Unbescholtene das kleine Gewehrfeuer der weiblichen Blicke ertragen? Und doch liess sie sich von diesen mit Quecksilber gefüllten organisierten Nachtschlangen noch lieber anleuchten, als von den zwei Brautfackeln der Augen des Hauptmanns anglänzen, der damit in ihren offen gelassnen Herzenkammern alles hatte sehen können, was er gewollt. Nur Niess stiess ihr ohne besondere Verlegenheit von ihrer Seite auf; gegen ihn und dessen Passagier-Charaktermaske glaubte sie, wiewohl sie eigentlich ihm das öffentliche Unrecht angetan, ordentlich das meiste Recht zu haben. Man mag nun dies daraus herleiten, dass die weibliche Seele leichter vergibt, wenn sie Unrecht gelitten, als wenn sie es getan – oder dass sie Irrtümer lieber verdoppelt als zurücknimmt und sich lieber am Gegenstand derselben rächt als an sich selber bestraft – oder dass ihr sich ihr Inneres so abspiegelt wie im Spiegel sich ihr Äusseres, nämlich jedes Glied verkehrt und das linkische Herz auf der rechten Seite – oder man mag es daraus erklären wollen, was fast das Vorige wäre, nur in andern Wendungen, dass Frauenseelen dem milden Öle gleichen, welches, entbrannt, gar nicht zu löschen ist (denn wasser verdoppelts) ausser durch die kühle Erde – und dass sie sich wie der Vesuv durch Auswürfe nur desto mehr erheben – oder dass ihre Fehler den Menschen gleichen, welche nach Young durch den Krieg (d.h. durch das Erlegen) sich erst recht bevölkern – – kurz wie man Teodas Betragen auch ableite