– "Ach, innerlich nicht", versetzte sie.
Allerdings nähern die Weiber sich hohen Häuptern und grossen Köpfen – was keine Tautologie ist – mit einer weniger blöden Verworrenheit als die Männer; indes ist hier Schein in allen Ecken; ihre Blödigkeit vor dem gegenstand verkleidet sich in die gewöhnliche vor dem Geschlecht; – der Gegenstand der Verehrung findet selber etwas zu verehren vor sich – und muss sich zu zeigen suchen, wie die Frau sich zu dekken; – und endlich bauet jede auf ihr Gesicht; "man küsst manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt", kann die jede denken.
"Und was wäre es denn," fuhr Teoda fort, "wenn ein dichter tolles Mädchen einem Herder oder Goete öffentlich auf einem Tanzsaale um den Hals fiele?" –
"Tu es nur deinem Teudobach," sagte Bona, "so weiss man endlich, wen du heiraten willst!" – "Jeden – versprech' ich dir –, der nachkommt; hab' ich nur einmal meinen männlichen Gott gesehen und ein wenig angebetet: dann spring' ich gern nach haus und verlobe mich in der Kirche mit seinem ersten besten Küster oder Balgtreter und behalte jenen im Herzen, diesen am Halse."
Bona riet ihr, wenigstens den Herrn von Niess, wenn er mit fahre, unterwegs recht über seinen Freund Teudobach auszuhorchen, und bat sie noch einmal um weibliche Schleichtritte. Sie versprachs ihr und deshalb noch einen täglichen Bericht ihrer Badreise dazu. Sie schien nach haus zu trachten, um zu sehen, ob ihr Vater den Edelmann in seine Adoptionloge der Kutsche aufgenommen. Unter dem langen festen Kusse, wo Tränen aus den Augen beider Freundinnen drangen, fragte Bona: "Wann kommst du wieder?" – "Wenn du niederkommst. – Meine Kundschafter sind bestellt. – Dann laufe ich im Notfalle meinem Vater zu fuss davon, um dich zu pflegen und zu warten. O, wie wollt' ich noch zehnmal froher reisen, wär' alles mit dir vorüber." – "Dies ist leicht möglich", dachte Bona im andern Sinne und zwang sich sehr, die wehmütigen Empfindungen einer Schwangern, die vielleicht zwei Todespforten entgegengeht, und die Gedanken: dies ist vielleicht der Abschied von allen Abschieden, hinter weinende Wünsche zurückzustecken, um ihr das schöne Abendrot ihrer Freude nicht zu verfinstern.
5. Summula
Herr von Niess
Wer war dieser ziemlich unbekannte Herr von Niess? Ich habe vor, noch vor dem Ende dieses Perioden den Leser zu überraschen durch die Nachricht, dass zwischen ihm und dem Dichter Teudobach, von welchem er das Briefchen mitgebracht, eine so innige Freundschaft bestand, dass sie beide nicht bloss eine Seele in zwei Körpern, sondern gar nur in einem Körper ausmachten, kurz eine person. Nämlich Niess hiess Niess, hatte aber als auftretender Bühnen-Dichter um seinen dünnen Alltagnamen den Festnamen Teudobach wie einen Königmantel umgeworfen und war daher in vielen Gegenden Deutschlands weit mehr unter dem angenommenen Namen als unter dem eignen bekannt, so wie von dem hier schreibenden Verfasser vielleicht ganze Städte, wenn nicht Weltteile, es nicht wissen, dass er sich Richter schreibt, obgleich es freilich auch andre gibt, die wieder seinen ParadeNamen nicht kennen. Gleichwohl gelangten alle Mädchenbriefe leicht unter der Aufschrift Teudobach an den Dichter Niess- bloss durch die Oberzeremonienmeister oder Hofmarschälle der Autoren; man macht nämlich einen Umschlag an die Verleger.
Nun hatte Niess als ein überall berühmter BühnenDichter sich längst vorgesetzt, einen Badeort zu besuchen, als den schicklichsten Ort, den ein Autor voll Lorbeeren, der gern ein lebendiges Panteon um sich aufführte, zu erwählen hat, besonders wegen des vornehmen Morgen-Trinkgelags und der Maskenfreiheiten und des Kongresses des Reichtums und der Bildung solcher Örter. Er erteilte dem Bade Maulbronn, das seine Stücke jeden Sommer spielte, den Preis jenes Besuches; nur aber wollt' er, um seine Abenteuer pikanter und scherzhafter zu haben, allda inkognito unter seinem eignen Namen Niess anlangen, den Badegästen eine musikalische deklamatorische Akademie von Teudobachs Stücken geben; und dann gerade, wenn der sämtliche Hörzirkel am Angelhaken der Bewunderung zappelte und schnalzte, sich unversehens langsam in die Höhe richten und mit Rührung und Schamröte sagen: endlich muss mein Herz überfliessen und verraten, um zu danken; denn ich bin selbst der weit überschätzte Teater-Dichter Teudobach, der es für unsittlich hält, so aufrichtige Äusserungen, statt sie zu erwidern, an der tür der Anonymität bloss zu behorchen. Dies war sein leichter dramatischer Entwurf. In einigen Zeitungen veranlasste er deshalb noch den Artikel: der bekannte Teater-Dichter Teudobach werde, wie man vernehme, dieses Jahr das Bad Maulbronn gebrauchen.
Da es gegen meine Absicht wäre, wenn ich durch das Vorige ein zweideutiges Streiflicht auf den Dichter würfe: so versprech' ich hier förmlich, weiter unten den Lauf der geschichte aufzuhalten, um auseinanderzusetzen, warum ein grosser Teater-Dichter viel leichter und gerechter ein grosser Narr wird als ein andrer Autor von Gewicht; wozu schon meine Beweise seines grösseren Beifalls, hoff' ich, ausreichen sollen.
Niess wusste also recht gut, was er war, nämlich eine Bravour-Arie in der dichterischen Sphärenmusik, ein geistiger Kaisertee, wenn andere (z.B. viele unschuldige Leser dieses) nur braunen Tee vorstellen. Es ist überhaupt ein eigenes Gefühl, ein grosser Mann zu sein – ich berufe mich auf der Leser eigenes – und den ganzen Tag in einem angebornen geistigen Courund Kuranzuge umherzulaufen