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frohe Mann nicht nur nach jeder Flöte, sondern wie H-n nach jeder Flötenuhr, die eben ausschlägt, und auf die vorige schnelle Anrede des Hauptmanns an ihn, welche, aus der Tafelsprache in die Schlachtsprache übersetzt, doch nur sagen wollte: krepiere! – – versetzte er freudig: auf Ihr langes Leben! – –

Jetzt endlich kehrte sich Teudobach an die Jungfrau, welche auf ihre Kosten ihn mit dem Sonnenlehn eines grossen Dichters belehnet hatte, und wand, indem er schmerzlich und vergeblich über Gutmachen nachsann, die bittende Frage herauf: wie alle diese Missverständnisse möglich gewesen? "Ich bitte Sie," sagte sie mit müder stimme, "meinen Vater zu fragen, der alles weiss." Er schwieg. Trauerndes Nachdenken auf dem starken Männergesicht rührte die Jungfrau immer stärker; ihre Seele litt zu viel und konnte wieder nicht alle Zeichen verbergen, welche die fremde Teilnahme vermehrten. Hastig stand sie endlich aufsagte ihrem Vater etwas ins Ohrdieser nickte, und sie verschwand.

33. Summula

Abendtisch-Reden über Schauspiele

Auch Katzenberger hatte unten einige Werters Leiden ausgelitten, und zwar schon bei der Krebssuppe, weil da noch die ganze Tischgesellschaft, als eine niedere Geistlichkeit, zum Kirchdienste für den DichterGott angestellt sass, welcher der Hauptmann zu sein schien; wozu noch der Kummer stiess, dass er seinen Strykius nicht vor sich hatte. Ein solcher Wirttisch war für Katzenberger ein Katzentisch. Er erklärte deshalb gern ohne Neid der nächsten Tisch-Ecke, dass er als Arzt über Bühnen-Skribenten seine eigne Meinung habe, und folglich eine diätetische. Ein Lustspiel an und für sich, fuhr er fort, verwerfe niemand weniger als er; denn es errege häufig lachen, und wie oft durch solches lachen Lungengeschwüre, englische Krankheit nach Tissot, Ekel (wenn auch nicht gerade der am Stücke selber), ja durch blosse Spass-Vorreden Rheumatismen gehoben worden, wiss' er ganz gut. – Ja, da Tissot eine Frau anführe, die nicht eher als nach dem lachen Stühle gehabt, so halt' er allerdings ernstaft einen Sitz im Komödienhause für so gut als ein treibendes Mittel, so dass jeder aus seiner Leidengeschichte, wie man sonst bei einer andern getan, ein Lustspiel machen könnte.33Daher, wie der Quacksalber gern einen Hanswurst, so sehe der Arzt gern einen Lustspieldichter bei sich, damit beider Arzneien nach Verhältnis ihres Werts von gleichmässigen Spässen unterstützt und eingeflösst würden.

"Das Trauerspiel aber, Herr Doktor?" fiel ein junger Mensch ein, der zu beantworten glaubte, wenn er befragte.

Gleichwohl glaube' erfuhr er ohne Antwort fortVerstopfung und dergleichen ebensoleicht durch einige Sennes- und Rezeptblätter zu heben als durch ein vielblättriges Lustspiel, und ein Apoteker sei hier wenig verschieden von einem Hanswurst. – Er könne sich denken, dass man ihm hier das Trauerspiel einwerfe; aber entweder errege dieses gar nichts (dann gähnte man ebensogut und noch wohlfeiler in seinem warmen Bette) oder es errege wahre Traurigkeit, wenn auch nur halbstündige; nun aber sollten doch Dichter, dächte man, wie Kotzebue und deren Kunstrichter so viel durch Aufschnappen aus der Arzneikunde zufällig wissen, dass Traurigkeit Leber-Verstopfung, folglich Gelbsuchtwoher sonst der gelbe Neid der Trauerspieler gegeneinander? – zurücklasse, ferner entsalzten Urin, ein scharfes Tränen (der grösste Beweis der Blut-Anstemmung in den Lungen) und sogar Darmkrämpfe. – – Auf letzte habe man sogar bei Wesen, die in gar kein Schauspiel gehen oder sonst Seelenleiden gehabt (denn es gebe keine andere, da nur die Seele, nicht der blosse Körper empfinde und leide), nämlich bei traurigen Hirschen34 geschlossen aus den kleinen Knötchen in ihrem Unrate als den besten Zeichen von Krämpfen.

"Erhärteten freilich" – fuhr er feurig fort – "Bühnen-Tränen, gleich Hirschtränen, zu Bezoar: so schrieb' ich wohl selber dergleichen Spass und bewegte das Herz. Aber jetzt, beim Henker! muss der wahre Arzt mitten unter den weichsten, himmlischsten Gefühlen der Damenherzen so scharf das Weltliche dazwischen kommandieren als ein Offizier unter der Messe seinen Leuten das Gewehr-Strecken und Heben. Vielleicht aber gäb' es einen Mittelweg, und es wäre wenigstens ein offizineller Anfang, wenn man das Trauerspiel, so gut es ginge, dem Lustspiel näher brächte, durch eingestreute Possen, Fratzen und dergleichen, die man denn allmählich so lange anhäufen könnte, bis sie endlich das ganze Trauerspiel einnähmen und besetzten." Eine solche Anastomose und Kirchenvereinigung des Weh- und Lustspiels, setzte er hinzu, eine solche Reinigung der Tragödie durch die Komödie wäre zuletzt so weit zu treibenja in einigen neuesten Tragödien sei so etwas –, dass man durch ganze Stücke hindurch recht herzlich lachte. Er fragte, ob denn komische Darstellung so schwer sei, da man in Frankreich im siebzehnten Jahrhundert die ernstesten biblischen Geschichten35 in burlesken Versen begehrte und bekam; wie er denn überhaupt wünsche, dass ernste Dinge, z.B. Manifeste, Todesurteile etc., öfter im gefälligen Gewand, nämlich burlesk vorgetragen würden. Er berief sich noch auf die sonst im Trauerspiel so ernsten Franzosen, denen Noverre die tragischen Horatier Corneilles als einen pantomimischen Tanz gegeben; folglich in Sprüngen, welches schön an den griechischen Namen der Tragödie, nämlich Bockspiel, erinnere; sogar er selber getraue sich, seinen stärksten Schmerz über einen Verlust, z.B. seines Freundes Strykius, durch blosses Tanzen auszudrücken, in einem Schäferballett oder in