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recht in den scherzenden Ton hinein, den Mädchen oft leicht gegen ihre Schreibgötter, auch aus einer mit Seufzern und Wonnen überhäuften Brust, anzustimmen wissen.

Der Brunnenarzt Strykius, der sich ihm mit einem festgenagelten Anlächeln gegenübergesetzt, befiel und befühlte ihn mit mehren Anspielungen und Anspülungen seiner Werke; aber der Hauptmann gabbei seiner Unwissenheit über den Dichter und darüber, dass man ihn dafür hieltunglaubliche Quer-Antworten, ohne zu verstehen und ohne zu berichtigen. So gewiss hören die meisten Gesellschafter nur einen, sich selber; – so sehr bringt jeder statt der Ohren bloss die Zunge mit, um recht alles zu schmecken, was über dieselbe geht, Worte oder Bissen. Hat sich ein Mann verhört, folglich nachher versprochen und endlich darauf sich aufs Unrechte und Rechte besonnen: so blickt er verwundert herum und will wissen, wie man seinen zufälligen Unsinn aufgenommen; er sieht aber, dass gar nichts davon vermerkt worden, und er behält dann zornig und eitel den wahren Sinn bei sich, ohne die fremden Köpfe wieder herzustellen in das Integrum des eigenen. Daher verstehen sich wenig andere Menschen als solche, die sich schimpfen, weil sie von einerlei Anschauungen ausgehen.

– – Hier führt mich die lange vorstehende Bemerkung beinahe in die Versuchung, nach vielen Jahren wieder

ein Extrablättchen

zu machen. Denn eben die gedachte Bemerkung hab' ich erst vor einigen Tagen im neuesten Bande des Kometen gelesen; ja ob sie nicht gar (wie fast zu befürchten) noch in einem dritten buch von mir sich heimlich aufhält, das weiss der Himmel, ich aber am wenigsten. Denn woher sollt' ich nach ein paar Jahrzehenden wissen oder erfahren, was in meinen so zahl- und gedankenreichen Werken steht, da ich sieausgenommen unter dem Schreibenfast gar nicht oder nur zu oberflächlich lese, sobald nicht zweite oder dritte Auflagen gefodert werden, in welchem letzten Falle ich mich sogar rühmen darf, dass ich den Hesperus dreimal (zweimal im achtzehnten Jahrhundert und einmal im neunzehnten) so aufmerksam durchgelesen als irgendein Mitleser aus einer Leihbibliotek, welcher exzerpiert. – Eben sehe' ich noch zum Glück' da ich, wie gesagt, mich unter dem Schreiben immer lese, dass ich den Satz oben fragweise angefangen, unten aber wegen seiner unbändigen Länge mit einem Fragzeichen zu schliessen vergessen. – – Dennum zurückzukommenkann ich wohl bei der Menge wichtiger Bücher, welche die Vergangenheit und das Ausland aus allen Fächern liefern und wovon ich noch dazu die besten, vor vielen Jahren gelesenen wieder durchgehen muss, weil ich sie jetzt besser verstehe, der neuen Supplementbiblioteken in jeder Messe gar nicht zu gedenkenkann ich da wohl Lust und Zeit gewinnen, einen mir so alltäglichen und bis zur Langweile bekannten und auswendig gelernten Autor wie mich in die Hand zu nehmen? – Was in unserem Jahrhundert Gelehrte zu lesen haben, welche Berge und Bergketten von Büchern, leidet keine Vergleichung mit irgendeinem andern, ausgenommen mit dem nächsten zwanzigsten, wo sich die Sachen noch schlimmer zeigen, nämlich 200 neue Büchermessen mehr. Wahrlich, da brauch' ich keine Sorbonne, welche mir wie einmal dem Peter Ramus das Verbot auflegt, die eignen Werke zu lesen. Aber warum fahrt, bellt, schnaubt und schnauzt denn irgendein kritischer Schosshund mich an, wenn ich statt des eignen Lesens nichts wiederhole als zuweilen eigne Gedanken? – Sinds aber vollends Gleichnisse: so möchte' ich nur erst den fremden Mann kennen, der bei meiner Überschwängerung damit solche aus neunundfunfzig Bänden behielte; vollends nun aber der eigne Vater, welchem Gebornes und Ungebornes durcheinanderschiesst und der oft (der gute Mann!) zehn ungedruckte Geburten auf dem Papiere ungetauft liegen lässt und dafür eine alte, schon gedruckte unwissend wieder in die Kirche trägt und über das Bekken hält. – Da Strykius, wie gesagt, durch alle Halbantworten Teudobachs nicht aus seinem Missverständnis, dieser sei der Dichter, herauskam, so liess er sich auch durch nichts halten, er musste der ganzen auf dem gesicht des Hauptmanns konvergierenden Gesellschaft zeigen, dass er selber Verdienst schätze und besitze. – "Das Wetter" (dachte' er bei sich) "soll den Dichter erschlagen, wenn er nicht merkt, dass ich mir etwas aus ihm mache." – Er knüpfte daher von neuem so an: "Ich darf wohl unberufen im Namen der ganzen Gesellschaft unsere Freude über die Gegenwart eines so berühmten Mannes ausdrücken. – Sie haben zwar bessere Gegenden gezeichnet; aber auch unsere verdient von Ihnen aufgenommen zu werden."

Der Hauptmann, der, zum Genie-Corps gehörig, sich dabei nichts denken konnte als eine militärische Zeichnung zum Nachteil der Feinde, nicht eine poetische zum Vorteil der Freunde, gab aufgemuntert, weil er endlich doch ein vernünftiges, d.h. ein HandwerksWort zu hören und zu reden bekam, zur Antwort: "Wenn hier eine Festung ist, so tu' ichs; jede ist übrigens überwindlich, und mich wunderte besonders, in demselben buch Anleitung zur unüberwindlichen Verteidigung und zur sieghaftesten Belagerung anzutreffen, wovon ja eines eo ipso falsch sein muss."

Hier lächelte Strykius verschmitzt, um dem Krieger zu zeigen, dass er die Allegorie ganz gut kapiere; ihm war nämlich, wie allen Prosa-Seelen, nichts geläufiger als die vermoosete Ähnlichkeit zwischen Liebe und Krieg.

Der Hauptmann fuhr etwas verwundert fort: "Mich dünkt durch Approchen, durch die dritte Parallele, wobei man über die Brustwehr fechten kanndurch falsche Angriffe" – (Hier