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Tyrasund mit der hohen Feder (die auf dem kopf erhabner aussieht als hinter dem Ohre) so dahinschritt und die Menge überragte wie der ursprüngliche Teudobach (nach Florus) seine Tropäe, und er als das Zwillinggestirn der Weiber, als Dichter und Krieger zugleich, sich durch seinen Himmel bewegte und mit Auge und stimme so entschieden gegen männliche Wesen und doch mit beiden so scheu und bescheiden gegen weibliche einhertrat: so riss ein allgemeines Verlieben ein; – und hinter ihm sah, da er mit dem fünfschneidigen Melpomenens-Dolch und mit dem Kriegerschwert alles schlug, der Weg wie eine weibliche Wahlstatt aus: der einen war der Kopf, der andern das Auge, der dritten das Herz verwundet. Er aber merkte gar nichts von den sämtlichen Verwundeten, die er hinter sich nachführte. Bisher mehr astronomisch zu den Himmelsternen hinauf- als zu den weiblichen Augensternen herabzusehen gewohnt, zeigte er nicht den geringsten Mut vor einem ganzen Augensternhimmel; und vor einigen, welche den Busen mit nichts bedeckt hatten als mit ein paar Locken und Blumen, wollt' er gar das Hasenpanier ergreifen. Jedoch schickte er seinen blick heimlich nach dem Mädchen herum, das, ihm so unbekannt, dreist ihm vor einer Menge beigestanden hatte.

Teoda war aber längst durch das Gedränge zu ihrem Vater hingeeilt, wie unter dessen schirmende Fittiche gegen ihr Herz und das Volk. Sie war berauscht und beschämt zugleich, dass sie so öffentlich, mehr eine Leserin als ein Mädchen, sich in den Zweikampf von Männern als Sekundantin gemischt. Erst durch langes Bitten rang sie dem Vater die Erlaubnis ab, ihn dem Dichter vorzustellen, wiewohl er es ein Selber-Spektakelstück nannte.

Neben ihm stand sie, als sie ihren Lebens-Abgott, den bald Lichter, bald Schatten reizend bedeckten, herkommen sah und sie ihm aus der Ferne unbeschämter in das edle Antlitz schauen konnte. Sie stellte mit kindlicher Lust ihren Vater dem berühmten Genius vor. "Meine Tochter" – nahm Katzenberger leicht den Faden auf – "hat mich mit Ihrem Künstlerruhm bekannt gemacht; ich bin zwar auch ein Artista, insofern das Wort Arzt eine verhunzte Verkürzung davon ist; aber, wie gesagt, nur Menschen- und ViehPhysikus. Daher denke' ich bei einer Hauskrone und Lorbeerkrone mehr an eine Zahnkrone oder bei einem System sehr ans Pfortadersystem, auch Hautsystem, und ein Blasen- und ein Schwanenhals sind bei mir nicht weit genug getrennt. Mir sehen Sie dergleichen wohl nach! Dagegen weis' ich Sie auf meine Tochter an."

Der Hauptmann machte, d.h. zeigte die grössten Augen seines Lebens; er fand in diesem Badeorte zu viel Wirrwarrs-Knoten. Doch aus Dankbarkeit gegen das Mädchen, das heute einen so kühnen Anteil an seinem Schicksale genommen, sagt' er nur: "Das schöne fräulein, dem ich viel Dank schuldig bin, hat bloss Ihren Namen zu nennen vergessen."

"So seid ihr Volk;" – wandte sich der Vater an die Tochter- "wenn ihr nur eure Taufnamen habt, unter Briefen und überall; nach des Vaters Namen fragt ihr keinen Deut. Ich und sie heissen Katzenberger, Herr von Teudobach!"

Der Hauptmann, der nach matematischer Metode aus allen bisherigen Hindeutungen auf einen Briefwechsel mit ihm gar nichts heraussummiert hatte als den Heischesatz, dass man hier erst hinter manches kommen müsste, setzte wie jeder Sternseher fest: "Zeit bringt Rat; ein jeder Stern, besonders ein Bartstern, muss erst einige Zeit rücken, bevor man die Elemente seiner Bahn aufschreibt; folglich rücke der heutige Abendstern nur weiter, so weiss ich manches und rechne weiter." Man setzte sich zu Tisch und Teoda sich neben den Hauptmann; Erdferne von ihm wäre ihr diesen Abend Wintertod gewesen. Sie hatte noch auf väterliche Nachbarschaft gerechnet; aber der Doktor, der sich von beiden Leuten nichts versprach als einen Abend voll dichterischer Sachen, einen Teich voll schwimmender Blüten ohne Karpfen und Karauschen und Hechte, hatte sich längst weggebettet unten hinab; und vom Doktor hatte sich wieder weit abgebettet der Brunnenarzt Strykius in einer geistigen Ehescheidung von Tische. Teoda schwieg lange neben dem geliebten mann, aber wie voll Wonne und Reichtum! Und alles um sie her überfüllte ihre Brust! Über die Tafel wölbten sich Kastanienbäumein die Zweige hing sich goldner Glanz, und die Lichter schlüpften bis an den Gipfel hinauf, über welchen die festen Sterne glänztenunten im Tale ging ein grosser Strom, den die Nacht noch breiter machte, und redete ernst herauf ins lustige festin Morgen standen helle Gebirge, auf denen Sternbilder wie Götter ruhten- und die Ton-Feen der Musik flogen spielend um das Ganze hinunter, hinauf und ins Herz.

Teoda, durch jeden eignen laut einen vom Dichter zu verscheuchen fürchtend und für ihre sonst scherzende Gesprächigkeit zu ernst bewegt, stimmte wenig mit der redelustigen Gesellschaft zusammen, welche desto lauter und herzhafter sprach, je mehr die Musik tobte; denn Tisch-Musik bringt die Menschen zur Sprache, wie Vögel zum Gesang, teils als Feuerund Schwungrad der Gefühle, teils als ein Ableiter fremder Spür-Ohren.

Bloss der Hauptmann konnte sein Ich nicht recht mobil machen; er hatte so viele fragen auf dem Herzen, dass ihm alle Antworten schwer abgingen. Teoda, welche schon nach Niessens Schilderung mehr Angrenzung an Niessische Leichtigkeit erwartet hatte und vollends von einem Dichter, konnte sich die in sich versenkte Einsilbigkeit nur aus einem stillen Tadel ihrer öffentlichen Anerkennung erklären; und sie geriet gar nicht