Bergstrasse seiner Schöpfung erst recht anging, gar nicht Zeit, die Ankunft, geschweige die Gestalt und die Einwirkung des Kriegers wahrzunehmen. Er stand eben an der zweiten Hauptstelle seines Gesangs (der Anfang war die erste), am Schwanengesange, am Ende-Triller; denn wie im Leben die Geburt und der Tod, im Gesellschaftzimmer der Eintritt und der Austritt die beiden Flügel sind, womit man steigt oder fällt, so im Gedichte – Niess konnte also nicht unaufhaltsam genug stürmen und laufen und deklamieren und sich begleiten lassen von Musik, um, wie ein Gewitter, gerade den stärksten und entzündendsten Schlag beim Abzuge zu tun.
Indes hören mitten in diesem Gerassel von poetischen Streit- und Siegwagen Vorleser eigner Sachen gleichwohl manches leise Wort, das darüber ausfliegt. Niess vernahm mitten im Dichter-Sturm sehr gut Teodas Wort: "Ja er ist es und hat sich selber kopiert im Ritter." – "Und tut doch immer," sagte die Nachbarin, "als ginge ihm das ganze Gedicht nichts an." Es war Niessen auf keine Weise möglich, bei solchen Aussprüchen, dass er da sei und sich im alten Ritter selber getroffen habe, und bei dem allgemeinen Klatschen und Anblicken und Anfragen der Bewunderung, sich etwa in den Kopf zu setzen, er sei gar nicht gemeint, nur der neue Soldat. Sondern eine wärmere Minute und höhere Stelle, um sich zu entüllen und zu entwölken, – dies sah er wohl ein – könnte kein Sternseher für ihn errechnen, als der Kulminationund Scheitelpunkt war, den er eben vor sich hatte, um die Wolke des Inkognito seinem Phöbus auszuziehen. Zum Glück war er früher darauf gerüstet und hatte daher – da er längst wusste, dass die Menschen die ersten Worte eines grossen Mannes, sogar die kahlsten, länger behalten und umtragen als die besten nach einem Umgange von Jahren – schon auf der Kunststrasse, zehn Meilen vom Lesesaal, folgende improvisierende Anrede ausgearbeitet:
"Ehrwürdige Versammlung, fänd' ich nur die ersten Worte! Auf eine solche Sympatie einer so gebildeten Gesellschaft mit mir durft' ich ohne Eigenliebe nicht rechnen. Aber eine Herzergiessung verdient die andere, und ich gebe mich willig dem Ungestüm der Augenblicke preis. Möge, ihr Herrlichen, euch jeder Schleier des Lebens so abgehoben werden als jetzt, und nie decke sich euch ein Leichenschleier statt eines Brautschleiers auf. – Ich war nämlich mein eigner Vorläufer; denn ich bin wirklich der Teudobach, dessen Ankunft ich auf heute in Briefen ansagte."
"Der sind Sie nicht, mein Herr," – sagte der Hauptmann – "ich heisse von Teudobach – Sie aber, wie ich höre, Herr von Niess. – Was Sie für Ihre Werke ausgeben, sind ganz andere und die meinigen."
Niess blickte ihm ganz erstarrt ins Gesicht. – Besonnener springt der Mensch plötzlich zu hoch als zu tief – Teudobach stand fast gebietend mit seinem Macht-Gesicht, Krieger-Auge, hohen Wuchs neben dem zu kurzen Dichter, von welchem nun jedes Weiber-Auge abfiel; aber er ermannte sich und sagte: "Ich kenne Sie nicht, aber Deutschland mich." – -"Herr von Niess," versetzte Teudobach, "dasselbe ist gerade mein Fall."
Unversehends trat Teoda, welche längst vor Begeisterung unbewusst aufgestanden war, aus der verblüfften Schwester-Gemeine heraus vor Teudobach und sagte zu ihm im hohen Zürnen gegen den vieldeutigen Niess: "Sie sind der Mann, den wir alle achten, oder aller Glaube lügt." Der Hauptmann sah das kühne Feuer-Mädchen verwundert an und wollte erwidern; aber Niess rief zornig dazwischen: "An mich haben Sie geschrieben, nicht an diesen Herrn, meld' ich jetzt, und ich an Sie." – "O Gott, ich?" sagte Teoda.
"Mein Name Teudobach, Herr von Niess, ist kein angenommener, ich habe nur einen; und es gibt nur meinen noch in der Welt; Sie führen eingestanden zwei, wovon ich nur den meinigen reklamiere und Ihnen den Ihrigen billig lasse. In der allgemeinen deutschen Bibliotek können Sie meinen Namen Teudobach neben meinem rezensierten Werke finden. Jede andere Erklärung können wir uns an andern Orten geben", setzte er mit einigen Blicken hinzu, die sehr gut als Funken auf das Zündpulver einer Pistole fallen konnten.
"Sehr gern!" versetzte Niess, um nur zuerst auf der Adelprobe zu bestehen; aber auf das Vorhergehende konnte er kein Wort zurückgeben vor Überfülle von Antworten. Wer zu viel zu sagen hat, sagt meistens zu wenig, Niess noch weniger.
Noch habe ich in der allgemeinen Welt-geschichte von Essig und Zopf – die ohnehin mein Fach nicht ist, weil ich vielmehr selber eines in ihr füllen und fodern will – kein rechtes Beispiel (unter so vielen abgesetzten Günstlingen und Königen) aufgetrieben, das einigermassen dazu taugen könnte, Niessens Falle und Verfalle die gehörige Beleuchtung zu geben, wenn jemand sehen wollte, wie einem mann zumute gewesen, den man auf einmal vom Musenberge auf die Quartanerbank, vom Trone eines Sonnen-Gottes auf den Altar seiner Opfertiere, die er vermehren soll, oder von Allem zu Nichts herunterwirft – – Gehenkte, auf den Zergliederungtischen erwachend unter dem Messer anstatt im Himmel, sind nichts dagegen. "O, ich bin stolz!" sagte Niess und ging davon.
27. Summula
Nachtrag
Keine Seele bekümmerte sich um den davongelaufnen, von seinem Siegwagen herabgepurzelten Deklamator. Doch lachte man ihm allgemein