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, der, wie auferstanden aus dem Gottesacker der Ritterzeiten, ganz dem Ritter an blick und Höhe gleich und die Hör-Gesellschaft fast ebensosehr erschreckte als erfreuete...

26. Summula

Neuer Gastrollenspieler

Jetzt in den Monaten, wo ich die 26ste Summel für die Welt bereite und würze, ist es freilich sogar der Welt bekannt, wer ankam; aber am beschriebenen Abende war noch Maulbronn selber darüber dumm.

Der eintretende Mann schrieb sich Herr von Teudobach, Hauptmann in preussischen Diensten. Nach altdeutschem Lebens-Stil war er noch ein Jüngling, das heisst 30 Jahr altund nach seinem blühenden Gesicht und Leben war er es noch mehr. Seine dunkeln Augen glühten wie einer wolkigen Aurora nach, weil er sie bisher noch auf keine andere Figuren geworfen als auf matematische in Euler und Bernoulli, und weil er bisher nichts Schöneres zu erobern gesucht, als was Koehorn, Rimpler und Vauban gegen ihn befestigt hatten. Unter diesem matematischen Schnee schlief und wuchs sein Frühling-Herz ihm selber unbemerkt. Vielleicht gibt es keinen pikantern Gegenschein der Gestalt und des Geschäfts, als der eines Jünglings ist, welcher mit seinen Rosenwangen und Augenblitzen und versteckten Donnermonaten der brausenden Brust sich hinsetzt und eine Feder nimmt und dann keine andere Auflösung sucht und sieht als einealgebraische. Gott! sagen dann die Weiber mit besonderem Feuer, er hat ja noch das ganze Herz, und jede will seinem gern so viel geben, als sie übrig hat von ihrem. Dieser Hauptmann hatte nun auf seiner Reise durch das Fürstentum Grosspolei zufällig in der Zeitung gelesen: der durch seine Schriften bekannte Teudobach werde das Maulbronner Bad besuchen. "Das ich doch nicht wüsste!" sagte der Hauptmann, weil er von sich gesprochen glaubte, indem er mehre kriegmatematische Werkchen geschrieben. Von Niessens Namenvetterschaft und Dichtkunst wusst' er kein Wort. Unter allen Wissenschaften bauet keine ihre Priester so sehr gegen andere Wissenschaften ein als die sich selber genügsame Messkunst, indes die meisten andern die Messrute selber als eine blühende Aarons-Rute entlehnen, die ihnen bei Priesterwahlen raten helfen soll. Ich kann mir Matematiker gedenken, die gar nicht gehöret haben, dass ich in der Welt bin, und die also nie diese Zeile zu Gesicht bekommen. "Es sind folglich", schloss der Hauptmann, "nur zwei Fälle denkbar: entweder irgendein literarischer Ehrenräuber gibt sich für mich aus, und dann will ich ihm öffentlich die Messrute gebenoder es treibt wirklich noch ein Wasserast und Nebensprössling meines Stammbaums, was mir aber unglaublichin jedem Falle sind fünf Meilen Umweg so viel als keiner für einen solchen Prüfung-Zweck."

Sein Erstaunen, aber auch sein Zürnendenn das Zornfeuer der Ehre hatte bisher ganz allein in ihm neben dem wissenschaftlichen Feuer und Lichte gebrannterstieg einen hohen Grad, da er in Maulbronn von seinem entzückten Wirte hörte: ein Herr von Niess habe schon heute nach einem Brief, den er von Herrn von Teudobach erhalten, dessen Ankunft angesagt; und alles werde sich im Deklamatorium über seinen Eintritt entzücken, zumal da etwas von ihm vorgelesen werde. Der Wirt trug sogar Vorsorge, ihm unter dem Deckmantel eines Wegweisers seinen Sohn mitzugeben, welcher der Wirttochter, weil sie belesen und mit darin war, sogleich das ganze Signalement des neuen Zuhörers durch drei Worte ins Ohr zustecken sollte.

Als der Hauptmann eintrat, blickten ihn die übrigen weiblichen Augen an, ausgenommen nur ein Paar: Teoda sah unter dem Vorlesen keine Gesichter alsihre inneren und bloss zu den poetischen Höhen hinauf. Noch ehe die Wirttochter die Nachricht von Teudobachs Ankunft wie einen elektrischen Funken hatte durch die Weiber-Ohrenkette laufen lassen: hatten sich schon alle Augen an den Hauptmann festgeschraubt. Denn immerhin halte Christus auf einem Berge seine Predigt oder auf dem Richterstuhle sein Jüngstes Gericht: es ist unmöglich, dass die Frauen, die davon erbaut oder gerührt werden, nicht mehre Minuten den Heiland vergessen und sich alle an den ersten Kirchengänger und Verdammten heften, der eben die Gesellschaft verstärkt; sie müssen sich umdrehen und schauen und einander etwas sagen und wieder nachschauen.

Ich will setzen, mein zweiter Satz wäre wahr, dass für das Weiberherz ein Federbusch auf dem Mannskopfe mehr wiege als ein ganzer Bund gelehrter Federn hinter dem Ohre, weil mein erster richtig wäre, dass interna non curat Praetor, oder wörtlich übersetzt, dass eine Frau vor allen Dingen gern wissen will, wie ein Mann von aussen aussieht: so hätt' ich ziemlich erklärt, warum der junge Mann mit seinem FederbuschHut in der Hand, mit seinem Jünglingblicke und seiner Mannkraft und selber mit einigen Krieg- und Blatternarben, ja sogar mit dem düstern Feuer, womit er dem Vorleser nachsah und nachhörte, den ganzen weiblichen Hör- und Sitz-Kreis wie in einem Hamen gefangen und schnalzend aus dem wasser emporhob. jetzt schlug vollends die Nachricht der Wirttochter von einem beringten Ohre zum andern: der da sei's, der Dichter.

Teoda hörte es, sah auch hinund sie und ihr Leben wurden wie von einem ausgebreiteten Abendrote überzogen. Wie ein stiller Riese, wie eine stille Alpe stand er da; und ihr Herz war seine Alpenrose. – Irgend einmal findet auch der geringste Mensch seinen Gottmensch, und in irgendeiner Zeit findet er ein wenig Ewigkeit; Teoda fands.

Der Vorleser, den die fremde Bewunderung seines Lesestücks hinriss in eigne, und der unter allen Empfindungen diese am innigsten mit dem Hör-Kreis teilte, hatte jetzt, wo die eigentliche Höhe und