1809_Jean_Paul_057_42.txt

, und er entscheide; für mich ist er der grosse Tor (ich spreche zwar nach einem Glas Wein, aber ich weiss recht gut, dass Tor unser erster altdeutscher heilender Gott gewesen) – der sage hier.... was wollt' ich denn sagen? Nun mir gilts sehr gleich, und die Sache ist ohnehin klar und fest genug. Kurz- –"

"Ich errate unsern guten Autor," sagte Strykius, "denn vielleicht kann ich, als alter Leser seiner witzreichen Werke, ihn wenigstens zum teil würdigen. Man kennt diesen tiefen Mann, er verzeihe mir sein Lob ins Gesicht, nur wenig, wenn man nicht seine gelehrte und seine witzige Seite zugleich bewundert und unterscheidet, die er beide so eng verschmelzt; aber er hat nun einmal, um spasshaft-gemein zu sprechen, Haar im Mund." – "Aber ich habe sie eben zwischen den Zähnen;" (versetzte er, einen Trutahn-Hals an der Gabel aufhebend) "ich wünschte, mancher hätte so viel Haarwuchs auf dem kopf als der Trutahn hier am Halse, und solche herrliche Haarzwiebeln wären auf eine bessere Haut und Glatze gesäet, als ich eben käuen muss."

"Ich tadle aber doch die Sauce dabei," – fiel ein ältlicher, mehr blöd- und fünfsinniger als scharfsinniger Postalter ein –, "sie will mir fast wie abgeschmackt schmecken; aber jeder hat freilich seinen Geschmack." – "Abgeschmackt, Herr Postalter," sagte der Doktor und hielt lange inne, "nennen die Physiologen alles, was weniger Salz entält als ihr eigner Speichel; daher sind Sie wegen des Ungesalzenen wahrscheinlich ein Mann von Salz, ich meine den Speichel." –

Eine schwergeputzte Landjunkerin, die ihren Kahlschädel mit einem Prunk- und Titular-Haar gekrönt, merkte (aber nicht leise genug, weil sie es französisch sagte) gegen ihre Tochter an: "Fi! Welch ein Mensch! Wer kann dabei essen?" – Der Postalter, der ihn schlecht verstand und gut aufnahm, wollte es höflich er widern und fragte: "Wie gefallen Sie sich hier, Herrrr... ich weiss Ihren werten Charakter nicht?" – "Ich mir selber?" versetzte der Doktor. "Sehr!"

Eben bekam er und die Landjunkerin kleine, etwas klumpige Pasteten auf den Teller. Er schob seinen weit in den Tisch hinein, bemerkend: gerade in solchen Pasteten würden gewöhnlich die Frauen-Perükken ausgebacken, wie hier mehre an der Tafel sässen; indes find' er darum noch kein Haar aus Ekel darin, ja er ziehe in Rücksicht des letzten Pasteten den Perükken vor.

Die Edeldame brach mit Abscheu auf, um es zu keinen stärkern Ausbrüchen kommen zu lassen. Endlich taten es auch die übrigen. Wohlgemutet drückte Katzenberger dem Rezensenten die Hand und prophezeiete sich die Freuden, die ihn erwarteten, könn' er öfter so mit ihm zusammenhausen, und beschenkte ihn mit der Herz-Ergiessung: "Ich habe am Ende (und nur mit Gewalt verschieb' ichs) sagen wollen zu Ihnen: Du!"

25. Summula

Musikalisches Deklamatorium

Die Leser finden um 7 Uhr alle Maulbronner von Bildung in Niessens Deklamiersaal. – Das musikalische Vorspiel hat schon ausgespieltNiess geht mit dem "Ritter einer grösseren Zeit" in der Hand, ihn drittels deklamierend, drittels lesend, drittels tragierend, langsam zwischen der weiblichen und männlichen Kompagniengasse auf und ab und hält bald vor diesem Mädchen still, bald vor jenem. Auch Katzenberger ging auf und ab, aber einsam im Vorsaal, teils um den reinen Musik-Wein ohne poetischen Bleizucker einzuschlürfen, teils weil es überhaupt seine Sitte war, im Vorzimmer eines Konzertsaales unter unaufhörlicher Erwartung des Billeteurs, dass er seine Einlasskarte nehme, so lange im musikalischen Genusse gratis versunken hin und her zu spazieren, bis alles vorbei war. – Der Vorleser steht schon bei den grössten lyrischen Katarakten seiner dichterischen Alpenwirtschaft, und die Musik fällt (auf kleine Finger-Winke) bald vor, bald nach, bald unter den Wasserfällen ein, und alles harmoniert. –

Der Charakter des Ritters einer grösseren Zeit war endlich so weit vorgerückt, dass viele Zuhörerinnen seufzten, um nur zu atmen, und dass Teoda gar ohne Scheu vor den scharf geschliffenen Frauen-Blicken darüber in jene Traualtar- oder Brauttränen (ähnlich den männlichen Bewunderungtränen) zerschmolz, welche freudig nur über Grösse, nicht über Unglück fliessen. Der geschilderte blühende Ritter des Gemäldes, schamhaft wie eine Jungfrau, liebend wie eine Mutter, schlagend und schweigend wie ein Mann, und ohne Worte vor der Tat, und von wenigen nach der Tat, stand im Gemälde eben vor einem alten Fürsten, um von ihm zu scheiden. Es war ein prunkloses Gemälde, das ein jeder leicht hätte übertreffen wollen. Der ältliche Fürst war weder der Landesherr noch Waffenbruder des Jünglings; er hatte sich bloss an ihn gewöhnt, aber jetzt musst' er ihn ziehen lassen, und dieser musste ziehen. Beide sprachen nun in der letzten Stunde bloss wie Männer, nämlich nicht über die letzte Stunde, sondern wie sonst, weil nur Männer der notwendigkeit schweigend gehorchen; und so gingen beide, so sehr auch in jedem der innere Mensch schwere Tränen in den Augen hatte, wortkarg, ernst, mit ihren Wunden und mit einem: Gott befohlen auseinander.

So weit war die Vorlesung einer grösseren Zeit schon vorgerückt, als noch die tür aufging und wie ein fremder Geist ein Mann eintrat