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so sehr und doch leider mich kein Hund!"

Endlich, hoff' ich, ist Hoffnung da, dass mittags gegessen wird in Maulbronn, in der 23sten Summel.

23. Summula

Ein Brief

Herr von Niess führte seine schöne Tischgenossin in die glänzenden Esszirkel an eine Stelle, wohin das väterliche Ohr nicht langte. Der Esssaal war die grüne Erde, mit einem von Laubzweigen durchbrochenen Stückchen Himmel dazu. Lustbeklommen überflog Teoda mit dem scheuen Auge die wallende Menge, in der weiblichen Hoffnung, ob doch nicht zufällig daraus der Gehoffte auffliege. Ihre Seele quälte, sehnte sich immer heftiger und immer unverständiger; ihr war, als müsse er überall gehen und sitzen. In diesen Frauen-Rausch hinein reichte nun der Edelmann den Brief, den Teudobach an ihn geschrieben. Mehr bedurfte ihre Seele nicht, um den Tisch-Trompeten leise nachzuschmettern, um das Erden-Leben für Sonnenstern-Leben zu halten und um ausser sich zu sein.

Nun standen alle Rosenknospen als glühende Rosen aufgebrochen da. Sie drückte Niessens Hand im Feuer, und er freuete sich, dass er keinen andern Nebenbuhler hatte als sich selber. Die Neuigkeit lispelte sich bald von seiner zweiten Nachbarin die Tafel hinab. Er brachte deswegen, da er schon als Freund eines Gross-Autors Aufmerksamkeit gewann, mehre Sentenzen teils laut, teils gut gedreht hervor, weil leicht auszurechnen war, wie sie vollends umlaufen würden, wenn er mit dem Dichter in eins zusammengeschmolzen. Die Tischlustbarkeit stieg zusehends. Das Brunnen-Essen ist, ungleich dem Brunnen-Trinken, die beste Brunnen-Belustigung und ohnehin froher als jedes andere; ausser der Freiheit wirkt noch darin, dass man da keinen andern Arbeittisch kennt als den Esstisch und keine Schmollwinkel als die Badewanne.

24. Summula

Mittagtischreden

Aber unten am entgegengesetzten Tafel-Ausschnitt, wo Katzenberger neben seinem gastfreien Rezensenten sass, nahm man von Zeit zu Zeit auf den Damengesichtern von weitem verschiedene Querpfeifer-Muskel-Bewegungen und Mienen-Vielecke wahr. Der Doktor hatte nämlich bei der Suppe seinen Wirt gebeten, ihn mit den verschiedenen Krankheiten bekannt zu machen, welche gerade jetzt hier vertrunken und verbadet würden. Strykius wusste, als ein leise auftretender Mann, durchaus nicht, wie er auf Deutsch (zumal da ausser dem eignen Namen wenig Latinität in ihm war) zugleich die Ohren seines Gastes bewirten, und die der Nachbarinnen beschirmen sollte. "Beim Essen", sagte eine ältliche Landjunkerin, "hörte sich dergleichen sonst nicht gut." – "Wenn Sie es des Ekels wegen meinen," versetzte der Doktor, "so biet' ich mich an, Ihnen, noch ehe wir vom Tisch aufstehen, ins Gesicht zu beweisen, dass es, rein genommen, gar keine ekelhafte Gegenstände gebe; ich will mit Ihnen Scherzes halber bloss einige der ekelhaften durchgehen und dann Ihre Empfindung fragen." Nach einem allgemeinen, mit weiblichen Flachhänden unternommenen Niederschlagen dieser Untersuchung stand er ab davon.

"Gut," sagt' er, "aber dies sei mir erlaubt zu sagen, dass unser Geist sehr gross ist und sehr geistig und unsterblich und immateriell. Denn wäre dieser Umstand nicht, so waltete die Materie vor, und es wäre nicht denklich; denn wo ist nur die geringste notwendigkeit, dass bei Traurigkeit sich gerade die Tränendrüse, bei Zorn die Gallendrüse ergiessen? Wo ist das absolute Band zwischen geistigem Schämen und den Adernklappen, die dazu das Blut auf den Wangen eindämmen? Und so alle Absonderungen hindurch, die den unsterblichen Geist in seinen Taten hienieden teils spornen, teils zäumen? In meiner Jugend, wo noch der Dichtergeist mich besass und nach seiner Pfeife tanzen liess, da erinner' ich mich noch wohl, dass ich einmal eine ideale Welt gebauet, wo die natur den Körper ganz entgegengesetzt mit der Seele verbunden hätte. Es war nach der Auferstehung (so dichtete ich); ich stieg in grösster Freude aus dem grab, aber die Freude, statt dass sie hienieden die Haut gelinde öffnet, drückte sich droben bei mir und bei meinen Freunden durch Erbrechen aus. Da ich mich schämte wegen meiner Blösse, so wurde ich nicht rot, sondern sogenannt preussisch Grün, wie ein Grünspecht. – Beim Zorn sonderten sämtliche Auferstandne bloss album graesum ab. – Bei den zärtern Empfindungen der Liebe bekam man eine Gänsehaut und die Farbe von Gänse-Schwarz, was aber die Sachsen GänseSauer nennen. – Jedes freundliche Wort war mit Gallergiessungen verknüpft, jedes scharfe Nachdenken mit Schlucken und Niesen, geringe Freude mit Gähnen. – Bei einem rührenden Abschied floss statt der Tränen viel Speichel. – Betrübnis wirkte nicht wie bei uns auf verminderten Pulsschlag, sondern auf Wolf- und Ochsen-Hunger und Fieber-Durst, und ich sah viele Betrübte Leichentrunk und Leichenessen zugleich einschlucken. – Die Furcht schmückte mit feinem Wangenrot. – Und feurige, aber zarte Zuneigung der Ehegatten verriet sich, wie jetzt unser Grausen, mit Haarbergan, mit kaltem Schweiss und Lähmung der arme. – Ja, als...."

Aber hier lenkte der vorsorgende Brunnenarzt den ungetreuen Dichterstrom durch die Frage seitwärts: "Artig, sehr artig, und wie Haller, wahrer Dichter und Arzt zugleichAber Sie haben sich gewiss vorhin in der Wirklichkeit schöner gefühlt, da Sie aufmerksam unsern schönen Damenzirkel durchliefen?" – "Allerdings," versetzte er, "und ich tue es auch in jeder neuen Gesellschaft in der Hoffnung, endlich einmal ein Monstrum darunter zu finden. Denn jetzt bin ich der blühende