zu lernen.
Diese sehnsüchtige Hoffnung sollte ihm heute erfüllt werden, so dass ihm statt des potzneusiedlischen Galgenstricks wenigstens der Maulbronner Strick oder Strykius zuteil wurde. Er traf unten an dem Brunnenhause – dem Industriekomptoir und Marktplatze eines Brunnenarztes – den verlangten. Der Brunnenarzt lief, da er mit der gewöhnlichen Neugier dieses kürzesten Amtes schon Katzenbergers Namen erjagt hatte, ihm entgegen und konnte, wie er sagte, die Freude nicht ausdrücken, den Verfasser einer haematologia und einer epistola de monstris und de rabie canina persönlich zu hören und zu benützen und ihm, wo möglich, irgendeinen Dienst zu leisten. "Der grösste", versetzte der Doktor, "sei dessen Gegenwart, er habe längst seine Bekanntschaft gewünscht." – Strykius fragte: "wahrscheinlich hab' er seine schöne Tochter als ihr bester Brunnenmedikus hierher begleitet, wenn sie das Bad gebrauche."
"Nicht eines zu gebrauchen," antwortete er, "sondern einem Badegaste eines zuzubereiten und zu gesegnen, sei er angelangt." – "Also auch im Umgange der scherzhafte Mann, als den ich Sie längst aus Ihren epistolis kenne? Doch Scherz beiseite", sagte Strykius und wollte fortfahren. "Nein, dies hiesse Prügel beiseite", sagte der Doktor. "Ich bin wirklich gesonnen, einen kritischen Anonymus von wenig Gewicht, den ich hier finden soll, aus Gründen, solange wir beide, nämlich er und ich, es aushalten, was man sagt, zu prügeln, zu dreschen, zu walken. Indes will ich als ein Mann, der sich beherrscht, nur stufenweise verfahren und früher seine Ehre angreifen als seinen Körper."
"Nun diesen Scherz-Ernst abgetan," – sagte der Brunnenarzt, sich totlachen wollend – "so versprech' ich Ihnen hier wenigstens fünf Freunde des Verfassers der Hämatologie, Männer vom Handwerk."
"Es soll mich freuen," sagte der Doktor, "wenn einer darunter mich rezensiert hat, weils eben das Subjekt ist, dem ich, wie ich Ihnen schon anvertraut, so viel Hirn ausschlagen will, als ein Mensch ohne Lebensgefahr entbehren kann, welches, wie Sie wissen, bis auf zwei Unzen steigt, es müsste denn sein, dass ich aus Liebe mich auf blosses Einschlagen der Hirnschale einzöge. – Wenn schon jener FestungKommandant jeder davonlaufenden Schildwache fünfundzwanzig Streiche aufzählen liess, die einen Geist gesehen: wieviel mehr kann ich einer kritischen geben, die keinen Geist in meinen Werken gesehen! Wie?"
"Tun Sie, was Sie wollen, Humorist; nur sein Sie heute mit Ihrer blühenden Tochter mein Gast im grossen Brunnensaale", sagte Strykius; er fand seine Bitte gern gewährt und schied mit einem eiligen Handdruck, um einem verdrüsslichen Grafen zu antworten, der eben gesagt: "Franchement, Mr. Médecin, ich habe bisher von dem detestabeln Gesöff nur die Hälfte Ihrer vorgeschriebenen Gläser verschluckt; ich verlange nun durchaus bloss diese Hälfte verordnet."
"Gut," versetzte er, "von morgen an dürfen Sie keck mit der bisherigen Hälfte fortfahren."
Diese Antwort vernahm noch der Doktor mit unsäglichem Ingrimm; er, der sich von keinem Generale und Ordens-Generale und Kardinale nur eine einzige von 1000 verordneten Merkurialpillen hätte abdingen lassen. Strykius milde Höflichkeit verdross ihn mehr, als die grösste Grobheit getan hätte, auf die er zufolge der anonymen in den Rezensionen so gewiss gezählet hatte; einen rauhen, widerhaarigen, stämmigen Mann hatte er zu finden gehofft, dem der Kopf kaum anders zu waschen ist als durch Abreissen oder Abhaaren desselben, wenigstens einen Mann, der wie ein Teich unter seinen weissen wasser-Blüten scharfgezähnte Hechte verberge – – aber er, ein so gebognes, wangenfettes, gehorsamstes, untertänigstes Zier-Männchen, das noch niemand ein hartes Wort gesagt als etwa Frau und Kindern, gegen niemand ein Elefant als gegen Elefanten-Käfer und Elefant-Ameisen!... Nichts erbittert mehr als anonyme Grobheit eines abgesüssten Schwächlings!
Allerdings gibt es ein oder das andere Wesen in der Welt, das Gott selber kaum stärken kann ohne den Tod – das sich als ewiger Bettelbrief gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedeninstrument gern brechen lässt – das eine Ohrfeige empfängt und zornig herausfährt, es erwarte nun, dass man sich bestimmter ausdrücke – das nicht sowohl zu einem armen Hunde und Teufel als zu einem niesenden fürstlichen mit Silberhalsband sagt: Gott helf, oder contentement – dessen Zunge der ewig geläutete Klöppel in einer Leichenglocke ist, welche ansagt: ein Mann ist gestorben, aber schon ungeboren – das erst halb, ja dreiviertels erschlagen sein will, bevor es dem Täter geradezu heraussagt auf dem Totenbette im Kodizill, es sei dessen erklärter Todfeind – das jeder so oft zu lügen zwingen kann, als er eben will, weil es sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht – und dem nur der Feind gern begegnet und nur der Freund ungern. – –
Indem ich ein solches Wesen mir selber durch den Pinsel und das Gemälde näher vor das Auge bringe: erwehr' ich mich doch nicht eines gewissen Mitleidens mit solchen tausendfach eingeknickten Seelen, die nun Gott einmal so dünnhalmig in die Erde gesäet hat; und welchen, obwohl am wenigsten durch schnelles Aufschrauben, doch auch nicht durch schweres Niederdrücken aufzuhelfen ist, sondern vielleicht durch allmähliches Ermuntern und Aufwinden und durch Abwenden der Versuchung.
Aber an das letzte war bei Katzenberger nicht zu denken. Des Brunnenarztes Sprech- und Tat-Marklosigkeit neben seiner harten, heissen schreibe-Strengflüssigkeit im Richten setzten in