so aufgeheitert im Angesicht wie das ganze Morgenblau brachte Katzenberger zu Tochter und Niess seine heitere Nebenaussicht hinauf, den Abstecher nach Potzneusiedl zum Postdiebe zu machen. –
Aber von welchen Wolken wurde sein helles Berghaupt umschleiert, nicht bloss vom Nein des ReiseBündners Niess, der durchaus noch am Morgen in Maulbronn einpassieren wollte, sondern noch mehr von dem heftig-bittenden Nein seiner Tochter, deren Herz durchaus sich zu keinem Einnehmen einer solchen Mixtur von Brunnenbelustigung und Abwürgung bequemen konnte! Am Ende fand der Doktor selber einen Umweg über eine Richtstätte zum Lustorte für eine Weiberseele nicht zum anmutigsten, und er stand zuletzt aus Liebe für die sonst selten flehende Tochter, wiewohl unter mehr als einem Schmerze, von einem lachenden Seitenwege ab, wo ihm ein Galgenvogel als eine gebratene Taube in den Mund geflogen wäre, indem er am Diebe das Henken beobachten, vielleicht einige galvanische Versuche auf der Leiter nachher und zuletzt wohl einen Handel eines artigen Schaugerichts für seine Anatomiertafel hätte machen können. Der Gehenkte wäre dann eine Vorsteckrose an seinem Busen auf der ganzen Reise ins Maulbronner Rosental gewesen – –
So aber hatte' er nichts, und der Potzneusiedler Dieb hing wie eine Tantalusfrucht unerreichbar vor seiner Seele, und er musste sichs auf der Landstrasse von Stunde zu Stunde bloss schwach vormalen: jetzt wirft das Gericht die Tische um – jetzt fährt der Räuber seinem Galgen zu – jetzt hangt er ruhig herab – und er pries die Potzneusiedler glücklich, die um den Rabenstein stehen und alles geniessen konnten.
Es war eigentlich nicht sehr zum Aushalten mit ihm an diesem Morgen, und er merkte an, nur um verdriessliche Dinge vorzubringen, es gebe schmerzhafte Erinnerungen, die man so wenig vergesse wie die erste Liebe; so könn' er z.B., erzählt' er, bis diesen Morgen nicht ohne neues Schmerzgefühl daran denken, dass er einmal in Holland, auf einer Treckschuyte fahrend, einem Hering den Kopf abgebissen, um den Rumpf aufzuspeisen, aber im; Vergreifen den köstlichen Hering selber am Schwanze ins wasser geschleudert und nichts behalten habe als den Kopf: "Nach diesem Hering sehen' ich mich ewig", sagte er. – "Mir ganz denkbar," sagte Niess, "denn es ist traurig, wenn man nichts behält als den – Kopf."
Als sie alle endlich in dem unmittelbaren Fürstentümchen Grosspolei (jetzt längst mediatisiert) den letzten Berg hinabfuhren ins Bad Maulbronn, das ein Städtchen aus Landhäusern schien, und als man ihnen vom Turme gleichsam wie zum Essen blies: so musste den drei Ankömmlingen, wovon jede person sich bloss nach ihrer Ziel-Palme scharf umsah, nämlich:
die erste, um angebetet zu werden,
die zweite, um anzubeten,
die dritte, um auszuprügeln,
ganz natürlicherweise die präludierende Bad-Ouvertüre der ersten person, Niess, als eine Famatrompete erklingen, der zweiten, Teoda, als ein Verwandel- oder Messglöckchen zum Niederfallen, und der dritten, Katzenberger, als eine Jagd- oder auch Spitzbubenpfeife zum Anfallen. Wenn sie freilich Flexen mehr als ein Vogelschwanzpfeifchen vorkam, weil sein Herz nur sein Vor-Magen war, und er erst alles von hinten anfing, so ist dieser Einleg-Riese, wie man Einleg-Messer hat, viel zu klein, um hier angeschlagen zu werden.
Indes zeigt dieses widertönige Quartett, wie verschieden dieselbe Musik in Verschiedene einwirke. Da sie aber dies mit allem in der Welt und mit dieser selber gemein hat: so mag für sie besonders der Wink gegeben werden, dass ihr weites Äterreich mit demselben Blau und mit derselben Melodie einen Jammer und einen jubel trage und hebe.
Der Doktor bezog zwei Kammern in der sogenannten grossen Badewirtschaft- bloss sein Herz war noch in Potzneusiedl unter dem Galgen –, und Niess mietete ihm gegenüber eines der niedlichsten grünen Häuserchen.
Aber der rechte Musik-Text fehlt vor der Hand der begeisterten Teoda; auf der Badeliste, wornach sie zuerst fragte, erschien noch kein angelangter Teudobach. Doch hatte sie die Freude, in der grosspoleischen Zeitung angekündigt zu lesen: "Der durch mehre Werke bekannte Teudobach, habe man aus sicherer Hand, werde dieses Jahr das Maulbronner Bad gebrauchen." Die Hand war sicher genug, denn es war seine eigne.
Der Doktor fragte, ob der Brunnenarzt Strykius da sei; und ging, als man ihm ein feines, um das Brunnen-Geländer flatterndes Männchen zeigte, sogleich hinab.
Dieser Strykius, ein gerader Abkömmling vom berühmten Juristen Strykius – dem er absichtlich die lateinische Namens-Schleppe nachtrug, um dem deutschen Strick zu entgehen –, war bekanntlich eben der Rezensent der Katzenbergerschen Werke gewesen, den ihr Verfasser auszustäupen sich vorgesetzt. Auf Musensitzen – wie in Pira –, die zugleich rezensierende Musenvätersitze sind, ist es sehr leicht, da alle diese Kollegien untereinander kommunizieren, den Namen des apokalyptischen Tiers oder Untiers zu erfahren; bloss in Marktflecken und Kleinstädten wissen die Schulkollegen von nichts, sondern erstaunen. Mehr als durch alle Strykischen Rezensionen in der allg. deutschen Bibliotek, in der oberdeutschen Literaturzeitung u.s.w. war der milde Katzenberger erbittert geworden durch lange grobe hämische und späte Antworten auf seine gelehrten Antikritiken. Denn dem Doktor war es schon im Leben bloss um die Wissenschaft zu tun, geschweige in der Wissenschaft selber. Da er indes eine unglaubliche Kraft zu passen besass: so sagte er ein akademisches Semester hindurch bloss freundlich: "Ich koch's," und tröstete sich mit der Hoffnung, den Brunnenarzt persönlich in der Badezeit kennen