auf seinen Beinen. Aber sein Nebenmann und Badegast zündete eilig Licht in seinem Kopf an, indem er den letzten bei den Haaren nahm und so die Faust sollte den Raufdegen oder Raufer spielen – geschickt genug das Lufttreffen einleitete. Denn da diese neue Seemacht die Knie als Anker auf Männikes Bauchfell auswarf und zuvörderst die Zitadelle der Festung, nämlich den Kommandanten, d.h. dessen Kopf, besetzt und genommen hatte: so musste sich für jedes Herz auf der brücke ein anmutiges Vesperturnier anfangen oder eine flüchtige republikanische Hochzeit, folglich deren Scheidung auf dem nassen Wege. In der Tat prügelte jeder von beiden den andern genug – keiner konnte im lauten wasser sein eigenes Wort hören, geschweige Vernunft; nicht nur nach Lebensluft des Lebens, sogar nach Ehren-Wind der Fama mussten beide schnappen – die schönsten Taten und Stösse entwischten der geschichte. Glücklicherweise stiess der Hallore und Fluss-Mineur unten auf den Schiebkarren, womit Männike als auf einem Triumphkarren vor wenigen Minuten wie ein glänzender Wassermann oder wässriger Meteor gefahren war und sich von der brücke hatte mit Lob beregnen lassen. – Der Hallore fasste den Vorspringer und stülpte ihn so abgemessen auf den Karren, dass dessen Gesicht aufs Rad hinaussah und die beiden Beine mit den Zehen auf die Karren-Gabel fest geheftet lagen. So schob er den verdienten Artisten ans Ufer hinaus, wo er erwartete, was die Welt zu seiner Fischgerechtigkeit, Fischer zu fangen, sagen würde.
Die Freude war allgemein, Herr Männike wünschte während derselben auf dem terminierenden Teller Brückenzoll im schönern Sinne einzufordern; aber die Höfleiner wollten wenig geben. Der Doktor nahm sich der Menge an und sagte: Mit Recht! Jeder habe wie er bloss dem guten eingepfarrten ansässigen Halloren, ders umsonst getan, zugesehen, weiter keinem; am wenigsten Herrn Männike, dem spätern Nebenregenbogen des Hallensers. "Ich selber", beschloss er, "gebe am wenigsten, ich bin Fremder." Da nun das Wenigste Nichts ist, so gab er nichts und ging davon; – und der Ketzer-Glaube, gratis zugesehen zu haben, frass auf der brücke auffallend um sich.
19. Summula
Mondbelustigungen
Auf der kurzen Fahrt nach Fugnitz wurde sehr geschwiegen. Der Edelmann sah den nahen LunasAbend mitten im Sonnenlichte schimmern; und der Mondschein mattete sich, aus dieser Seelen-Ferne geschauet, zu einem zweiten zärtern ab. Teoda sah die niedergehende Sonne an, und ihr Vater den Hasen. Die stille Gesellschaft hatte den Schein einer verstimmten; gleichwohl blühte hinter allen äussern Knochen-Gittern ein voller hängender Garten. Woher kommts, dass der Mensch – sogar der selber, der in solchem Dunkel überwölbter Herzens-Paradiese schwelgt und schweigt – gleichwohl so schwer Verstummen für Entzücken hält, als fehle nur dem Schmerz die Zunge, als tue bloss die Nonne das Gelübde des Schweigens, nicht auch die Braut, und als geb' es nicht ebensogut stumme Engel wie stumme Teufel?
Im Nachtquartiere traf sichs für den Edelmann sehr glücklich, dass in die Fenster der nahe Gottesacker mit getünchten und vergoldeten Grabmälern glänzte, von Obstbäumen mit Zauberschatten und vom Mond mit Zauberlichtern geschmückt. Es wurde' ihm bisher neben Teoda immer wohler und voller ums Herz; gerade ihr Scherz und ihr Ungestüm, womit ihre Gefühle wie noch mit einer Puppen-Hülse ausflogen, überraschten den Überfeinerten und Verwöhnten; und die Nähe eines entgegengesetzten Vaters hob mit Schlagschatten ihre Lichter; denn er musste denken: wem hat sie ihr Herz zu danken als allein ihrem Herzen? – Hätte er die Erfahrung der Soldaten und Dichter nicht gehabt, zu siegen wie Cäsar, wenn er käme und – gesehen würde oder gar gehört – wie denn schon am Himmel der Liebestern sich nie so weit vom dichterischen Sonnengott verliert, dass er in Gegenschein oder Entgegensetzung mit ihm geriete –: wäre dies nicht gewesen, Niess würde anders prangen in dieser geschichte.
Im Fugnitzer Wirtaus geriet er mit sich in folgendes Selbgespräch: "Ja, ich wag' es heute und sag' ihr alles, mein Herz und mein Glück. – Blickt sie neben mir allein in den stillen Mond und auf die Gräber und in die Blüten: so wird sie das Wort meiner Liebe besser verstehen; o dann soll das reine Gemüt den Lohn empfangen und der geliebte Dichter sich ihm nennen. Wenn sie aber Nein sagte? – Kann sie es denn? Geb' ich ihr nicht meinen Stand und alles und mein Herz? Und bist du denn so unwert, du armes Herz? Schlägst du nicht für fremde Freuden und Leiden stark? Und noch niemand hab' ich unglücklich machen wollen. Nicht stark genug ist mein unschuldiges Herz, aber ich hasse doch jede Schwäche und liebe jede Kraft. O wären nur meine Verhältnisse anders und hätt' ich meine Seelenzwecke erreicht: ich wollte leicht trotzen und sterben. Woraus schöpft' ich denn meinen 'Ritter grösserer Zeit' als aus meiner Brust? – Meinetwegen! – Sagt sie doch Nein und verkennt mich und liebt nur den Autor, nicht den Menschen: so bestraf' ich sie im Badeort und nenne mich – und dann verzeih' ich ihr doch wieder von Herzen."
Am Ende und zumal hier nach dem Lesen dieses Selbgesprächs werf' ich mir selber vor, dass ich vielleicht meinem fatalen Hange zum Scherztreiben zu weit nachgegeben und den guten Poeten in Streiflichter hineingeführt, in denen er eigentlich lächerlich aussieht und fast schwach. Kann er denn so viel dafür, dass seine Phantasie stärker als sein Charakter ist und Höheres