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ganzen Tage hing der frühe Tauglanz ander Abend fand den Morgen noch im Schimmer, und der Mond spiegelte sich im Sonnentaudie Sterne zogen in das Herz herab und erleuchteten die schönsten Nachtstücke darinund was wollen wir Menschen denn weiter? – –

Zweites Bändchen

Zweite Abteilung

17. Summula

Blosse Station

Ihr Wirtshaus war ein Postaus, und zwar glücklicherweise für den Doktor. Denn während der Postalter sich mit der Missgeburt abgab: fand jener gelegenheit, einen dicken unfrankierten Briefwürfel, an sich überschrieben, ungesehen einzustecken als SelbBriefträger.

Nicht etwa, dass er es stehlen wolltewas er am liebsten getan hätte, wäre nicht der unschuldige Postalter dadurch doppelt schuldig geworden, einmal an Ruf, dann an Geld –, sondern er nahms, um es ehrlich wieder hinzulegen, wenn er es mit zarter Hand aufgemacht, um zu erfahren, was darin sei, und ob der Bettel das Porto verlohne, oder ob er aussen auf den Umschlag zu schreiben habe: retour, wird nicht angenommen. Vor der Nase des Briefträgers konnte' er nicht, ohne zu bezahlen, erbrechen; ob er gleich das Aufmachen, in der Hoffnung, einen recht gelehrten und bloss der Sicherheit wegen unfrankierten Brief zu gewinnen, selten lassen konnte. Indes der Schreck, dass er vor einigen Wochen eine schwere grobe Briefhülse undschale aufgeknackt, woraus er für sein Geld nichts herauszuziehen bekommen als die grüne Nuss von einer Pränumerantenwerbung für einen Band poetischer Versuche samt einigen beigelegten, dieser Schreck fuhr ihm bei jedem neuen Briefquader in die Glieder. – Zum Unglück aber war in dem fein geöffneten Brieftestament dieses Mal eine herrliche Erbschaft von den wichtigsten, mit kleinster Schrift geschriebenen Bemerkungen über alle seine Werke, und zwar von Dr. Semmelmann, fürstlichem Leibarzt in Maulbronn. Auf der Stelle versiegelte er entzückt das Paket und legt' es auf den alten Platz zurück, um eine Viertelstunde darauf vor dem Postalter sich anzustellen, als säh' er eben ein an sich adressiertes Briefschreiben, das er sofort auslösen und bezahlen wolle.

Aber der kurzstirnige Postalter gabs durchaus nicht her, "er halt' es als Postalter postfest," sagte er, "bis auf die Station, und da könn' es der Herr selber holen, wenn er keine posträuberische Absichten habe, was ein Postalter nicht riechen könne." Nie bereute Katzenberger seine Ehrlichkeit aufrichtiger als dieses Mal; aber in die dicke Kurzstirn war kein Licht und kein Blitz und kein Donnerkeil zu treiben; und Katzenberger hatte von seinem Wünschen nichts weiter, als dass der Postalter, über ein so unsinniges Ansinnen erbittert, ihm die Zeche verdoppelt anschrieb, und er selber zwischen Fortreisen nach Maulbronn und zwischen Umkehren, dem Semmelmannschen Pakete hintennach, ins Schwanken geriet.

Im ganzen bewahrte Katzenberger sich durch einen gewissen Egoismus vor allem Nepotismus. eigentlich ist jede Menschenliebe, sobald sie auf besonderes Beglücken, nicht auf ruhiges Liebhaben anderer ausgeht, vom Nepotismus wenig unterschieden, da alle Menschen ja, von Adam her, Verwandte sind. Daher auch Männer in hohen Posten den Schein eines solchen Nepotismus gegen adamitische Verwandte so sehr fliehen. übrigens lässt gerade diese Verwandtschaft von Jahr zu Jahr mehr ruhige kalte Behandlung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahrhundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitläuftigere Anverwandte von einander und am Ende nur kahle Namenvettern, so dass man zuletzt nichts mehr zu lieben und zu versorgen braucht als nur sich.

18. Summula

Männikes Seegefecht

Um den Leser nicht durch zu viel Ernst und Staat-geschichte zu überspannen, möge ein unbedeutendes Seegefecht, im Städtchen Höflein, wo die Pferde Vesperbrot und Vesperwasser bekamen, hier eine kurze Unterbrechung gewähren dürfen, ohne dadurch den Ton des Ganzen zu stören.

Der Wasserspringer Männike hatte nämlich den ganzen Höfleiner Adel und Pöbel auf die brücke des Orts zusammengeladen, damit beide sähen, ob er auf dem wasser so viel vermöchte und gewänne als die Briten-Insel, diese Untiefe und Klippe des strandenden Europas. Der Springer, der sowohl bemitleidet als bewundert zu werden wünschte, und der unten im Nassen recht in seinem Elemente sein wollte, hatte dem Städtchen versprochen, im wasser Tabak zu rauchen, mit einem Schiebekarren zu fahren, andertalb Klafter hoch Freudenwasser wie Freudenfeuer zu speien, gleich einem Flussgotte von Stein, und dann im Strome noch grössere Kunststücke für morgen der erstaunten brücke zu versprechen.

Die Reisegesellschaft, die Pferde ausgenommen, begab sich gleichfalls auf die brücke und machte gern einer herfliegenden gebratenen Taube den Mund auf.

Der Wasserspringer tat in der Tat, so weit Nachrichten reichen, das Seinige und den Rittersprung vom Geländer ins wasser zuerst und stahl sich in viele Herzen. Inzwischen stand auf der Brücken-Brüstung ein längst in Höflein angesessener Hallore aus Halle, der mehrmals murmelte: die Pestilenz über den Hallpursch! Er wollte sich wahrscheinlich in seiner Sprache ausdrücken und sich so Luft verschaffen, da er durch den Nebenbuhler unten im wasser so lange auf dem Geländer gelitten. Katzenberger neben ihm zeigte mit dem Finger wechselnd auf Männike und den Halloren, als woll' er sagen: Pavian, so spring nach! Endlich hielt der Hallore es auch nicht mehr aussondern warf seinen halben Habit hinter sich, die LederKappe, – fuhr wie ein Stechfinke auf das FinkenMännchen in seinem Wassergehegeund machte den Sprung auf Männikes Schienbeine her unter, als dieser eben zurückliegend sein Freudenwasser aufwärts spie und, den offnen Himmel im Auge, anfangs gar nicht wusste, was er von der Sache halten sollte, vom Kerl