1809_Jean_Paul_057_32.txt

meinen Leib; da vertropften wieder diese Perlen als Tränen: gut, sagt' ich, ich weinte ja schon vorhin, eh' sie kam, und noch viel länger.

"Es ist schon Ewigkeit," sagten einige, "denn die Körper gehorchen dem Sehnen; die Raupen auf Blumen fliegen als Schmetterlinge auf, wenn wirs denkender dicke Schlaf kommt, sogleich wird er ein durchsichtiger Traumwir blicken ins dunkle Grab und schlagen es durch mit dem Augenfunken, und unten sieht aus dem zweiten Himmel ein mildes Sonnengesicht herauf." – "Nein, es ist erst Zeit," sagten die andern, "seht nach dem Zifferblatt." – Auf einer weissen hohen Gesetztafel flogen noch die wimmelnden Kugelschatten umlaufender Welten durcheinander.

Nur die Töne allein konnten wir nicht verändern, denn sie sind selber Seelen, sagten wir. Sie waren schon auf der alten tiefen Erde bei uns gewesen und waren uns nachgegangen durch die Sonne, durch den Sirius und den unendlichen Sternen-Weg; sie waren die Engel Gottes, die uns von seinen Himmelhöhen erzählten, dass das Herz vor lauter sehnsucht in seinen eignen Tränen starb.

Jetzt zog die Ewigkeit näher. Die Sonnen rings am Himmel-Rand waren alle eingegangen, und nur noch einige sanfte blickten miteinander an der dunkeln Höhe zusammen. Wir waren alle Kinder geworden, und der eine sagte zum andern: Du kennst mich und ich dich sehr gut, aber wir haben keine Namen. Helle gespannte Farben erklangen; hohe Töne blitzten oben im Flug, und die tiefern liessen am Boden Blumen fallen. Es donnerte; jetzt bricht das Welten-Eis, sagten wir, es wird schmelzen und rinnen und verrinnen. Wo bleibt aber mein kleines, auf der Erde verstorbenes Kind? sagte selber eines. Es schwimmt in seiner Wiege auf dem Weltenmeer daher, antwortete das andere.

Nun stand nur noch eine Sonne mild und bleich am gewölbten Blau. – Der rollende Eisdonner verlief sich zu tiefen Tönen und endlich zu fernen Melodien. – In Abend stiegen goldne Wolken aus dem Boden gegen Himmel, und Sternbilder schlichen sich hinter ihnen zu Boden nieder. – In Morgen stand die Ewigkeit hinter den letzten vergehenden Wolken, es war eine grosse verhüllte Glut hinter einer im Sturme umgetriebnen Regenwolke. Aber die Kinder sahen nur noch hinauf zur letzten Sonne, die oben untergehen wollte. – Da kamen die Töne, in denen ihre letzten Welten sprachen und starben; und die Kinder weinten alle, weil sie ihre lieben alten Erden-Melodien hörten, und sie beteten kindisch so zu Gott: "Wir sind ja deine Kinder, Vater, wir sind in allen Welten gestorben, und wir weinen immer noch fort, weil wir ja nicht zu dir, zu der ewigen Liebe und Freude kommen. – O wurde nicht der Himmel so tausendmal oft höher über uns, und so tausendmal tiefer, und unser liebes Erdelein verschwand bald rechts, bald links, und wir blieben immer allein? Höre, wie die guten Töne für uns beten!" –

Plötzlich glomm hoch in der fernen Unendlichkeit die goldne Flügelspitze eines unsichtbaren Engels andie schmachtend bebenden Kinder wurden unsichtbarer, wie saiten, wenn sie zittern und tönen, und verklangen im Gebete... Da fing die letzte Sonne oben zu lächeln an und schlug blaue Augen aufDer Engel mit roten ausgebreiteten Feuerflügeln rauschte herunter, um mit ihnen die Welten-Aurora wegzustreifen, die um Gott hing... Und siehe die letzte Sonne stand als Gott unten bei mir, die Welten waren verschwunden, und ich sah nichts weiterund erwachte...

Aber der Jüngling erwachte mit seiner Geliebten an der Brust, und sie lächelte angeschmiegt in sein Auge empor. Gegenüber fuhr die Morgenröte auseinander, die Erden-Sonne trat zwischen ihre Goldberge und warf schnell einen Flammenschleier über die entzückten Augen, und die lächelnde Mutter kam zur Seligkeit; der Strom floss schneller, der Wasserfall sprang lauter, und die Nachtigallen sagten alles inbrünstiger, was ich hier sage. "O Freunde" – sagte Ernst, von dem Traume und allem begeistert, und wollte gleichsam durch das Aufopfern des Gestern und durch das Einstimmen in den mütterlichen Glauben an eine Ewigkeit ohne Tod dankbar die liebende Rücksicht auf sein Glück abwenden und belohnen – "o Freunde, wie licht ist das Leben! Das Wachen ist nicht bloss ein hellerer Traum; dieser Affe unsers heiligen Bewusstseins stirbt vor den Füssen des wachen inneren Menschen, das geträumte Erwachen wird vom wahren vernichtet. – Und so werden einmal von der Ewigkeit alle unsere Träume über sie vertilgt." –

Und hier endige der endlose Streit! Eine Braut weint selig über den ersten Geburttag des Herzens, das nun dem ihrigen bleibt; aber das wiedergeborne weint selig über die sympatetische Seligkeit des fremden; so muss es sein, und so gehören wir der Liebe an. Ernestine fragte in sanfter Rührung: "Kann es denn droben etwas Höheres geben als die Liebe?" – Wahr, Ernestine! Nur in ihrund in einigen andern seltenen Blitzen des Lebens- reicht die Wirklichkeit blühend in unser innres Land der Seelen herein, und die äussere Welt fällt in eins zusammen mit der künftigen; die Liebe ist unser hiesiges Seegesicht31, und die tiefen Küsten unserer Welt erheben sich vor der alten.

Mit dieser Gesinnung wurde das schöne fest froher gefeiert. Unser ganzes Leben ist ein nie wiederkommender Geburttag der Ewigkeit, den wir darum heiliger und freudiger begehen sollten. Dem